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Luigi Nono in Salzburg: Vom Schmerz des Erwachens

Katie Mitchell und Ingo Metzmacher inszenieren Luigi Nonos "Al gran sole carico d'amore". In eindrucksvoll poetischen Bildern und einer kalkulierten Reizüberflutung. Von Jürgen Otten

Ganz gleich, ob in der Küche oder nicht; Frauenleben bedeutet bei Nono Frauenleiden.
Ganz gleich, ob in der Küche oder nicht; Frauenleben bedeutet bei Nono Frauenleiden.
Foto: dpa

Ein Satz wie für die Ewigkeit gesagt, utopisch getüncht, poetisch aufgeladen: "Die Schönheit setzt sich der Revolution nicht entgegen." Che Guevara hat ihn gesagt, hoffnungsreich, und so behutsam, wie ihn die Chortenöre des Wiener Staatsopernchors in der Felsenreitschule zu Salzburg singend weiterreichen an uns, wie sie ihn gleichsam in die Welt hineinhauchen, möchte man für Sekunden wirklich daran glauben, dass diese Botschaft das brutale Spiel der Mächtigen zumindest passagenweise außer Kraft zu setzen vermag.

Luigi Nonos zweites Musiktheater "Al gran sole carico d´amore" erzählt davon. Deswegen kann es keine Oper sein. Nono nannte das am 4. April 1975 im Mailänder Teatro Lirico uraufgeführte Werk eine "azione scenica". Die Eliminierung des tradierten Gattungsbegriffs geschah nicht ohne Hintersinn, schließlich ging es dem Komponisten darum, aus der Perspektive seiner Zeit Fragestellungen an die Geschichte, an das Geschichtsbewusstsein zu stellen. Nono schwebte ein Ideentheater vor, "das für eine menschliche Lebensbedingung kämpft, ein auf sozialer, struktureller wie auch auf sprachlicher Ebene völlig engagiertes Theater, direkt verbunden mit unserem Leben".

Leben, das bedeutet im Fall von "Al gran sole" Befreiungskampf. Und vor allem: welche Rolle Frauen darin spielen, wie sie ins Vergessen geraten. Frauenleben, das bedeutet Frauenleiden. Um das zu zeigen, hat Nono schwere Gewichte an seine ohnehin massive Musik gehängt: ein Konglomerat aus Tagebüchern, Liedern, Gedichten, politischen, essayistischen und szenisch-dramatischen Texten, unter anderem von Brecht, Marx, Lenin, Gramsci, Che Guevara, Tania Bunke, Pavese, Louise Michel und Rimbaud. In dessen Gedicht "Les mains de Jeanne Marie", der Pariser Communardin Michel gewidmet, finden sich die titelgebenden Zeilen "Au grand soleil d´amour chargé".

Ein hoher, dramatisch aufflackernder Sopran

Nono lieh ihr die musikalische Stimme, die der Dichter ihr in seinen Worten zu geben vermochte. Ein hoher, dramatisch aufflackernder Sopran, der im Verlauf des Werkes auch Tania Bunke und Paveses Deola zu verkörpern hat. In Salzburg wurde, nachdem die ursprünglich für die Rolle vorgesehene Kerstin Avamo wegen Krankheit absagen musste, diese höllische Partie auf drei Frauen aufgeteilt.

Elin Rombo, Anna Prohaska und Tanja Andrijic bewältigten sie mit Bravour: ihre extreme Höhe, ihre extreme Amplitude, und vor allem diese extremen Intervallsprünge, diese frei, ohne Sicherheitsnetz im Raum schwebenden Vokalisen, die spitzen Schreie, kurzum: das Vagieren zwischen himmlischer Hoffnung und irdischer Ohnmacht.

Frauen stehen in "Al gran sole" für den musikalischen Einspruch des Subjekts, das einsame Stärke zeigen muss und doch am liebsten nur die einsame Verzweiflung in die Welt schleudern möchte. Habituell gemahnt dieses Zerrissensein der Frau, die sich fragt, was sie in der Geschichte bedeutet, die von Männern gemacht und geschrieben wird, an Worte aus Rilkes "Malte Laurids Brigge": "Das Fieber wühlte in mir und holte von ganz unten Erfahrungen, Bilder, Tatsachen heraus, von denen ich nicht gewusst hatte; ich lag da, überhäuft von mir".

In eindrucksvollen poetischen Bildern

Die Inszenierung von Katie Mitchell fokussiert dieses Denken und Fühlen in eindrucksvollen poetischen Bildern, vermittels einer Technik, wie sie Mitchell schon in ihrer Inszenierung von Kroetz´ "Wunschkonzert" benutzt hat, die zum Berliner Theatertreffen eingeladen war: Fünf Zimmer sind Drehorte (Bühne und Kostüme: Vicki Mortimer), darin die Frauen (im ersten Teil Susan Bickley als Louise Michel und Julia Wieninger als Tania Bunke, im zweiten Birgit Walter als Gorkis Mutter, Laura Sundermann als Deola und Helena Lymbery als Turiner Mutter) ihren schlichten, symbolisch indes stark aufgeladenen Tätigkeiten nachgehen, eine Kamera überträgt das Geschehen mal zeitgleich, mal sekundenversetzt auf eine Leinwand, die den rechten Teil der Felsenreitschule einnimmt. Leo Warners Videos sind so üppig-einnehmend, dass sich der Betrachter vor das Problem gestellt sieht: Wie mit der Reizüberflutung umgehen?

Denn was man sieht, bilden auch Text und Musik ab. Hieraus folgt ein Paradox: Gerade dadurch, dass beides exzellent herauspräpariert ist, ergibt sich eine Überfülle an Information und Affekt, die Aufführung gewinnt nicht nur exemplarischen, sondern ebenso affirmativen Charakter. Das, was in der Musik an Narration zurückgedrängt ist zugunsten einer Fragmentarisierung und Kristallisation der Aussage, wird durch die Bilder wieder ins erzählerische Feld zurückgeführt.

An der rein musikalischen Qualität rüttelt dies nicht. Ingo Metzmacher führt die hochgradig aufmerksamen Wiener Philharmoniker mit strikter Hand durch die komplexe Partitur und trennt plastisch zwischen Klangballungen und Klangzerstäubungen, zwischen Klangwattierungen und Klangzersetzungen. Daraus resultiert eine Atmosphäre der herb gestauten Aufladung, die sich zumal in den beschwörungsartigen Vokalformeln des herausragenden Chors, aber auch in ekstatischen Ausbrüchen der durchweg exzellenten Gesangssolisten entlädt.

In diesen Momenten hat der Abend seine stärkste Energie. Aber auch das momentweise Zusammensinken (wie etwa in den "Riflessioni") wird evident; wie heftig der Schmerz sein kann, ohne laut zu werden. Da sind nur leise Fragmente, beredte Stille, Andacht. Und da sind die Worte Deolas, Pavese hat sie ihr geschenkt. Katie Mitchell zeigt eine schwangere Frau, sie zeigt die Utopie, die unerlässlich ist selbst im finstersten Winkel der Welt: "Die Stadt erschauert, es duften die Steine - du bist das Leben, das Erwachen."

Autor:  Jürgen Otten
Datum:  4 | 8 | 2009
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