Für Tobias Afsali läuft der Countdown. Jetzt muss er noch mal alles geben: Tagsüber lernt der Jura-Student fürs Staatsexamen, abends setzt sich der 23-Jährige in seinem Einzimmer-Apartment an den Laptop, loggt sich bei StudiVZ ein - und macht Wahlkampf für die SPD.
Afsali ist der Vorsitzende der Regensburger Jusos, aber er ist auch Realist. Er geht nicht davon aus, dass er durch seinen Einsatz irgendjemanden von der Partei selbst überzeugen kann. Aber er glaubt daran, die eigenen Sympathisanten auf diese Weise dazu bewegen zu können, selbst aktiv zu werden. Also liest er die Profile seiner Freunde, überlegt, wessen politische Einstellung zu seiner Partei passt, schickt ihnen Links. Dann fragt er, ob sie Lust haben, sich politisch zu engagieren. "Manche brauchen einfach einen kleinen Anstoß - und das funktioniert eher, wenn sie jemanden kennen", sagt Afsali.
Die besten Ideen der Parteien im Online-Bundestagswahlkampf:
Bei der FDP haben User die Möglichkeit, online Geld zu spenden - und dabei auch festzulegen, für welches politische Feld die Spende verwendet werden soll. Vorgegebene Themen sind ebenso anwählbar wie das freie Eintragen eigener Ideen. Zur Seite der FDP
Die Grünen haben ihr Parteiprogramm online in eine weniger bürokratische Sprache übersetzt, was vor allem jüngeren Usern oder Wahlberechtigten mit mäßigen Deutschkenntnissen entgegenkommt. Das Dokument steht als PDF auf der Seite der Grünen zur Verfügung.
Die Jusos haben das "Regierungsprogramm" der SPD speziell für Erstwähler zusammengefasst. Das im Original mehr als 90 Seiten starke Dokument umfasst in der Juso-Variante nur noch ein Drittel und beschränkt sich auf Themen, die für Erstwähler interessant sein könnten. Das Dokument steht als PDF im Jugendwahlkampf-Bereich zur Verfügung.
Die CDU bietet auf ihrer Homepage einen Link zur Kandidatensuche nach Wahlkreisen. Über eine Deutschlandkarte und eine Suche nach Postleitzahlen landen Bürger schnell auf der Seite ihres Wahlkreiskandidaten.
Im Video-Podcast "60+" äußern sich Spitzenpolitiker der Linken ein- bis zweimal pro Woche in 60 Sekunden zu aktuellen Themen. Die Kurzbotschaften werden zwar abgelesen und kommen deshalb ein bisschen steif daher. Dafür sind sie klar und verständlich formuliert und in der Mediathek abonnierbar.
Die Piratenpartei ist die einzige, die auf ihren Webseiten unter www.piratenpartei.de und http://klarmachen-zum-aendern.de an vielen Stellen Kommentare der User zulässt und diese offenbar auch liest: Auf Fragen etwa nach der Wahlzulassung antwortet ein Administrator. Der Parteivorsitzende Jens Seipenbusch bloggt selbst und fernab von Wahlkampf-Phrasen.
Also tippt, surft und schreibt er, seit Monaten schon. Denn die Wahlen, so hieß es zu Beginn des Wahlkampfes immer wieder, werden heutzutage im Internet gewonnen. Man dachte an Barack Obamas vorbildliche Web-Kampagne und nickte. Und dann kam es alles doch ganz anders.
Denver, Colorado, August 2008: SPD-Generalsekretär Hubertus Heil steht beim Parteitag der US-Demokraten im Pepsi Center in Denver. Er twittert. "Der kracher war die rede von michelle obama", tippt er in seinen Blackberry, und später: "Waren noch mit ein paar delegierten und journalisten ein bier trinken." Die ungewohnt lockeren Kurzmitteilungen werden zu Hause heiß diskutiert: Ist das einfach nur albern - oder ein Vorgeschmack auf den Online-Wahlkampf in Deutschland? Wenn ja, wer schafft es, so im Netz neue Wähler zu ködern? Die erste Frage ist beantwortet: Das Twittern gehörte für alle Parteien zum Bundestagswahlkampf 2009, etliche Politiker haben Facebook-Profile und Youtube-Kanäle. Sie laden unzählige Bilder von Wahlveranstaltungen bei der Foto-Community Flickr hoch, betreiben eigene Communitys: "Meine SPD", "teAM Deutschland" (CDU), das "Wurzelwerk" (Grüne), "My FDP". Und sie sammeln Unterstützer in der "Wahlkampfzentrale" von StudiVZ.
Die zweite Frage, die nach dem Ertrag, ist nicht ganz so einfach zu beantworten. SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier schreibt bei StudiVZ: "Da sage einer, Wahlkampf würde keinen Spaß machen: gestern Abend an der Nahe mit Kurt Beck und Andrea Nahles genossen wir den lauen Sommerabend. Später dann im Hotel in Dortmund begrüßen mich noch einige wachgebliebene Hotelgäste."
Die ganze Internetgemeinde kann so teilhaben an seinem Wahlkampf-Alltag - oder besser: könnte. Nur gut 19.800 StudiVZler haben angeklickt, dass sie Frank-Walter Steinmeier "gut finden" und verfolgen dadurch seine Einträge auf StudiVZ. Bei Facebook hat er rund 6.400 Befürworter. Angela Merkel finden 70.400 gut, und sie hat mehr als 17.000 Befürworter. Viele sind das nicht, angesichts von vier Millionen deutschen Facebook-Usern, über fünf Millionen StudiVZ-Nutzern und 62,2 Millionen Wahlberechtigten.
Um mehr von ihnen zu erreichen, müsste es menscheln in den Einträgen der Politiker. Obama erlaubte den Usern seinerzeit Blicke hinter die Kulissen, zeigte sich mit seinen Kindern oder beim Sport. Sich auf das Web 2.0 einzustellen bedeutet auch, von den offiziellen Statements aus dem Fernsehen und PR-Sprech wegzukommen. "Im Internet müssen Politiker persönlicher und emotionaler argumentieren", sagt Politikwissenschaftler Patrick Brauckmann, der an der Uni Leipzig seine Dissertation über "Online-Communitys im Bundestagswahlkampf 2009" schreibt. Er ist im Moment fast rund um die Uhr online und beobachtet, wie schwer sich die Parteien noch tun, ihre Kommunikationsstruktur zu ändern, sich dem neuen Medium anzupassen.
Berlin, Juni 2009: Sebastian Reichel ist 34 Jahre alt, Blogger, Twitterer, SPD-Mitglied. Eigentlich koordiniert er nur den Online-Wahlkampf seiner Partei. Aber seit der Bundestag mit den Stimmen der großen Koalition die Einführung der umstrittenen Internet-Sperren gegen Kinderpornografie beschlossen hat, wird der Internetkenner mitverantwortlich gemacht für den befürchteten Einstieg in die Netz-Zensur. Fast schon flehend fragt er, warum die Netzaktivisten denn nur auf der SPD rumhacken - obwohl auch die Union für die Sperren gestimmt hat. "Das ist eine sehr emotionale und entsachlichte Debatte", sagt Reichel.
Tatsächlich schäumen seit Wochen vor allem jene, die im Web wirklich was zu sagen haben: die Alphablogger, die Bestvernetzten, die Experten. Johnny Haeusler vom Spreeblick-Blog schreibt es überdeutlich: "Von der CDU erwarte ich nichts, so lange ich denken kann ... Aber was sich die SPD in den letzten Jahren geleistet hat und besonders, was nun im halbherzigen, feigen und völlig nutzlosen Verhandlungsgefasel hinsichtlich der Internetsperren zu sehen war, bringt das Fass zum Überlaufen. Ein paar Mal habe ich der SPD noch eine Stimme abgegeben, ab heute steht fest: Nie wieder."
Statements, wie sie bei allen zu finden sind, die in der deutschen Bloggerszene Rang und Namen haben. Auch bei Twitter: "Ab sofort können sich CDU und SPD ihren sogenannten ,Onlinewahlkampf´ in die Haare schmieren." Damit ist klar: Durch ihre Internetpolitik verprellten Union und SPD die wertvollsten Adressaten im Online-Wahlkampf: die Multiplikatoren. Die, deren Argumente und Linktipps Tausende andere User erreichen, eben weil sie nicht im Verdacht stehen, plumpe Wahlwerbung zu betreiben.