Es musste einen Schnitt geben. Eine Zäsur. Weil es nicht ging, es einer Klarstellung bedurfte. Unbedingt: "Ich bin Muslima, ich fühle mich persönlich verletzt." Und so war diese Unterredung, ein Treffen von FR-Redakteuren mit einer Gruppe, die gegen den Moscheebau in Hausen ist, für mich augenblicklich zu Ende. Denn die Gegner des muslimischen Gebetshauses brachten als Argumente gegen den geplanten Bau unter anderem vor: Eine Moschee sei kein Gebetshaus, Dschihad gehöre zum Islam wie das Täuschen der Andersgläubigen, und auch die Unterdrückung der Frau.
Diese Situation wirkte nach, wenngleich ich der Sache zunächst keine große Bedeutung beimaß. Doch die Entwertung des Islams führt dazu, dass ich mich zunehmend mit den Muslimen in diesem Land identifiziere und beginne, mich als etwas zu fühlen, das ich eigentlich nicht bin: ein Mitglied der Umma, also der religiösen Gemeinschaft der Muslime.
Hintergründe zum Streit um die geplante Moschee in Hausen im Spezial.
Mit jedem Argument, das an diesem Nachmittag gegen den Islam fiel, ging es mir schlechter. Als dann auch noch zunächst vage geäußerte Bedenken in Befürchtungen mündeten, die Moscheegänger könnten die Besucher der Kirchen in der unmittelbaren Nachbarschaft angreifen, fühlte ich mich endgültig in die Ecke gedrängt.
Eine Ahnung über die Gründe für dieses Gefühl entstand nach und nach: Ich war im wahren Sinne des Wortes überwältigt von Gefühlen, die mir bis dahin in der beschriebenen Weise nicht bekannt waren. Die platten Verallgemeinerungen und abwertenden Äußerungen über den Islam und die Muslime verletzen mich. Als Mensch und als Muslima.
Ich habe eine professionelle Distanz und eine nüchterne Einstellung zu Muslimen und ihren Kritikern. Mit dem Islam verbinde ich vor allem meine Herkunft und meine religiöse Erziehung. Ich bin Tochter türkischer Einwanderer; meine Eltern sahen es als ihre Pflicht an, mich mit den Grundlagen ihrer Religion vertraut zu machen; als Kind besuchte ich den Religionsunterricht in der Moscheegemeinde, lernte ich die Grundpfeiler des Islam kennen, lernte Gebote und Verbote, lernte arabische Suren und den Koran zu lesen. Der Inhalt der Laute, die die verschnörkelten Buchstaben aus meiner Kehle lockten, blieb mir allerdings verborgen. So habe ich das Entziffern der arabischen Schrift verlernt, an manches aus dem sonntäglichen Unterricht erinnere ich mich trotzdem auch heute noch.
Meine Eltern selbst waren religiös und liberal zugleich, sie überließen mir die Entscheidung, wie ich es mit meinem Gott halten will. Ich musste kein Kopftuch tragen, nicht fasten und weder beten noch den Koran lesen. Das Wissen über den Islam machte aus mir aber keine Muslima a Lettre und ich wurde das, was ich bin: Eine so genannte Kultur-Muslima. Ich gehöre also zu den Menschen, deren Wurzeln mit dem Islam verbunden sind, die selbst nicht praktizieren, aber Respekt vor Menschen haben, die gläubig sind - unabhängig von ihrer Religion.
Ich falle nicht auf und niemandem zur Last. Ich bin integriert, ja sogar akkulturiert: Ich habe Germanistik, Literaturwissenschaft und Geschichte studiert, mich mit der Vergangenheit dieses Landes beschäftigt und kenne mich einigermaßen aus mit deutschen Klassikern - sowohl in der Literatur als auch in der Musik; ich liebe es, im Winter Cello-Sonaten von Bach zu hören; ich liebe es, im deutschen Wald zu wandern. Ich habe etliche Christbäume geschmückt, viele Male Weihnachtslieder an Heiligabend gesungen; ich koche gerne Sauerbraten. Ich dachte bisher, ein Teil dieser Gesellschaft geworden zu sein.
Diese Wahrnehmung verändert sich seit dem Streit um den Moscheebau in Frankfurt. Es war die feindliche Atmosphäre auf den öffentlichen Informationsveranstaltungen zum Bauvorhaben, es war die abgründig ablaufende Ortsbeiratssitzung, auf der der Vorsitzende des Moscheevereins massiv angegriffen wurde, es war das mit heftigen Gefühlsausbrüchen vorgetragene Ziel der alt eingesessenen Bürger, den Bau des muslimischen Gotteshauses zu verhindern, es waren Äußerungen wie "Wir wollen Euch Muslime hier nicht", die schließlich das Unbehagen auslösten.
Die Ereignisse in Frankfurt rücken mich näher zu den Muslimen, die sich zunehmend unerwünscht fühlen in diesem Land; anfangs war es lediglich Solidarität mit den Menschen, die das Recht haben sollten, ihre religiösen Rituale nicht mehr in Hinterhöfen oder Industrieanlagen verrichten zu müssen.
Die (Rück-)Besinnung auf den Islam in diesem Land, über die ich immer wieder berichte, sehe ich seit meiner spontanen Äußerung in der Redaktion aus einer anderen Perspektive: Die Hinwendung zu einer Religion verläuft nicht nur über den spirituellen Weg; je stärker die Anfeindungen werden, desto stärker wird auch die Identifizierung mit dem Glauben.
Es ist noch gar nicht so lange her, dass eine aus der Türkei stammende junge Frau erzählte, warum sie neuerdings ein Kopftuch trage. "Ich fühle mich geborgener", sagte die Endzwanzigerin. Ihre Beweggründe habe ich nicht in Frage gestellt, obwohl es schwer fiel, sie nachzuvollziehen. Persönliche Erfahrungen werden sie dazu gebracht haben, dachte ich. Ähnlich ging es mir auch mit dem Sohn marokkanischer Eltern. Der 17-Jährige erzählte, wie er sich als Dunkelhaariger mit dunklem Teint in diesem Land fühlt: Als der Andere, als der, der nicht Deutscher sein und nicht dazu gehören dürfe. Seit er sich über seine Religion definiere, halte er Abweisungen besser aus. "Ich bin Moslem", sage er, wenn er nach seiner Identität gefragt werde. Und er fühle sich sehr viel wohler, seit er den Weg zum Islam gefunden habe. Endlich sei er das, wofür er hier gehalten werde.
"Der Junge ist aber empfindlich", dachte ich beim Portraitieren des Jugendlichen, der in Frankfurt als Sohn muslimischer Eltern zur Welt kam und sich als Reaktion des feindlich erlebten Umfelds in die religiöse Nische zurückzieht. Er beschrieb ein mir unbekanntes Gefühl, ich schrieb es einfach nur auf.
Jetzt spüre ich, was er meinte.

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