Christoph Waltz hat Oscar-Geschichte geschrieben und das nicht nur, weil er nach 49 Jahren der erste deutschsprachige Schauspieler ist, der mit der begehrten Trophäe der Academy of Motion Picture Arts and Sciences ausgezeichnet wurde.
Damals, 1961, war es Maximilian Schell, der für seine Nebenrolle als Verteidiger bei den Nürnberger Prozessen ("Das Urteil von Nürnberg", Regie Stanley Kramer) den Oscar erhielt. Es war der Beginn der Weltkarriere für den Österreicher Schell; nun sagt man seinem Landsmann Waltz eine ebenso glorreiche voraus.
Und weil es seit Cannes und den Golden-Globe-Ehrungen für Waltz schon als ausgemacht gegolten hatte, dass er sich auch in Los Angeles gegen seine vier Mitnominierten durchsetzen würde, war und ist die spannende Frage, welche Rolle Hollywood dem Mann aus Wien, Jahrgang 1956, wohl als nächstes anbieten wird.
Den Nazi hat er ja nun hinter sich, dank Quentin Tarantinos Groteske "Inglourious Basterds", und darin, in dieser Rolle eben, gründen die eigentliche Exklusivität Waltz´ und das Historische an der Entscheidung der Academy. Nie zuvor wurde ein Schauspieler dafür geehrt, dass er als Nazi überzeugt hat. Zuletzt war es 1993 der Brite Ralph Fiennes, der, in Spielbergs "Schindlers Liste" eindrucksvoll als SS-Offizier Amon Göth, nur bis zur Nominierung als Nebendarsteller kam. Und selbst der große Laurence Olivier war weitere 15 Jahre zuvor leer ausgegangen. In John Schlesingers "Marathon Man" war er der KZ-Arzt Christian Szell.
In der Tradition dieser Figur ist Christoph Waltz´ SS-Standartenführer Hans Landa zu betrachten: der Barbar mit humanistischer Bildung, der polyglotte Herrenmensch, der Zwangsneurotiker, der im systematisierten Irrsinn zur Balance zwischen Innen und Außen findet.
Jonathan Littell hat in seinem Roman "Die Wohlgesinnten" mehr als 1000 Seiten benötigt, um diesen Typus Nazi auszuloten - der Roman wurde diskutiert, als hätte es die Erkenntnis nie gegeben, dass jedes Terrorregime auf Eliten angewiesen ist und in der Schnittmenge der Intelligenten und Psychopathen ideale Vollstrecker findet.
Quentin Tarantino hat dieser Schnittmenge noch eine Facette abgetrotzt, für die er auch Schelte einstecken musste. Hans Landa ist in seiner lauernden Unberechenbarkeit zwischen Höflichkeit und Hysterie, zwischen Weinerlichkeit und Kaltblütigkeit auch und vor allem eine komische Figur, was Tarantino den Vorwurf der "Leichtsinnigkeit" einbrachte.
Keine Kritik aber wendete sich gegen Waltz direkt, der die enorme Fallhöhe so virtuos meisterte, dass man sich niemand anderen in der Rolle vorstellen kann. DiCaprio war vorgesehen - allein der Gedanke erscheint absurd.
Und wie sieht Waltz es selbst? Er habe sich der Figur ohne die auf der Hand liegenden Vorbehalte genähert, sagte er vor wenigen Monaten im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Schon gar nicht wolle er ein "Weltanschauspieler" sein, einer, der eine abscheuliche Ideologie mit einem üblen Charakter vereint.
Das eindeutig Böse war Waltz´ Sache nie, gleich in mehreren deutschen TV-Produktionen beeindruckte er als Verbrecher und Gewalttäter, deren Trachten und Antrieb nicht nur hinter einer kleinbürgerlichen Fassade verborgen liegen, sondern im kleinbürgerlichen Wunschdenken und dem verlässlichen Scheitern am stärksten wurzeln. Waltz war der Oetker-Entführer, er war ein Amokläufer - und immer war er dabei auch der Verlorene, der seinen Blick auf die Umwelt und ihre Zumutungen nachvollziehbar werden ließ, manchmal sogar noch im Kampf mit den Widrigkeiten einer Verbrecherexistenz.
Dass er viel mehr kann, Komödie, Satire, Theater, hat Waltz in zahllosen Filmen und Inszenierungen bewiesen, seit er 1979 in der Vorabendserie "Parole Chicago" als ewig glückloser Kleinganove das Publikum für sich gewann. Für ein TV-Biopic war er gar der tragische Schlagerstar Roy Black - und half über viele dramaturgische Durststrecken hinweg.
Bei aller Popularität taugt er - bislang! - nicht für Glamour; lustig die Vorstellung, wie er Klatschreportern seine Sicht der Dinge erklärt. Auf die Komplexität seines SS-Mannes Landa angesprochen, ging er im FR-Gespräch einige Umwege: zu Kunst und Aufklärung, zu Geschmacksgrenzen und Tabubrüchen. Er denkt die Dinge durch, daran lässt er keinen Zweifel, sollen die Dinge dadurch ruhig komplizierter werden.
Wenn er so vor einem sitzt und doziert, jedes Worte akzentuierend, abwesende Augen, sparsame Mimik in den weichen Zügen um den stets leicht lächelnden Mund, sind seine Figuren präsenter, als ihm lieb sein mag. Sie sind ja nun mal faszinierend und unfassbar, diese Figuren, wie Kinder, wenn sie Fliegen die Flügel ausreißen.