Ein überdimensionales Schwarzweiß-Foto setzt den Schlusspunkt der Ausstellung. Es zeigt eine leere Wand. Die Gewehrsalven haben große Putzstücke abplatzen lassen, dort, wo zuvor die siebenköpfige Zarenfamilie stand.
Nikolaus II und seine Frau Alexandra Fjodorowna waren für Ralf Beil früher so etwas wie "Wesen von einem anderen Stern", die im fernen Russland 1918 von Revolutionären erschossen wurden.
Wie viele andere auch wusste der Direktor des Institutes Mathildenhöhe bis dahin nicht, dass "Alex" die Schwester des Großherzogs Ernst-Ludwig war, des kunstsinnigen hessischen Landesvaters, der die Künstlerkolonie in Darmstadt gründen ließ und den Jugendstil nach Deutschland holte.
Die letzte Zarin kam aus Darmstadt. Die Russische Kapelle auf der Mathildenhöhe ist die einzige Hofkapelle der Zaren außerhalb Russlands. "Die Familien-, aber auch die künstlerischen Bande zwischen Darmstadt und dem Zarenreich waren immens", sagt Beil. Vom 12. Oktober an werden Besucher diesen Verbindungen nachspüren können - in der Ausstellung "Russland 1900, Kunst und Kultur im Reich des letzten Zaren". Es wird ein kulturhistorisches Panorama. Ein Millionenprojekt und damit die größte und teuerste Ausstellung, die bisher auf der Mathildenhöhe Darmstadt gezeigt wurde. "Das Thema Russland ist nirgendwo so passend wie in Darmstadt", ist Beil überzeugt.
Mehr als ein Jahr lang haben die Macher die Ausstellung vorbereitet und am Konzept gefeilt. Beil spricht von einem "ungeheuren Aufwand nah an der Kapazitätsgrenze". Zur Vorbereitung las er die Tagebücher des Zaren, hat Tolstoi, Gursky und die Musik der Zeit "aufgesogen". Rund 300 Werke aus Museen in Moskau, St. Petersburg, Paris und London, Berlin sowie Straßburg wurden für die Mathildenhöhe ausgeliehen. Zu sehen ist unter anderem ein 14 Meter langes Gemälde von Viktor Wasnezow, das noch nie Russland verlassen hat.
Die Schau spannt einen Bogen vom Theater über Kunst- und Kunsthandwerk, Architektur, Möbeldesign, Film bis zur Fotografie. Beil und seine Mitarbeiter wollen im Zeitraffer Russlands Aufbruch in die Moderne dem Publikum näher bringen. "Von 1896 bis 1917 hat sich in Russland unheimlich viel bewegt. Die Ausstellung ist ein Brennglas für die dortigen politischen, künstlerischen, gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen". Immer in Verbindung gesetzt auch zu Darmstadt und zur Geschichte. "Wir zeigen Kunst im Bezug zur Politik, machen aber keine politische Ausstellung", sagt Beil. Zu sehen sein wird unter anderem der erste Nachrichtenfilm der Weltgeschichte, aufgenommen am 14. Mai 1896 zur Krönung des Zaren mit seiner Darmstädter Prinzessin.
Aufwändig ist die Russlandschau auch, weil gerade für die Exponate aus dem Ursprungsland die Formalitäten und auch Ausleihkosten immens sind. Für jedes noch so kleine Objekt muss eine Kompensationsgebühr gezahlt werden. Doch Beil ist sicher, dass die Mühen sich lohnen werden. Das Institut hofft auf 50 000 Besucher. "Russland hat unvermindert Faszinationspotenzial. Es ist einfach ein Traumthema". Begleitet wird die Ausstellung von einem großen Rahmenprogramm, das von der Russen-Disko in der Centralstation, dem Extra-Programm im Staatstheater bis zur Russen-Sauna im Jugendstilbad reicht. "Wir gehen hinaus in die Stadt", freut sich Beil über die Unterstützung vieler Einrichtungen Darmstadts.
Werden die Besucher den Aufwand spüren? "Wir haben sehr ernsthaft und massiv geplant. Diese Ausstellung könnte genau so auch im Pariser Musée Quai d ' Orsay oder anderen berühmten Häusern stehen", ist er sicher.
Russland 1900, Mathildenhöhe, Darmstadt, Olbrichweg 13, 12.10. bis 1.2., Di- So 10 -18 Uhr, Do bis 21 Uhr, www.mathildenhoehe.eu

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