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Merkel und Steinmeier: TV-Duett der Unverbindlichkeiten

TV-Duell der Kanzlerkandidaten. Angela Merkel und ihr Herausforderer Frank-Walter Steinmeier beharken sich 90 Minuten lang - sachlich, höflich und überwiegend harmonisch. Beide liefern kaum Argumente für Alternativen zu einer Neuauflage der großen Koalition. ( Video) Von Karl Doemens

Duell oder Duett. Angela Merkel (CDU) und ihr Herausforderer Frank-Walter Steinmeier (SPD) beharken sich 90 Minuten lang - sachlich, höflich und  überwiegend harmonisch.
Duell oder Duett. Angela Merkel (CDU) und ihr Herausforderer Frank-Walter Steinmeier (SPD) beharken sich 90 Minuten lang - sachlich, höflich und überwiegend harmonisch.
Foto: ddp

Frank-Walter Steinmeier lässt keine Minute verstreichen. Kaum ist ihm im TV-Duell die erste Frage gestellt worden, da führt er das entscheidende Argument gegen die Kanzlerin ein: "Frau Merkel ist hier halt nicht die Kandidatin der großen Koalition, sondern als Kandidatin von Schwarz-Gelb."

Und so sehr Angela Merkel in den folgenden 89 Minuten immer wieder betont, dass sie in erster Linie "für eine starke Union aus CDU und CSU" kämpfe, so sehr wird ihr Herausforderer sie immer wieder auf die in der Öffentlichkeit wenig beliebte schwarz-gelbe Regierungsoption festzunageln versuchen.

Mäßig begeistert. Journalsiten verfolgen das TV-Duell.
Mäßig begeistert. Journalsiten verfolgen das TV-Duell.
Foto: dpa

Nicht ohne Grund: Die CDU-Vorsitzende liefert in der Diskussion ein eindrucksvolles Beispiel für ihre Fähigkeit, Kritik einfach abprallen zu lassen. Nicht dass es davon übermäßig viel gäbe, so dass die Moderatoren schon fast verzweifelt versuchen, Zwietracht zu säen. Aber Merkel lässt sich nicht provozieren. "Ich beantworte die Fragen so, wie ich mir das vorgenommen habe", gibt sie ein wenig schulmeisterlich gleich zu Beginn zu verstehen. Man ahnt: Das wird nicht sonderlich munter werden.

Tatsächlich erwischt der in den Umfragen weit zurückliegende Steinmeier eindeutig den besseren Start. Aus dem Spagat, die große Koalition zu verteidigen und doch für ihr Ende zu kämpfen, befreit er sich mit dem Hinweis auf die Blockade der Union bei Mindestlöhnen und der Begrenzung von Managergehältern.

Keine schlechte Pointe

Auch der Hinweis auf die drohende Renaissance der Atomkraft kommt früh. Würde Steinmeier bloß gelegentlich ein bisschen lächeln, könnte er zum Auftakt richtig punkten. Doch die zusammengekniffenen Lippen, deren Winkel noch stärker nach unten weisen als sonst, verraten die Anspannung.

Nach einer halben Stunde, es geht gerade um Opel, legt sich zum ersten Mal ein Lächeln auf das Gesicht des Herausforderers, und er gestikuliert mit seiner rechten Hand: "Stellen Sie sich vor, Schwarz-Gelb hätte regiert. Dann wäre Opel mausetot." Das ist keine schlechte Pointe. Merkel geht - angesichts ihrer Favoritenrolle ziemlich überraschend - nicht weniger verkrampft in die Auseinandersetzung.

Die Fotografen im Studio bemühen sich vor Beginn der Übertragung vergeblich, sie zu einem Lächeln zu bewegen. Nicht einmal einen ihrer bunten Blazer gönnt sie den Zuschauern. Im dunkelblauen Hosenanzug gibt sie ganz die Regierungschefin aller Deutschen: "Die große Koalition hat gut gearbeitet - unter meiner Führung."

Die Krise müsse vor allem international bekämpft werden, argumentiert sie. Ansonsten bietet sie viel Unverbindliches: Irgendwie gerecht geht es aus ihrer Sicht in Deutschland schon zu, aber "es könnte besser werden". Atomkraft? Ja schon, aber nur, bis die erneuerbaren Energien so richtig losgehen. Und die Kritik des von der Bundesregierung benannten Opel-Treuhänders an dem Verkauf an Magna? Der Mann hat "seine Aufgabe falsch verstanden".

So einfach darf es sich eine Kanzlerin eigentlich nicht machen. Doch leider sind die vier Moderatoren mehr damit beschäftigt, die beiden Politiker zwanghaft aufeinanderzuhetzen, als ihre Argumente zu prüfen. "Schön, dass Sie Doppelpass spielen", stöhnt Frank Plasberg, "aber wir sind im Wahlkampf." Da ist dann auch schon fast die Hälfte der Sendung vorbei, und bei der anschließenden Unterhaltung über Börsenumsatzsteuer und Kreditmediatoren beginnen Journalisten und Spin-Doktoren, die das Geschehen im Studio H des Fernsehzentrums in Berlin-Adlershof verfolgen, leicht abgelenkt die ersten Gespräche.

Verpasste Gelegenheiten

Interessanter könnte es werden, als dann über die Wege aus der Wirtschaftskrise geredet wird. Merkel propagiert vor allem Steuersenkungen, den Bürokratieabbau und die Förderung von neuen Technologien. Steinmeier lässt sich von Maybrit Illner auf einen Nebenkriegsschauplatz locien ("Müssten Sie nicht sagen, dass es härter wird als bei der Agenda 2010?") und verpasst so die Chance, nachdrücklicher auf die Finanzierungsprobleme von Steuersenkungen und den eigenen Deutschlandplan hinzuweisen, der vier Millionen neue Jobs ermöglichen soll.

Beim Thema Gesundheit begnügt sich Steinmeier mit dem Stichwort "Bürgerversicherung", und Merkel darf einfach mal sagen, dass die Wartezeiten der gesetzlich Krankenversicherten "ein Skandal" seien. Nun müsste die Frage kommen, wie dieser Missstand mit einer FDP, die das Gesundheitsrisiko teilweise privatisieren will, beseitigt werden soll.

Statt dessen möchte Plasberg noch einmal wissen, was Ulla Schmidt mit ihrem Dienstwagen in Spanien gemacht hat. So bleibt der Erkenntnisgewinn begrenzt. Einen wirklich überzeugenden Grund, weshalb Merkel und Steinmeier nicht erneut in einer großen Koalition regieren können, erfährt man auch nicht.

In einer Sitzecke der großen Halle haben sich drei Dutzend SPD-Anhänger um Parteichef Franz Müntefering geschart. Sie wirken zufrieden. "Da ist noch was drin", hat Steinmeier in der Sendung gesagt. Würde er lockerer dreinschauen, könnte man es glatt glauben.

Autor:  Karl Doemens
Datum:  14 | 9 | 2009
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