Welcome, New America! Über das neue Gesicht der Vereinigten Staaten darf sich auch Old Europe freuen: jünger, moderner, weltoffener. Die Vereinigten Staaten haben den großen Sprung gewagt. Zum ersten Mal wird ein Afro-Amerikaner Präsident der USA. Historisch ist schon das allemal. Mit Barack Obama zieht zugleich der Vertreter einer neuen Generation ein ins Weiße Haus - und der Vertreter einer neuen Politik. Den Mehltau der Bush-Ära hat das Land mit einem klaren Votum abgeschüttelt, das keine Zweifel lässt. Obama hat nun ein Mandat für den Change, den Wandel, den er versprochen hat.
Stützen kann sich der künftige Präsident dabei auf eine größer gewordene demokratische Mehrheit im Kongress. Vor zwei Jahren noch hielten in Washington die Republikaner alle Macht in ihren Händen. Jetzt tun es die Demokraten. So rasch, so konsequent ist die US-Nation selten umgeschwenkt. Amerikas Wähler haben einen dicken Schlussstrich gezogen unter die Ära des George W. Bush und seine Politik. Deren Bilanz hält eine Mehrheit heute für einen Scherbenhaufen. Obama erbt zwei Kriege, deren Ende nicht in Sicht ist, eine leere Staatskasse, eine Dreifachkrise bei Immobilien, Banken und Konjunktur, ein verunsichertes Volk im Schuldenkater, wachsende soziale Verwerfungen.
In vielem mag der Wahlsieg des Demokraten da zwangsläufig wirken: der richtige Mann am richtigen Ort zur rechten Zeit. Und im Laufe eines schier endlosen Wahlkampfs ist dieses neue, charismatische Gesicht Amerikas uns fast schon vertraut geworden. Wie atemberaubend, ja unglaublich aber ein Präsident Obama ist, macht ein Blick zurück deutlich. Vor vier Jahren erst hat dieses 47 Jahre junge Ausnahmetalent den Sprung vom Provinzpolitiker in Illinois auf die nationale Bühne vollzogen. Gerade zwei Jahre saß Obama im Senat in Washington, bevor er im Februar 2007 seinen Marsch aufs Weiße Haus begann. Im Rennen um die Kandidatur der Demokraten gegen Hillary Clinton galt er lange als Außenseiter. Noch im Sommer gab es auf die Frage, ob Obama überhaupt das Zeug habe fürs Weiße Haus, in Umfragen keine Mehrheit.
All das aber spielte letztlich keine Rolle. Spätestens seit Ausbruch der großen Finanzkrise im September war das Land bereit für einen grundlegenden Wandel, wollte Neuanfang, "Change". In diesem Klima hätte der Republikaner John McCain wohl auch dann auf verlorenem Posten gekämpft, wenn er der Versuchung widerstanden hätte, am Ende gegen Obama auf einen aggressiven, teils schmutzigen Lagerwahlkampf zu setzen. Was bei den Republikanern 2004 noch ein Erfolgsrezept war, musste im neuen politischen Klima in die Niederlage führen. Die Republikaner werden nach ihrem Debakel entscheiden müssen, wohin die Partei steuert - ob sie in einem moderneren Amerika des 21. Jahrhunderts den Kampf um die politische Mitte aufnimmt oder sich in die rechte Schmollecke verkriecht.
Auch Obama und die Demokraten aber stehen vor wichtigen Entscheidungen. Angesichts der gewaltigen Probleme Amerikas tat der Präsident in spe gut daran, schon in der Nacht seines großen Triumphs vor überzogenen Hoffnungen zu warnen. Der begnadete Wahlkämpfer wird in seiner neuen Rolle schon bald gefordert werden - und sich beweisen müssen. Einfach wird das nicht. Die Erwartungen, die auf Obama lasten, sind fast übermenschlich. Kriegsgegner werden ihn an sein Versprechen erinnern, die Truppen aus dem Irak zügig heimzuholen. Viele Wähler werden die großen innenpolitischen Reformen einfordern, vom Krankenschutz bis zur Klimawende, die der Kandidat in Aussicht gestellt hat. Der Jugend und andere, die von Washingtons ideologischen Dauerkriegen die Nase voll haben, muss er beweisen, dass er tatsächlich für einen neuen Politikstil steht. Quer durch alle Schichten wird man einen Präsidenten Obama daran messen, ob er die Wirtschaft wieder in Schwung bringt.
Amerikas Schwarze schließlich blicken stolz auf IHREN Präsidenten. Doch weder ist der zerstörerische Teufelskreis von Armut, Hoffnungslosigkeit und Gewalt in den Ghettos mit Obamas Wahlsieg schon durchbrochen. Noch sind alle Wunden der Vergangenheit im Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen geheilt. Den ersten Schritt in eine neue Zukunft aber hat Amerika gemacht. Und es ist beileibe kein kleiner Schritt. Man darf, sollte Obama Glück wünschen. Amerikas neues Gesicht ist erfrischend anders und sympathisch