Die Zahlen müssten stimmen, "alles andere wird dieser Vorgabe untergeordnet". Darunter leide nicht nur die Patientenversorgung, sondern auch die Lehre. Das sagt ein Oberarzt aus dem privatisierten Universitätsklinikum Marburg-Gießen, der aus Angst vor Repressionen anonym bleiben möchte.
Die Doktoren seien angehalten, lediglich lukrative Eingriffe vorzunehmen. Deshalb könnten Studenten kaum Erfahrungen mit gewissen kleineren Operationen sammeln. Auch fehle den Ärzten Zeit, sich um sie zu kümmern. Die Bilanz des Oberarztes nach drei Jahren Privatisierung: "Die Ausbildung der Studenten ist nicht mehr gewährleistet." Solche Beschwerden hatten mehrere Studenten bereits gegenüber der Frankfurter Rundschau geäußert.
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In Marburg hat sich die Situation jedenfalls verschlechtert. Dies geht aus dem aktuellen Hochschulranking der Zeitung Die Zeit hervor. Bezüglich der Betreuung der Studenten und der Studiensituation insgesamt liegt Marburg in der Schlussgruppe, ist dort auch noch Absteiger. Lediglich beim E-Learning und der Bibliotheksausstattung erreichte die Hochschule die Spitzengruppe.
Verschlechtert haben sich demnach unter anderem die Betreuung durch Lehrende und im Patienten-Unterricht, der Praxisbezug, die Verzahnung zwischen Vorklinik und Klinik. Gießen liegt stabil im Mittelfeld, nur bei der Bettenausstattung am Ende.
Zu den Absteigern zähle auch das Frankfurter Uniklinikum, betont der Dekan des Fachbereichs Medizin in Marburg, Matthias Rothmund. Das betrifft jedoch nur die Studiensituation insgesamt, nicht die Betreuung. Gleichwohl kommt der Dekan zu dem Schluss, dass das schlechte Abschneiden Marburgs nicht der Privatisierung geschuldet sei, sondern der mangelhaften finanziellen Ausstatttung der Unikliniken durch das Land: "Wir passen höllisch auf, dass die Lehre nicht unter der Privatisierung leidet. "
Das Zeit-Ranking werde überbewertet, kommentiert die Fachschaft das Ergebnis. "Es ist mit Vorsicht zu genießen", meint Philip Rößler, der im achten Semester in Marburg studiert. Wie die Lehre erfolge, hänge auch etwas vom "Glück" ab. Manche Kommilitonen beklagten zwar, dass ihre Dozenten so viel im Operationssaal ständen und keine Zeit für sie hätten. "Es gibt aber keine harten Kriterien, wonach sich die Lehre messbar verschlechtert hat."
Zumal seit Oktober ein sogenanntes Skill Lab zu Verfügung stände. In diesem zu Deutsch Fertigkeitszentrum trainieren Studenten an Modellen und mit Laienschauspielern. Der Fachschaft-Sprecher ist optimistisch: "Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg einiges zu verbessern."
Modelle könnten Kranke aus Fleisch und Blut nicht ersetzen, kontert der Oberarzt. "Das Labor ersetzt nicht den Unterricht am Bett." Einen Patienten erst im praktischen Jahr zu sehen, das sei zu spät. Auch brauche der Nachwuchs Vorbilder, um zum Beispiel zu wissen, wie man mit Schwerkranken umgehe. Stattdessen laute der Spruch im praktischen Jahr bei Operationen: "Haken halten, Mund halten." Die Arbeit auf der Station reduziere sich auf Schreibkram oder Verbändewechseln. Das demotiviere, schrecke vom Arztberuf ab. "Es gibt keine Freundlichkeit, der Ton ist eisig. Es herrscht ein unheimlicher Druck."
Für den Herbst hat sich der unabhängige Wissenschaftsrat in Gießen und Marburg angekündigt, um die Situation der Lehre zu prüfen. Das Beratergremium für Bund und Länder hatte den Zeitpunkt festgelegt, als es im Jahr 2006 der deutschlandweit ersten Privatisierung einer Uniklinik zustimmte. Seinerzeit saß Werner Seeger in dem Rat, Ärztlicher Geschäftsführer des Uniklinikums Gießen und Marburg. Seit diesem Jahr ist es Babette Simon, Medizin-Professorin in Marburg. Diese personellen Verflechtungen hätten keinerlei Einfluss auf das Urteil des Gremiums, versichert eine Sprecherin: "Im Wissenschaftsrat dürfen Betroffene oder Landeskinder nicht mitstimmen oder diskutieren."

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