Zwischen Stadtautobahnen liegt ein Labyrinth kleiner Straßen, an denen sich flache, unverputzte Häuser und Holzhütten mit Lagerhallen und Kfz-Werkstätten abwechseln. Die Gassen haben keine Namen mehr, sondern heißen nur noch „Allee 11“ oder „Straße 38“.
1,8 Millionen Menschen leben in Iztapalapa, dem größten und zugleich ärmsten Viertel von Mexiko-Stadt, und wenn sich irgendwo in der 22-Millionen-Metropole die Probleme ballen, dann ist es hier: Armut, Gewalt, Drogen, Jugendbanden; Kinder, die vor der Schule noch schnell mit dem Vater auf der Müllkippe Brauchbares aus dem Abfall klauben oder der Mutter beim Aufbau des fliegenden Standes am Straßenrand helfen. „Iztapalapa“, sagt MarÃa Monroy „ist ein schwieriger Ort, um Kinder von der Notwendigkeit der Schule zu überzeugen.“
Die Vereinten Nationen (UN) verpflichteten sich zur Jahrtausendwende, die Lebensbedingungen der Weltbevölkerung bis zum Jahr 2015 grundlegend zu verbessern. Die Staatengemeinschaft einigte seinerzeit sich auf acht Millenniumsziele.
Alle Kinder auf der Welt sollen bis 2015 die Möglichkeit haben, eine Primarschulbildung abzuschließen, lautet das zweite der Ziele. Dahinter steht die Überzeugung, dass Bildung zu ökonomischem Wachstum und zur Überwindung der Armut beiträgt.
2007 wurden in den Entwicklungsländern 88 Prozent aller Kinder eingeschult. 2000 waren es nur 83 Prozent gewesen.
Fortschritte wurden vor allem in Südasien, im subsaharischen Afrika sowie in Teilen Lateinamerikas verzeichnet.
Die Rundschau berichtet in einer Serie über Erfolge und Misserfolge des Millennium-Projektes. Alle Folgen unter: fr-online.de/millennium.
Monroy ist eine mütterliche Frau von 48 Jahren mit kräftiger Statur und dunklem Haar. Mehr als die Hälfte ihres Lebens ist sie Grundschullehrerin in Mexiko-Stadt, seit vier Jahren leitet sie die Grundschule Aztahuacßn in Iztapalapa. Die Schule, ein gepflegter Bau hinter Backstein-Mauern und Stacheldraht, wirkt wie ein freundliches Rückzugsgebiet in einem feindlichen Umfeld. Der Schulhof ist gesäumt von Rosensträuchern und getrimmten Büschen, ringsherum ordnen sich auf zwei Stockwerken die Klassenräume an. „Willkommen zum Schuljahr 2010/2011“, hat die Schulleitung auf ein rosa Transparent geschrieben.
„Die Kinder kommen gerne hierher“, sagt Monroy, „wir haben Fehlzeiten von fünf Prozent, und die sind eigentlich immer krankheitsbedingt.“ Das Geheimnis ihres Erfolges sieht die Pädagogin darin, dass Aztahuacßn eine Ganztagsschule ist. Die 486 Schüler sind von acht bis 16 Uhr in der Obhut der 18 Lehrer. „So halten wir sie weg von der Straße, vom Fernseher und von Dummheiten wie Drogen“, sagt Monroy.
Würden die Kinder mittags nach Hause geschickt, wären die meisten von ihnen auf sich allein gestellt. Denn in Iztapalapa müssen in den meisten Familien beide Elternteile arbeiten, um das tägliche Brot zu verdienen. Sie verdingen sich als Hausangestellte, arbeiten als Handwerker, im Kleinhandel oder als Tagelöhner.
Die Schule bietet den Kindern mittags in der eigenen Kantine für etwas mehr als einen Euro Vollwert-Ernährung. Anschließend haben die Schüler die Auswahl zwischen Englisch-Unterricht, Tanzstunden, Mal-Workshops oder Sport. „Mit unserem Angebot brauchen wir uns hinter keiner Privatschule zu verstecken“, sagt Monroy.
Aber die Rektorin weiß auch, dass sie eine Modellschule leitet. An der Nachbarschule, nur ein paar Straßenzüge weiter, in der Nähe der Müllkippe, haben die Lehrer mit ungleich schwierigeren Bedingungen zu kämpfen. Die Kinder kommen oft zu spät, weil sie vor dem Unterricht noch arbeiten müssen, sie sind abgelenkt und haben oft keine Hausarbeiten gemacht. „Viele Kinder halten dort gar nicht bis zum Ende der sechsjährigen Grundschule durch“, sagt Monroy. Sie muss es wissen. Sie war dort selbst einmal Lehrerin.
Musterländle in Lateinamerika
Schulen wie Aztahuacßn wünscht sich das Bildungsministerium im ganzen Land. „Wir haben in ganz Mexiko fast 100.000 Grundschulen“, sagt der zuständige Vizeminister Fernando Gonzßlez im Gespräch. „Aber nur 2000 von ihnen sind Ganztagsschulen. In den nächsten zwei Jahren wollen wir auf 5000 kommen.“
Die Regierung von Präsident Felipe Calderón will im Bereich der Bildung den Rückstand des Schwellenlandes Mexiko zu den Industriestaaten zügig aufholen und investiert daher kräftig in das Erziehungssystem. Rund sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) gibt Mexiko für die Bildung aus – in den Industriestaaten sind es im Schnitt nur 5,8 Prozent.
„Bildung ist für uns eine Investition in die Zukunft“, sagt Vizeminister Gonzßlez und hebt besonders die Stipendien für Kinder aus armen Familien hervor. Sie erhalten vom Staat rund 50 Euro monatlich für Schuluniformen, Hefte und Stifte.
Die Vereinten Nationen wissen diese Anstrengungen zu würdigen. In einem Zwischenbericht zu den Millenniumszielen wird Mexiko in puncto Bildung zu einer Art Musterländle in Lateinamerika erklärt. Bis zum Jahr 2015 sollen weltweit alle Kinder die Grundschule vollständig abschließen können, heißt die Vorgabe der UN. Mexiko habe dieses Ziel bereits jetzt zu 99 Prozent umgesetzt, konstatiert der Bericht.
Ganz Lateinamerika steht in dieser Frage vergleichsweise gut da. Schon 1990 gingen 88 Prozent der Kinder in der Region zur Grundschule, heute sind es 95 Prozent. Außer Mexiko erfüllen auch Kuba und Peru die Vorgabe der UN bereits heute fast vollständig. Schlechter steht es um viele karibische Inseln: In Dominica besuchen nur 73 Prozent der Kinder eine Schule, in Jamaika sind es 86 Prozent. Auffällig ist, dass selbst Vorzeigestaaten wie Kolumbien, Chile und Brasilien nur auf eine Quote von gut 90 Prozent kommen.
Aber Quantität bedeutet auch in Mexiko nicht automatisch Qualität, wie verschiedene Pisa-Studien belegen, bei denen Mexiko regelmäßig auf einem hinteren Platz landete. Auch in einer eigenen Erhebung beklagt das Bildungsministerium erhebliche Defizite der mexikanischen Kinder in Kerngebieten wie Mathematik, Spanisch und Geschichte.
Besonders peinlich ist, dass lediglich zwei von zehn Schülern an den öffentlichen Schulen die Ideale und Ziele des Unabhängigkeitskriegs nennen können – und das ausgerechnet im 200. Jahr der Unabhängigkeit von Spanien.
An den Privatschulen wie dem deutschen Colegio Humboldt oder der Schweizer Schule schneiden die Mädchen und Jungen deutlich besser ab. Hier bestanden die Hälfte der Schüler die Tests in Geschichte, Mathe und Spanisch. Doch die hier fälligen Schulgebühren von rund 320 Euro pro Grundschulkind und Jahr können sich außer den gut bezahlten Ausländern nur die Familien der mexikanischen Oberschicht leisten. Wie fast in ganz Lateinamerika ist nämlich auch in Mexiko das Bildungssystem ein Klassen-System.
Dass an den Privatschulen die Ergebnisse besser sind, verwundert Rektorin Monroy aus Iztapalapa daher auch nicht. „Dort haben sie 20 bis 25 Schüler pro Klasse, wir haben hier 35 bis 40“, rechnet sie vor. Dass da die individuelle Betreuung auf der Strecke bleibe, sei doch selbstverständlich.
Doch sehr schnell findet die Lehrerin ihr Lächeln wieder. Sie zeigt auf ein großes Plakat, das über dem Stacheldraht am Schuleingang hängt: „Eltern und Lehrer unserer Schule gratulieren Jesús Alejandro Cortes“, steht darauf geschrieben. „Er hat die Wissensolympiade in unserem Schulbezirk gewonnen“, sagt MarÃa Monroy. „Das sollen uns die Privaten erst einmal nachmachen.“