Seit Wochen predigt Kanzlerin Merkel: Atomkraft nur als Brückentechnologie. Ein von der CDU in Auftrag gegebenes Gutachten aber empfiehlt den Bau neuer AKW. Das Papier sollte offenbar bis nach der Wahl unter Verschluss bleiben. Von Vera Gaserow und Michael Bergius
Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace stehen in Kleinensiel bei Brake an der Unterweser bei einer Protesaktion auf einer Reaktorkuppel des Atomkraftwerk Unterweser.
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Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace stehen in Kleinensiel bei Brake an der Unterweser bei einer Protesaktion auf einer Reaktorkuppel des Atomkraftwerk Unterweser.
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Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) bringt mit einer von ihr Auftrag gegebenen Energieforschungsstudie den offiziellen Unions-Kurs zur Atomkraft ins Schlingern. Unter dem Titel "Konzept für ein integriertes Energieforschungsprogramm in Deutschland" plädieren die Autoren des Gutachtens unter anderem für den Bau neuer Atomkraftwerke. Deshalb bleibt das Gutachten seit Wochen unter Verschluss.
Der Inhalt ist für eine Union im Wahlkampf zu brisant. In dem Gutachten urteilen die vom Forschungsministerium beauftragten Forscher: "Abhängig von politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen könnte sich Deutschland aber in der Zukunft wieder an der Entwicklung und dem Bau von neuen Kernkraftwerken beteiligen, um einen erheblichen Teil des Energiebedarfs mit Kernenergie zu decken."
Trotz unbestreitbarer Risiken biete die Kernkraft "eine kostengünstige und konsensfähige Grundlast-Stromversorgung ohne CO2-Ausstoß". Bei der Entwicklung neuer Reaktoren der vierten Generation solle sich Deutschland sogar "an vorderster Stelle beteiligen", heißt es in dem 60-seitigen Gutachten. Verfasst haben es Vertreter von vier Forschungseinrichtungen, darunter der Deutschen Akademie für Naturforschung Leopoldina in Halle.
Mit dem Votum für den Wiedereinstieg bringt die langjährige Merkel-Vertraute Schavan ihre Partei in Erklärungsnot. Denn bisher deklariert die Union die Atomkraft nur als "Brückentechnologie" bis zum Durchbruch der Erneuerbaren Energien. Neue AKW sieht das CDU-Programm nicht vor.
Die Gorleben-Story
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Im niedersächsischen Gorleben sollte nach den Plänen von Bundes- und Landesregierung von 1977 ein komplettes atomares Entsorgungszentrum entstehen. Geplant waren ein Zwischenlager für Castor-Behälter, eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe sowie ein Endlager tief unten im Salzstock. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) präsentierte den Standort bei einer Pressekonferenz im Februar 1977 in Hannover.
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Der gewählte Standort für das atomare Entsorgungszentrum liegt rund zwei Kilometer südlich der Gemeinde im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Region befindet sich an der früheren Grenze zur DDR und ist dünn besiedelt.
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Entgegen der Erwartung von Ministerpräsident Albrecht bildete sich schnell eine starke Protestbewegung. 1979 nahmen an einem "Treck nach Hannover" mehr als 100.000 Menschen teil. Albrecht sah ein, dass das große Entsorgungskonzept keine Chance hatte. Er erklärte, eine WAA-Atomfabrik sei "politisch nicht durchsetzbar".
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Die Pläne für das Zwischenlager, in dem Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen und verglaste hochradioaktive Abfälle untergebracht werden sollten, und für das Endlager wurden jedoch weiter verfolgt.
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Das Zwischenlager wird seit 1984 betrieben. Die Lagerhalle für Behälter ist 4500 Quadratmeter groß und fünf Meter hoch.
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Die regelmäßigen Castor-Transporte nach Gorleben aus der französischen WAA in La Hague, wo abgebrannte Brennstäbe bis zum Jahr 2005 angenommen wurden, sind stets von starken Protesten begleitet.
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Spektakuläre Aktionen, wie hier von Robion Wood, konnten den Transport jedoch allenfalls verzögern.
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Immer wieder blockierten Demonstranten - gut bewacht von der Polizei - den Schienenweg in Richtung Gorleben.
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Die Kreativität der Demonstranten machte den Protest gegen die Transporte nach Gorleben zu regelmäßigen Medien-Aufregern.
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Mit der Hartnäckigkeit der Demonstranten hatte die Polizei oft ihre liebe Mühe.
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Auch Greenpeace gehörte immer wieder zu den wichtigen Impulsgebern der Demonstrationen.
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Menschen aus ganz Europa demonstrieren regelmäßig gegen die Castor-Transporte.
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1979 begann die Untersuchung des Salzstocks, die Aufschluss über die Eignung als Endlager geben sollte. Der Verdacht, dass Niedersachsen den Standort im Wendland nicht primär aus fachlichen, sondern aus politischen Gründen ausgesucht hatte, wurde jüngst bestätigt.
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Als damaliges Mitglied der Auswahl-Kommission sagte der heute emeritierte Geologie-Professor Gerd Lüttig, Albrecht habe Kommissionsempfehlungen nicht abgewartet, sondern sei festgelegt gewesen.
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Zitat: "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten" (Lüttig).
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Im sachsen-anhaltinischen Morsleben hatte Ost-Berlin ein Atom-Endlager nahe der Grenze eröffnet. Nach Aussagen von Experten waren andere norddeutsche Salzstöcke nach Aktenlage mindestens ebenso oder besser geeignet als Gorleben.
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Bis 1983 lief die Voruntersuchung in Gorleben, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bewertet wurde. Danach startete die untertägige Erkundung, die die Stromkonzerne - und damit die Stromkunden - bislang 1,5 Milliarden Euro gekostet hat. Sie wurde im Jahr 2000 gestoppt.
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Sowohl Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als auch sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) versuchten, eine neue Endlagersuche zu starten. Dabei sollten nicht nur Salzstöcke, sondern auch Granit-Standorte einbezogen werden, die sich in Baden-Württemberg und Bayern befinden. Das scheiterte aber am Widerstand von Union und FDP sowie der Atomwirtschaft, die die Erkundungsarbeiten in Gorleben möglichst schnell wieder aufnehmen lassen wollen.
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Neue Zweifel an der Eignung Gorlebens bringt ein Gutachten des Ex-PTB-Mitarbeiters Ulrich Schneider, das die niedersächsischen Linken in Auftrag gegeben haben. "Es stellt sich die Frage, wann Gorleben absaufen wird", sagte der Geologe. Er verglich den Salzstock mit einem hohlen Zahn, in den Wasser wie Karies eindringe. Frühere Untersuchungen über Wasserläufe in dem Gestein kritisierte er als zu undifferenziert. Wasser dringe in das Steinsalz des geplanten Endlagers umgebenden Kalisalzschichten ein und weiche diese auf.
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Der Salzstock bei Gorleben wird seit 1977 als möglicher Standort zur Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls gehandelt. Einige Geologen bezweifeln die Tauglichkeit des Salzstocks in Gorleben als Endlager. Umweltschützer vermuten, dass der Salzstock unter dem Deckmantel der Erkundung bereits seit Jahrzehnten zum Endlager für hoch radioaktiven Atommüll ausgebaut wird. Die FR erzählt die Gorleben-Story und den Protest in Bildern
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Brisant für die Union ist auch ein zweites Votum der Studie. Anders als CDU/CSU raten die Forscher, sich bei der Suche nach einem Atom-Endlager nicht allein auf den Salzstock Gorleben zu fixieren, sondern auch Alternativorte in Tongestein zu erkunden. Wörtlich heißt es: "Für ein Endlager in Tongestein liegen umfangreiche wissenschaftliche Erkenntnisse aus Frankreich, Belgien und der Schweiz vor."
Bereits seit Juni hat die CDU-Forschungsministerin das brisante Gutachten auf dem Tisch. "Zum vertraulichen Gebrauch" gestempelt, sollte es offenbar bis nach der Wahl unter Veschluss bleiben. Man habe sich mit dem Forschungsministerium verständigt, die Studie erst im Oktober zu veröffentlichen, schreibt einer der Autoren von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) in einem Begleitbrief. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass das Konzept "im Wahlkampf untergeht oder zerredet wird".
Nun aber ist die Studie unplanmäßig doch öffentlich geworden und dient SPD und Grünen als Steilvorlage im Wahlkampf. "Offensichtlich spielt die Atomkraft in den Planungen der Union insgeheim eine größere Rolle als bisher immer behauptet": So griff Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) den Ball auf. Anders sei es nicht zu erklären, dass die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel es zulasse, dass ihre Forschungsministerin "Gutachten in Auftrag gibt, die schon mal den Neubau von Atomreaktoren untersuchen."
Gabriel forderte Merkel auf, "Klarheit zu schaffen". Längere AKW-Laufzeiten oder gar der Neubau von Atommeiler wären das Aus für den Ausbau der Windenergie, den die Bundesregierung am Mittwoch gerade beschlossen hat, polterte der SPD-Minister.
Grünen Spitzenkandidat Jürgen Trittin sieht "die schwarz-gelben Atomlügen entlarvt". Und die Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn forderte, Schavan müsse die Studie unverzüglich veröffentlichen. Die Wähler dürften nicht erst nach der Wahl Klarheit über die Unionspläne haben.
Das Forschungsministerium wies den Vorwurf der Geheimhaltung zurück: "Es wurde keine Atomstudie in Auftrag gegeben und keine geliefert." Es handele sich nur um einen "ersten Entwurf" für eine Energieforschungsprogramm. Ob Schavan das Plädoyer der Wissenschaftler teile, beantwortete ihr Sprecher ausweichend.
Unions-Fraktionsvize Katherina Reiche ging deutlicher auf Distanz zu den Empfehlungen: Die Union trete für die Atomkraft zur Überbrückung einer Stromversorgungslücke ein; dafür brauche es in Deutschland keine neuen AKW. "Ich kenne keinen, der dies auch nur entfernt beabsichtigt", sagte Reiche der FR, "es gibt weltweit eine Renaissance der Kernkraft, aber in Deutschland verfolgt keine Partei dieses Ziel. Auch nicht Union und FDP".
Auch die Autoren der Studie selbst sind offenbar unsicher, ob Deutschlands Wiedereinstieg in die Atomkraft realisierbar ist. Angesichts der Stimmung im Land sei zu erwarten, dass "ein Wiedereinstieg nicht ohne größere gesellschaftliche Konflikte vonstatten gehen würde", schreiben sie.