In einer aufschlussreichen, möglicherweise aber auch nur gut erfundenen Anekdote treffen sich die exilierten Schauspieler Conrad Veidt und Reinhard Schünzel zufällig im Wartezimmer eines Hollywood-Produzenten.
Beide sind zum Vorsprechen im Nazi-Kostüm erschienen, weil es für sie kaum andere Rollen gibt, und als Schünzel durch die Tür tritt, steht Veidt stramm und begrüßt seinen Leidensgenossen mit einem ironischen "Heil Hitler!".
"Inglourious Basterds", Regie: Quentin Tarantino, USA/D 2009, 154 Minuten.
Der österreichische Schauspieler Christoph Waltz erhielt für seine Rolle als SS-Offizier in Tarantinos Komödie den Oscar als bester Nebendarsteller.
Ähnliches könnte sich letztes Jahr auch in Babelsberg ereignet haben: Dutzende Schauspieler putzten im Besetzungsbüro von Quentin Tarantino die Klinke, und wer nach dem Vorsprechen eine maßgeschneiderte Wehrmachtsuniform bekam, freute sich, als wäre es das deutsche Nationaltrikot.
Während es für die Exilanten etwas Tragikomisches hatte, dass Hitlers langer Arm sie sogar im sicheren Hollywood erreichte - wenn auch nur auf dem Umweg eines Rollenklischees -, kommt dasselbe für Christoph Waltz, August Diehl oder Alexander Fehling eher einer Befreiung aus dem Gefängnis des deutschen Film- und Fernsehalltags gleich.
Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass "Inglourios Basterds" nicht nur eine Weltkinosensation ist, denn das ist jeder Quentin-Tarantino-Film, sondern auch ein deutsches Kinoereignis. Als solches kann es neben Bully Herbigs "(T)Raumschiff Surprise" locker bestehen: Beide Filme sind in ihrer Filmmythenseligkeit gleichermaßen unterhaltsam und in ihrer fröhlichen Weltlosigkeit auf ähnliche Weise ermüdend. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: "Inglorious Basterds" ist natürlich weit besser geschrieben und tausend Mal besser gespielt.
Die Weltkriegsfarce beginnt als Italo-Western im besetzten Frankreich: Ein Bauer hackt in einsamer Landschaft Holz, von Ferne kündigt eine Staubwolke das Unheil an. Christoph Waltz betritt als Oberst Landa die Bühne, der Spitzname "Judenjäger" eilt ihm voraus, doch dann entpuppt er sich als verschlagener Charmeur.
Plaudert in drei Sprachen mit dem französischen Bauern, stopft sich gemütlich ein folkloristisches Pfeifchen und redet so lange um den heißen Brei herum, bis sein Gegenüber weiß, was die Stunde geschlagen hat. Zwischen zwei Lidschlägen lässt Waltz die leutselige Maske fallen und hat wieder eine jüdische Familie im Sack.
Tarantino biegt Genrekonventionen nach Belieben
Schon diese erste Szene führt Stärken und Schwächen Quentin Tarantinos wie unter einem Brennglas vor. Wie wenige andere kann er aus filmischen Anspielungen eine lebendige Stimmung schöpfen, er biegt die Genrekonventionen nach Belieben, seine Dialoge sind gewitzt und seine Darsteller blühen unter seiner Führung auf (wobei der zu Recht hoch gelobte Christoph Waltz im deutschen Fernsehen schon besser war; die Entdeckung des Films ist eher August Diehl).
Andererseits ist Tarantino viel zu sehr in seine Erfindungen verliebt, um sich zum Nutzen des Ganzen von ihnen trennen zu können. So wird aus dem schneidigen Tarantino-Sound irgendwann sämiges Gequatsche und aus einer virtuos gegen den Strich gebürsteten Genreszene der Versuch, ein Exempel zeitgemäßen Filmemachens zu statuieren.
Das größte Problem bleibt aber, dass dem "Kill Bill"-Regisseur jede einzelne Szene unendlich kostbar ist und er darüber gerne vergisst, wie am Ende alles zusammengehen soll.
In einzelnen Kapiteln werden die Stationen bis zum furiosen Finale abgehakt: Die mehrheitlich jüdischen Basterds werden rekrutiert, um hinter den feindlichen Linien Nazi-Skalps zu sammeln, schließen sich mit einem englischen Filmkritiker und einer deutschen Filmdiva zusammen, um den ganzen Nazi-Spuk während einer feierlichen Filmpremiere zum Teufel zu jagen, und machen dabei beinahe das Mordkomplott der jüdischen Kinobetreiberin zunichte.
Es geht um die Fantasie des jüdischen Widerstands
Anders als von Tarantino gewohnt, ist die Bedeutung dieses Mal nicht nur ein Abfallprodukt des Spaßes, sondern in jedem Augenblick präsent. Es geht um die Fantasie des jüdischen Widerstands und darin versteckt um das jüdische Trauma, sich lammfromm in den Untergang gefügt zu haben. Beides gehört zum Gründungsmythos des wehrhaften Staates Israel, weshalb am Ende von Edward Zwicks Weltkriegsdrama "Defiance" die überlebenden jüdischen Widerstands- kämpfer ins gelobte Land zu ziehen scheinen.
Quentin Tarantino findet für sein Thema ein grandioses Bild: das lachende Gesicht einer toten Jüdin wird in den Rauch projiziert, der sämtliche Repräsentanten des Holocaust ein Jahr vor Kriegsende verschlingt. Doch es ist ein Bild ohne Resonanzraum in der Wirklichkeit. Tarantinos Film handelt weder von Menschen noch von der Geschichte, sondern allein von seiner Liebe zum Film. "Die Macht des Kinos", sagte er bei den Filmfestspielen in Cannes, "besiegt das Dritte Reich." Dabei beweist gerade "Inglourious Basterds", dass Hitler seine Opfer in der historischen Erinnerung überlebt. Nicht zuletzt sorgt er dafür, dass es für deutsche Schauspieler in Hollywood immer gute Schurkenrollen gibt.