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Dossier

12. August 2009

Nominiert: 3D-Film "Coraline": Alptraum zum Anfassen

 Von Daniel Kothenschulte
Coraline (im Original gesprochen von Dakota Fanning) und Wybie (im Original gesprochen von Robert Bailey Jr.) geraten in der anderen Welt in den Zirkus. Foto: Universal

Nun hat also die 3D-Welle ihr erstes Meisterwerk hervorgebracht: Henry Selicks phantastischer Kinder-Alptraum "Coraline". Man muss 8-bis 10-Jährige um das prägende Erlebnis beneiden. Von Daniel Kothenschulte ( mit Video)

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Der Film

Coraline, Regie: Henry Selick, USA 2009, 100 Minuten.

Coraline war nominiert für den Oscar in der Kategorie "Bester animierter Film", der jedoch an das Animé "Up" ging.

Nun ist es also doch passiert, die 3D-Welle hat ihr erstes Meisterwerk hervorgebracht. Darüber hinaus stellt Henry Selicks neuer Puppentrickfilm sogar alles in den Schatten, was Hollywood in der ersten 3D-Welle um 1953 hervorgebracht hat, Hitchcocks "Bei Anruf Mord" - was nicht zu schwer ist - eingeschlossen. Und wer sich im US-Kino des Jahres 2009 umsieht, wird auch ohne 3D-Brille auf der Nase keine zweite "Coraline" entdecken.

Der Regisseur von "Nightmare Before Christmas" führt in eine Welt, die in keiner anderen Kunstform darstellbar wäre. Und er zeigt uns einen Film, in dem Puppen sowohl Menschen spielen als auch Puppen - im Animationsfilm geradezu die Quadratur des Kreises. Schauplatz und Story allerdings hätten sich immer und überall finden lassen. Jedenfalls dort, wo man weiß, wie man eine gute Gruselgeschichte erzählt.

Coraline, das schwierige Mädchen im Mittelpunkt, ist ebenso intelligent wie unleidlich. Fraglos ist sie das Produkt zweier denkbar nachlässiger und ebenfalls nicht einfacher Erziehungsberechtigter, die sich als Intellektuelle die meiste Zeit des Tages selbst genug sind. Die verbringen sie in unergründlicher Produktivität hinter Computern, was ihre auf den zweiten Blick sehr liebenswerte Tochter weitgehend der eigenen Phantasie überlassen hat.

Coraline, Trailer. USA 2009

Wäre dies ein Realfilm, was man sich zu Beginn sogar noch vorstellen kann, wäre sie idealerweise von einer ganz jungen Christina Ricci verkörpert worden. In ihrem Zimmer entdeckt sie eine übermalte Tür in eine zweite Welt, die auf den ersten Blick wie ein aufgeräumtes Duplikat der ersten aussieht. Sie trifft dort auf ihre "Andere Mutter" und den "Anderen Vater", überaus liebenswerte und aufmerksame Exemplare, aber doch auf auch etwas unheimlich.

Auf den zweiten Blick entdeckt sie dann doch gewissen Unterschiede zur angestammten Haushälfte. Etwa ein Zimmer voll mit überlebensgroßen Insekten, die als Möbelstücke dienen.

Dass Coraline freilich weder in Alices Wunderland gestoplert ist noch in Stanley Kubricks Film "The Shining" sondern geradewegs ins Tal der Puppen, sieht man ihren neuen Eltern an: Auf den Augenhöhlen tragen sie nur aufgenähte Knöpfe. Alles, was Coraline noch tun muss, um in ihrem "anderen" Zuhause heimisch zu werden ist, sich ebenfalls Knopfaugen aufnähen zu lassen. Und je länger sie bei den lustigen Leuten zu Gast ist, desto mehr Nachdruck verleihen sie ihrer Absicht, genau das mit Coraline anzustellen.

Regisseur Selick hat sich beeilt zu erklären, sein Film sei für mutige Kinder jeden Alters geeignet. Gleiches könnte man über Polanskis "Rosemaries Baby" behaupten, oder, besser noch, den einzigen Film der diesem Wunderwerk ein wenig ähnlich sieht, Jack Claytons Gruselfilm "Schloss des Schreckens" über die jenseitig veranlagten Zöglinge einer englischen Gouvernante.

Aber was für einen unvergesslichen Eindruck wird dieser Film, der - Warnung! - schon ab sechs Jahren freigegeben ist, wohl wirklich auf Kinder machen, die ihm gewachsen sind? Vielleicht mit acht oder zehn? Man darf sie beneiden um ein prägendes Kinoerlebnis.

Denn natürlich ist dies eine Kindergeschichte. Selick, der Neil Gaimans Roman verfilmt hat, begegnet den geheimen Wünschen, die Kinder an ihre Eltern richten mögen, mit größtem Feingefühl. Wie nur wenige phantastische Erzähler erschafft er aus einer Wunschvorstellung ein verführerisches Zerrbild, das auch dann nicht aufhört zu faszinieren, wenn es sich als ein Ort des Schreckens entpuppt. Also das, was Pinocchio einst auf die Vergnügungsinsel lockte. Und er verklärt auch nicht ein alles andere als perfektes Elternhaus zum wahren Arkadien.

Die größte Kunst dabei ist freilich, wie er das Traummedium Kino in der Schnittstelle zwischen Schlaf und Halbschlaf erwischt, also genau in jenem Augenblick kurz vor dem Aufwachen, wo man die Träume fast noch anfassen und beim Frühstück wunderbar von ihnen erzählen kann. Vorausgesetzt natürlich, man schafft, aus seinem Alptraum aufzuwachen....

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