Dossier
Hintergründe zu aktuellen und historischen Politik-Themen

06. November 2008

Navid Kermani: Unser Sehnsuchtsland

 Von NAVID KERMANI

Warum Amerika jetzt wieder enttäuschen kann.

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Auf der Internet-Plattform, auf der meine Tochter seit ihrem Wechsel aufs Gymnasium registriert ist, habe die Gruppe "Schüler für McCain" 266 Mitglieder, erschrak meine Tochter mich neulich: So viele? Wie eine Zauberkünstlerin kostete sie meine Reaktion ein paar Sekunden aus, bevor sie hinzufügte, dass sich auf der Plattform auch die "Schüler für Obama" zusammengeschlossen hätten. Und wie viele Mitglieder haben die?, wollte ich wissen. 7668!

Nicht nur im Großen wurde in dieser Nacht Geschichte gemacht: Das erste politische Ereignis, das mein Kind und viele, wenn nicht die meisten Kinder bewusst erleben, an dem sie Anteil nehmen, ist die Wahl eines dunkelhäutigen Einwandererkindes mit dem Zwischennamen Hussein zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Was für uns noch unvorstellbar schien und auf meinem Kontinent auch bleibt, ist nur eine Generation später eine Realität von Anfang an.

Achtzig Prozent der Deutschen hätten für Obama gestimmt, hieß es. Auf der ganzen Welt dürften die Zahlen ähnlich sein. Gleich welche Hauptstadt der Wahlsieger morgen besuchen würde, selbst und gerade die angeblichen Bastionen des Anti-Amerikanismus - die Menschen würden ihn mehr als nur freundlich empfangen. In Teheran wären sie begeistert. Was für Anti-Amerikanismus gehalten wurde, war in vielen Fällen die Wut, dass Amerika nicht amerikanisch ist, dass es seine Ideale verraten und verkauft hat. Mossadegh, Vietnam, Allende oder Guantánamo sind Chiffren der Enttäuschung geworden, die den Glauben voraussetzt. Amerika wird seine Bewunderer auch morgen wieder enttäuschen. Aber vorgestern hat es sich die Bewunderung wieder verdient, die die Enttäuschung erst möglich macht.

George W. Bush wurde oft vorgeworfen, die Welt gespalten zu haben, speziell nach dem 11. September, der zunächst eine Welle der Solidarität ausgelöst hatte. Tatsächlich hat die Ablehnung seiner Politik und seines politischen Stils die Welt geeint. Die Einmütigkeit sollte skeptisch machen, meinetwegen, wie all die kritischen Analysen der Reden, Berater, Programme des neuen Präsidenten ernstgenommen werden wollen, die vor allem im Internet die Jubelberichterstattung unterlaufen - ab morgen. Heute sind die Vereinigten Staaten wieder das Sehnsuchtsland, das sie außerhalb von Westeuropa immer waren.

Es ist nicht nur der Wahlsieg eines Bewerbers, der in mehr als einer Hinsicht einer Minderheit angehört. Es ist die Leidenschaft, mit der sich dieser Bewerber mit seinem Land identifiziert und es eben in seinem Anderssein zugleich verkörpert, die alle Welt verzückt. Er hat nicht trotz, sondern wegen der amerikanischen Verhältnisse gewonnen. In den Vereinigten Staaten war Obamas Kandidatur "unwahrscheinlich", wie er es selbst in seiner Ansprache nannte. In jedem anderen Land wäre sie unmöglich. Europa mit seinem Homogenisierungswahn, von dem es sich auch sechzig Jahre nach seinen großen Kollektivierungskriegen nur mühsam befreit, wird noch weitere sechzig Jahre benötigen, um solche Lebensläufe hervorzubringen. Vielleicht auch nicht, vielleicht lernt es nach dieser Wahl etwas schneller: Identifizierung gelingt dort, wo sie nicht auf Identität hinausläuft.

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, ist Schriftsteller und Orientalist. Zuletzt veröffentlichte er bei Ammann den Roman "Kurzmitteilung".

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