Neue Anhänger werden die Parteien so kaum im Netz rekrutieren. Wer etwa im StudiVZ die User fragt, warum sie sich per Klick entschieden haben, Angela Merkel "gut zu finden", erfährt, dass die meisten ohnehin CDU-Wähler sind. Sie mögen Merkel, loben auch ihren Auftritt bei StudiVZ, finden aber nicht, dass ihre Wahlentscheidung dadurch beeinflusst wurde: Viele von ihnen haben bisher ihr Kreuz bei der CDU gemacht und werden es wohl am Sonntag wieder tun.
Politologe Brauckmann glaubt denn auch nicht, dass online neue Wähler zu gewinnen sind. "Es können aber jene, die zu einer Partei tendieren, überzeugt werden, und Parteimitglieder können sich übers Netz organisieren."
Berlin, August 2009: Markus Beckedahl ist gut drauf. Seit zehn Jahren versucht er, das Internet in der Politik zum Thema zu machen. Nie war er so gefragt wie heute. Sein Blog netzpolitik.org ist das meistverlinkte im Land, seine Agentur Newthinking Communications, versteckt in einem Hinterhof auf der Schönhauser Allee in Berlin, hat gerade die Studie "Zwischen Strategie und Experiment: Politik im Web 2.0" erstellt. Und sie entwirft Webseiten wie datenschutz-ist-buergerrecht.de für die Grünen. Beckedahl, selbst "Karteileiche bei den Grünen", steckt tief im Online-Wahlkampf, an allen Fronten.
Sein Urteil über die Aktivitäten der Parteien ist kritisch: "Die derzeitigen Strategien sind auf Broadcasting ausgelegt - wie in den USA 2004", sagt Beckedahl. Die Parteien nutzten das Netz als neuen Kanal zur Verbreitung ihrer Botschaften - aber nur in eine Richtung. "Es fehlen Angebote zum Mitmachen, die Spaß machen und dem User das Gefühl geben, Teil einer Bewegung zu sein."
In Amerika riefen sich die Leute irgendwann auf der Straße "Yes, we can!" zu. In Deutschland können sie sich fürs Internet produzierte Filmchen ansehen, in denen eine Studentin grübelnd aus dem S-Bahnfenster guckt: allein.
Regensburg, September 2009: SPD-Online-Wahlkämpfer Tobias Afsali hat die Hoffnung auf den großen Stimmungswandel nicht aufgegeben. Er klickt, er tippt, er kämpft. "Das Werben für die Partei und die eigene Überzeugung ist doch die ureigene Aufgabe der Basis", sagt er. Dass er und seine Mitstreiter an ihren heimischen Rechnern keine Bewegung lostreten konnten, stört ihn nicht: "Ich trage ja noch nicht den Frust von 40 Jahren Politik in mir." Und immerhin hat Afsali durch seinen persönlichen Einsatz im Netz sogar neue Mitglieder für die SPD gewinnen können: genau zwei.