Sonntag:
Eine Hochdruckzone über Mitteleuropa sorgt noch einmal für einen freundlichen Spätsommertag. Nach Auflösung von Frühnebel wird es überall freundlich. Höchsttemperaturen: 19 bis 23 Grad.
Am Vorabend einer Woche, die der SPD weitere herbe Verluste bescheren wird, steht Franz Müntefering mit dem Rücken zur Wand. Die Wand ist blau, Müntefering ist blass. Er hat jetzt keine Lippen mehr, sie haben sich endgültig nach innen gestülpt, so dass der ganze Mann farblos wirkt, bis auf den kussmundroten Schlips, der wie ein kopfstehendes Ausrufezeichen um seinen Hals baumelt.
Neben Müntefering steht Frank-Walter Steinmeier und redet. Aber was er sagt, das hört man nicht. Denn hier bei den Linken in der Berliner Kulturbrauerei haben sie der SPD einfach den Ton abgedreht. Statt dessen hallt der sehr beeindruckende Bass von Ulrich Maurer, der auch mal ein Sozi war, durch das luftige Linkenzelt. "Wenn die SPD eine normale Partei wäre", bebt Maurer, "dann müsste sie endlich sagen, dass sie Mist gebaut hat." Da jubeln die 300 zu seinen Füßen - und auf der Leinwand sieht man den lippenlosen Müntefering, wie auch er roboterhaft in die Hände klatscht. An seinem Stehpult klebt der Satz: "Unser Land kann mehr". Aber jetzt, um 18.41 Uhr, müsste es eigentlich heißen: "Unsere Partei kann nicht mehr."
Knapp 20 Stunden später steht Franz Müntefering wieder vor einer Wand. Diesmal im Willy-Brandt-Haus. Diesmal ist er allein. Die Temperaturen in Berlin sind über Nacht merklich gesunken, weswegen sich manche Journalisten hier im Foyer mit dem Satz begrüßen: "Spürst du auch schon die soziale Kälte?" Kurzes Gekicher. Ansonsten ist es still. Man glaubt gar nicht, wie ruhig ein Saal voller Reporter sein kann. Alle ahnen: Gleich passiert was. Oben auf den Balustraden stehen etliche junge SPD-Mitarbeiter, man kann sie ganz gut zuordnen, weil jedes Stockwerk sein eigenes Transparent angeklebt bekommen hat. Ganz oben sind die Finanz-Sozis und die Spitzen-Sozis, darunter die Kampagnen-Sozis, darunter die Partei-Sozis. Ganz unten steht jetzt nur noch Franz Müntefering. Er ist der Desaster-Sozi.
Dass auch Müntefering, der Steher, tief getroffen ist von diesem Wahlergebnis, zeigt sich gleich zu Anfang. Da spricht er von etlichen "Mord-Meldungen", die es morgens im Parteivorstand gegeben habe. Er merkt es nicht einmal selbst. Und dann tut er, was Politiker und Ärzte für gewöhnlich meiden: Er stellt Fragen. "Woran hat es gelegen? Was haben wir versäumt? Was ist da eigentlich los?" Waren es die letzten Monate? Oder war es "die Strecke davor", die sieben Jahre unter Schröder, dessen Name sein Nachfolger wortreich umschifft? Müntefering wird nicht mehr derjenige sein, der die Antworten auf seine Fragen gibt. Er läuft nicht fort, darauf legt er Wert. Aber sein langsamer Abschied bis zum Parteitag im November ist beschlossene Sache. Der vorletzte Statthalter von Gerhard Schröder ist die erste Opfergabe der SPD nach ihrem beispiellosen Wahl-Debakel. Aber längst nicht die letzte.Montag:Die Hochdruckzone über Mitteleuropa schwächt sich ab. Wechselnd bis stark bewölkt, gebietsweise Regen. Höchstwerte zwischen 16 und 19 Grad
Die erstaunlichste Verwandlung in Berlin hat nicht erst über Nacht Guido Westerwelle durchgemacht. Bloß kein Triumphgeheul, hat ihm sein alter neuer Berater Hans-Dietrich Genscher noch am Wahlabend eingebläut. Und der Gestaltwandler Westerwelle hält sich daran. Er ist jetzt nicht mehr Hallodri, nicht mehr Provokateur, nicht mehr neoliberaler Haudrauf. Er will jetzt der Guido aller Deutschen sein.
Von denen haben ihn schon am Morgen nicht wenige mit einem Wunschzettel begrüßt, der von Berlin-Mitte mindestens bis nach Potsdam reicht. Der Verband der forschenden Pharmaunternehmen fordert jetzt, endlich, eine Deregulierung des Gesundheitssystems. Die deutschen Apotheker mehr "persönliche Verantwortung". Der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmer will den "Abbau steuerlicher Hemmnisse". Die Chemie-Industrie nimmt Anlauf gegen die Zinsschranke. Die Energieriesen wollen noch größer werden und setzen auf Atom bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Pro Asyl erinnert an die linksliberalen Bürgerrechtswurzeln der FDP, die ja irgendwo noch sein müssen. Sogar Arbeitslose hoffen auf die FDP, sonst hätten sie die wohl nicht zu zehn Prozent gewählt. Die Arbeitgeber lächeln. Die Banker feixen. Der Dax steigt. Und alles wegen Guido.
Was macht das mit so einem? Es macht einen nervös. Es ist Montagmittag, 13 Uhr, als der Wahlsieger Westerwelle der Weltpresse in den Römischen Höfen Audienz gewährt. Er will eigentlich nichts sagen, und schon gar nichts Falsches. Also entscheidet er sich für eine Mischung aus Weihbischof und Staatskundelehrer, redet viel von Deutschland und Volk und Verantwortung. Ein bisschen gestelzt vielleicht, aber immerhin: er macht nichts falsch - bis auf einen kurzen Ausflug in die Außenpolitik.
Da läuft dem FDP-Chef, der zuletzt so zielsicher seine Fettnäpfchen umkurvte, doch so einiges aus dem Ruder. Ausdrücklich lobt er, dass Obama ein "Kapitel der Aufrüstung" aufgeschlagen habe, bevor er sich verlegen korrigiert. Eine ukrainische Journalistin, die sich für Beziehungen zu ihrem Land interessiert, verweist er auf "die nächste Pressekonferenz". Einen BBC-Reporter, der dreist genug ist, eine englische Antwort zu verlangen, belehrt er: "Es ist Deutschland hier." Vom "neuen teutonischen Ton" wird die britische Presse später schreiben. Die Internetgemeinde postet genüsslich die frühen Englisch-Leiden des jungen W. Sie werden binnen Tagen hunderttausendfach angeklickt werden. Und Westerwelle? Wird halbwegs zerknirscht einräumen, dass er vielleicht ein wenig zu "scharfkantig" war. Es ist noch ein weiter Weg bis zum Außenminister der Herzen. Dienstag: