Ihre schwer krebskranke Schwägerin war von einem Tag auf den anderen aus dem Marburger Universitätsklinikum nach Hause entlassen worden. Mit künstlichem Darmausgang - ohne Abschlussgespräch, Arztbrief, Medikamente. Der Hausarzt und der Pflegedienst mussten beim Klinikum anrufen, um zu erfahren, wie sie die Frau weiter behandeln sollen. "Wie kann man eine Patientin in diesem Zustand nach Hause schicken?"
Die Frau, die der Frankfurter Rundschau das berichtet, will anonym bleiben. Wie die meisten, die in den vergangenen Wochen Missstände an dem privatisierten Uniklinikum Gießen-Marburg anprangerten. "Die Ärzte und die Pfleger haben keine Zeit", sagt die Frau. "Das ist schlimm."
Auch Michael Moritz und Cornelia Wolf bemängeln, dass die Arbeitsverdichtung auf Kosten von Zuneigung und liebevolle Pflege Schwerstkranker gehe. "Um diese Patienten angemessen zu versorgen, bedarf es neben präziser Diagnostik und sachkundiger Therapie vieler Bemühungen, die aus ökonomischer Sicht nicht profitabel sind", schreiben die beiden Allgemeinärzte in einem Leserbrief.
"Respektvoller und menschenwürdiger Umgang mit Kranken und Sterbenden zählt offensichtlich ebenso wenig zu den Zielen einer profitorientierten Aktiengesellschaft wie die Fürsorge für die in der Pflege Beschäftigten."
Das trifft sich mit den Beobachtungen der Hausärztin, die mit ihren Vorwürfen den Stein ins Rollen gebracht hatte. Sie hatte unter anderem von einer Lebertumorpatientin berichtet, die ohne abschließende Diagnose und Behandlungsempfehlungen nach Hause geschickt wurde.
Kein Behandlungsfehler
Die Geschäftsführung der Klinik hatte das bestritten und als Kronzeugin die niedergelassene Onkologin genannt, die die Frau jetzt behandelt. Die beruft sich auf Anfrage der Frankfurter Rundschau jedoch auf ihre Schweigepflicht und sagt nur: "Es gab keinen prinzipiellen Behandlungsfehler." Das hatte die Hausärztin auch nie behauptet.
Die Berichte haben die Marburger Lokalpolitik alarmiert. Das Parlament hat den Magistrat aufgefordert, mit den im Rhön-Konzern zuständigen Managern Gespräche über die Qualität der Versorgung zu führen. Auch die Landesärztekammer ist sensibilisiert: "Wir wissen, dass es dort eine Arbeitsverdichtung gibt", sagt Präsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, und fügt hinzu: "Die Arbeit muss in einem vernünftigen Maß geleistet werden, die Patientenversorgung darf nicht leiden."

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