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Machtkampf bei RWE: Aufsichtsrat gegen Atominvestition

RWE-Chef Großmann bläst der Wind scharf ins Gesicht. Hintergrund des Konflikts ist sein aggressiver Atomkurs - RWE soll in zu Sowjetzeiten geplante Reaktoren investieren. Von Vera Gaserow

RWE-Chef Jürgen Großmann: Gegenwind aus dem Aufsichtsrat.
RWE-Chef Jürgen Großmann: Gegenwind aus dem Aufsichtsrat.
Foto: dpa

Berlin. Beim Essener Energiekonzern RWE bahnt sich offenbar ein massiver Konflikt über die geplante Beteiligung an neuen Atommeilern in Osteuropa an.

Im 20-köpfigen Aufsichtsrat des Konzerns gibt es deutlichen Widerstand gegen den Kurs von RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann, der den Einstieg seines Unternehmens in den osteuropäischen Nuklear-Energie-Markt forciert.

Nach einem Bericht des Spiegel wollen Mitglieder des Aufsichtsgremiums auf der nächsten Sitzung verlangen, dass der Konzern-Vorstand künftig große Investitionen in Sachanlagen wie Kraftwerke nur mit Zustimmung des Aufsichtsrats beschließen kann. Dazu soll die Geschäftsordnung geändert werden.

Hintergrund des Streits ist offenbar vor allem der aggressive Pro-Atomkurs, mit dem RWE sich auf dem Markt profilieren will. Im Oktober 2008 hatte der Essener Konzern den Zuschlag für eine 49-prozentige Beteiligung am Bau und Betrieb des bulgarischen Atomkraftwerks Belene erhalten. 1,5 Milliarden Euro will RWE dort in den Reaktor investieren, der von einer russischen Firma gebaut werden soll.

AKW im Erdbebengebiet

Belene ist bei Umweltschützern und Experten hoch umstritten, weil es in einem Erdbebengebiet liegt. Den bulgarischen Behörden wird mangelnde Kompetenz biem Betrieb und der Kontrolle des Reaktors zugeschrieben.

Auch beim Bau eines neuen Atommeilers in Litauen will RWE dabei sein. Zugleich bewirbt sich der deutsche Energieriese um eine Beteiligung am Bau und Betrieb des AKW Cernavoda in Rumänien nahe der Hauptstadt Bukarest.

Die Reaktoren Cernavoda 3 und 4 waren ähnlich wie das bulgarische Belene schon zu Sowjetzeiten geplant aber nach der Wende zunächst verworfen worden. Nun sollen die Pläne mit westeuropäischer Finanzhilfe wieder reaktiviert werden.

Cernavoda liegt ähnlich wie das AKW-Projekt Belene in einer von Erdbeben gefährdeten Region. Als Co-Partner des größten bulgarischen Energiekonzerns will sich RWE dennoch zu fast 50 Prozent an dem auf sieben Milliarden Euro geschätzten Vorhaben beteiligen.

Die Bauarbeiten haben bereits begonnen, obwohl die bulgarische Atomaufsicht dafür bisher keine Genehmigung erteilt hat. Die amtierende bulgarische Regierung, so mutmaßt Heffa Schücking von der Umweltorganisation Urgewald, versuche offenbar Fakten zu schaffen.

Mit dem Kopf durch die Wand

Der Aufsichtsrat von RWE hatte den Belene-Plänen jedoch Anfang November überraschend den Segen verweigert. Vor allem die Anteilseigner aus den Kommunen und Vertreter der Gewerkschaft hatten im Gremium Bedenken gegen das Vorhaben geäußert. In offenen Briefen an den RWE-Aufsichtsrat warnen jetzt auch Bürgermeister, Landräte und Parlamentarier aus Bulgarien und dem benachbarten Rumänien vor den Risiken des AKW. Sie fordern den deutschen Konzern auf, seine Beteiligung an dem Projekt zurück zu ziehen.

Doch RWE-Chef Großmann will wohl mit dem Kopf durch die Wand. Er plant, möglichst noch in diesem Jahr mit der bulgarischen Regierung einen formellen Vertrag über das AKW-Projekt unter Dach und Fach zu bringen. Belene sei für ihn nicht verhandelbar, hatte Großmann nach der umstrittenen Aufsichtsratssitzung deutlich gemacht.

Das Nuklear-Engagement im Ausland sei Teil seiner Konzernstrategie. Auf der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag könnte der Machtkampf zwischen der Konzernspitze und dem Kontrollgremium eskalieren.

RWE ist nicht der einzige, aber einer der offensiven hiesigen Stromkonzerne, die nach dem in Deutschland beschlossenen Atomausstieg ihre Fühler nach Osteuropa ausstrecken.

Auch Eon hatte an Belene Interesse gezeigt, aber dann sehr frühzeitig im Bieterverfahren abgewunken. Umweltschützer mutmaßen, dass Eon im Gegensatz zu RWE stärkere Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten von dem bulgarischen Partner gefordert hatte.

RWE hatte zuletzt auch mit einem umstrittenen inländischen Produkt für Schlagzeilen gesorgt: Unmittelbar nach den massiven Protesten der Anti-AKW-Bewegung gegen den jüngsten Atommülltransport nach Gorleben hatte der Energieriese unter dem Namen "Pro Klima" einen eigenen Atom-Strom-Tarif auf den Markt gebracht, der sich zu zwei Drittel Kernenergie umfasst und damit auch offensiv wirbt.

Autor:  Vera Gaserow
Datum:  8 | 12 | 2008
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