Das Fast-Endlager für Atommüll ist politisch unmöglich geworden. Der Salzstock in Niedersachsen wurde willkürlich gewählt, seine Eignung nie bewiesen. Die Suche kann neu beginnen. Von Joachim Wille
Joachim Wille ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
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Gorleben ist verbrannt. Der Wald über dem niedersächsischen Salzstock, der den stark strahlenden Atommüll aus unseren Kernkraftwerken eine Million Jahre lang sicher einschließen soll, ist zwar noch grün. Doch das Fast-Endlager ist politisch tot, seitdem immer neue Details über die Genese des Projekts ans Tageslicht kommen.
Die Endlagersuche - eine der brisantesten energiepolitischen Aufgaben, die Staat und Stromwirtschaft zu lösen haben. Der Zeitraum, für den das gefährliche Plutonium und die anderen Spaltstoffe von der Biosphäre ferngehalten werden müssen, ist unvorstellbar lang. Eigentlich eine Hybris, so etwas garantieren zu wollen, aber, da die "Atomuhr" nicht zurückzudrehen ist, leider unabdingbar. Umso wichtiger wäre es (gewesen), mit der größtmöglichen Seriosität, Offenheit und ohne sachfremde Erwägungen an die Sache heranzugehen.
Das aber ist nicht geschehen. Die Auswahl des Salzstocks aus mehreren Alternativen in den 1970er Jahren erfolgte nicht nach rein wissenschaftlichen Kriterien, so war es von Anfang an vermutet worden. Nahe an der DDR-Grenze, dünn besiedelt, protest-ungeübt - so lautete wohl das Kalkül, das den Ausschlag gab. Fahrlässig genug und zumindest in puncto Protestpotenzial falsch. Aber es war wohl noch viel grotesker, als man es sich vorstellen möchte. Ein seriöser Zeitzeuge, damals Mitglied in der wissenschaftlichen Auswahlkommission, berichtete jüngst: Der damalige CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht habe mit dem Tipp auf Gorleben den "Sowjetzonalen" eins auswischen wollen, die auf ihrer Seite der innerdeutschen Grenze in Morsleben ja auch ein - inzwischen längst marodes, für mehr als zwei Milliarden Euro saniertes - Atom-Endlager gebaut hatten.
Nun gibt es neuen historischen Zündstoff. Akten aus den 1980er Jahren belegen, wie die Gorleben-Bewertung der damals für die Endlagersuche zuständigen Experten der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) auf Druck der damaligen konservativen Bundesregierung manipuliert wurde. Bedenken rutschten im Text nach hinten. Und vorn hieß es nach der Intervention von Kanzleramt und Ministerien in schönstem Fachdeutsch: Die "Eignungshöffigkeit" des Salzstocks sei "voll bestätigt" worden.
Die Gorleben-Story
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Im niedersächsischen Gorleben sollte nach den Plänen von Bundes- und Landesregierung von 1977 ein komplettes atomares Entsorgungszentrum entstehen. Geplant waren ein Zwischenlager für Castor-Behälter, eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe sowie ein Endlager tief unten im Salzstock. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) präsentierte den Standort bei einer Pressekonferenz im Februar 1977 in Hannover.
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Der gewählte Standort für das atomare Entsorgungszentrum liegt rund zwei Kilometer südlich der Gemeinde im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Region befindet sich an der früheren Grenze zur DDR und ist dünn besiedelt.
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Entgegen der Erwartung von Ministerpräsident Albrecht bildete sich schnell eine starke Protestbewegung. 1979 nahmen an einem "Treck nach Hannover" mehr als 100.000 Menschen teil. Albrecht sah ein, dass das große Entsorgungskonzept keine Chance hatte. Er erklärte, eine WAA-Atomfabrik sei "politisch nicht durchsetzbar".
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Die Pläne für das Zwischenlager, in dem Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen und verglaste hochradioaktive Abfälle untergebracht werden sollten, und für das Endlager wurden jedoch weiter verfolgt.
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Das Zwischenlager wird seit 1984 betrieben. Die Lagerhalle für Behälter ist 4500 Quadratmeter groß und fünf Meter hoch.
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Die regelmäßigen Castor-Transporte nach Gorleben aus der französischen WAA in La Hague, wo abgebrannte Brennstäbe bis zum Jahr 2005 angenommen wurden, sind stets von starken Protesten begleitet.
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Spektakuläre Aktionen, wie hier von Robion Wood, konnten den Transport jedoch allenfalls verzögern.
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Immer wieder blockierten Demonstranten - gut bewacht von der Polizei - den Schienenweg in Richtung Gorleben.
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Die Kreativität der Demonstranten machte den Protest gegen die Transporte nach Gorleben zu regelmäßigen Medien-Aufregern.
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Mit der Hartnäckigkeit der Demonstranten hatte die Polizei oft ihre liebe Mühe.
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Auch Greenpeace gehörte immer wieder zu den wichtigen Impulsgebern der Demonstrationen.
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Menschen aus ganz Europa demonstrieren regelmäßig gegen die Castor-Transporte.
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1979 begann die Untersuchung des Salzstocks, die Aufschluss über die Eignung als Endlager geben sollte. Der Verdacht, dass Niedersachsen den Standort im Wendland nicht primär aus fachlichen, sondern aus politischen Gründen ausgesucht hatte, wurde jüngst bestätigt.
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Als damaliges Mitglied der Auswahl-Kommission sagte der heute emeritierte Geologie-Professor Gerd Lüttig, Albrecht habe Kommissionsempfehlungen nicht abgewartet, sondern sei festgelegt gewesen.
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Zitat: "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten" (Lüttig).
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Im sachsen-anhaltinischen Morsleben hatte Ost-Berlin ein Atom-Endlager nahe der Grenze eröffnet. Nach Aussagen von Experten waren andere norddeutsche Salzstöcke nach Aktenlage mindestens ebenso oder besser geeignet als Gorleben.
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Bis 1983 lief die Voruntersuchung in Gorleben, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bewertet wurde. Danach startete die untertägige Erkundung, die die Stromkonzerne - und damit die Stromkunden - bislang 1,5 Milliarden Euro gekostet hat. Sie wurde im Jahr 2000 gestoppt.
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Sowohl Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als auch sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) versuchten, eine neue Endlagersuche zu starten. Dabei sollten nicht nur Salzstöcke, sondern auch Granit-Standorte einbezogen werden, die sich in Baden-Württemberg und Bayern befinden. Das scheiterte aber am Widerstand von Union und FDP sowie der Atomwirtschaft, die die Erkundungsarbeiten in Gorleben möglichst schnell wieder aufnehmen lassen wollen.
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Neue Zweifel an der Eignung Gorlebens bringt ein Gutachten des Ex-PTB-Mitarbeiters Ulrich Schneider, das die niedersächsischen Linken in Auftrag gegeben haben. "Es stellt sich die Frage, wann Gorleben absaufen wird", sagte der Geologe. Er verglich den Salzstock mit einem hohlen Zahn, in den Wasser wie Karies eindringe. Frühere Untersuchungen über Wasserläufe in dem Gestein kritisierte er als zu undifferenziert. Wasser dringe in das Steinsalz des geplanten Endlagers umgebenden Kalisalzschichten ein und weiche diese auf.
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Der Salzstock bei Gorleben wird seit 1977 als möglicher Standort zur Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls gehandelt. Einige Geologen bezweifeln die Tauglichkeit des Salzstocks in Gorleben als Endlager. Umweltschützer vermuten, dass der Salzstock unter dem Deckmantel der Erkundung bereits seit Jahrzehnten zum Endlager für hoch radioaktiven Atommüll ausgebaut wird. Die FR erzählt die Gorleben-Story und den Protest in Bildern
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Die Kohl-Regierung, die im Sinne der Atomwirtschaft offenbar schnell Fakten setzten wollte, überging auch die wichtigste Forderung ihrer Fachleute: Die wollten, dass neben Gorleben weitere Standorte untersucht werden. Deren Ziel: "Sachzwänge" zu vermeiden. Denn sie wussten, was passieren würde, wenn man sich auf diesen einen Lagerort versteift und dort bei der Erkundung untertage Hunderte Millionen Mark und Euro versenkt: Der Druck, Gorleben trotz eventuell besserer Alternativen durchzuwinken, würde groß.
Er wurde riesengroß. Und sogar milliardenschwer. Unglaubliche 1,5 Milliarden Euro hat Gorleben inzwischen gekostet - so exorbitant viel unter anderem, weil die Schachtanlagen bei der "Erkundung" von vornherein so groß ausgelegt wurden, dass sie später für das Endlager taugen würden. Das ist ein weiterer Skandal, der unter den Augen der Kohl-Regierung geschah.
All das ist Grund genug, die Endlagersuche neu aufzurollen - ganz im Sinne der PTB-Experten, aber noch besser. Denn wie eine Suche mit einiger Aussicht auf Akzeptanz in der Bevölkerung funktionieren kann, weiß man inzwischen - Atomkonsens sei Dank. Der wissenschaftliche "Arbeitskreis Endlager", von der rot-grünen Bundesregierung nach Beginn des noch andauernden Gorleben-Baustopps im Jahr 2000 eingerichtet, hat einen Plan dafür entwickelt. Für ihn spricht, dass Atomskeptiker und Atombefürworter in der Kommission saßen - und dass unser Nachbarland Schweiz inzwischen seine Endlagersuche nach diesem Muster betreibt: offen, transparent, mit maximaler Bürgerbeteiligung.
In Deutschland hofft eine unheilige Allianz aus Stromwirtschaft, Union und FDP, den Neustart der Endlagerpolitik verhindern zu können. Sie blockiert den richtigen Ansatz, der allein eine Befriedung der Szene, maximale Sicherheit und Gerichtsfestigkeit der Entscheidung verspricht. Und sie setzt darauf, nach der Bundestagwahl im Gorlebener Salzstock einfach so weitermachen zu können, als hätte es den Atomkonsens von 2000 nie gegeben. Die Prophezeiung sei gewagt: So wird es nicht kommen. So uneinsichtig kann gar niemand sein. Gorleben ist verbrannt.