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Panorama: Ersatzfamilien

Im Panorama hatte "Die Fremde" ein Heimspiel und provozierte die erwarteten Reaktionen - wahlweise als realistischer Einblick gefeiert oder als Ansammlung von Klischees verdammt. Von Michael Kohler

Die Schauspielerin Sebil Kekilli.
Die Schauspielerin Sebil Kekilli.
Foto: dpa

Nur einen Moment familiärer Geborgenheit gönnt Feo Aladag ihrer Heldin, dann sieht diese in einen Pistolenlauf. Umays jüngerer Bruder legt auf die Berliner Türkin an, rettet sich unbehelligt in einen Linienbus und schaut gebannt und entsetzt durch die Heckscheibe zurück.

Einen ähnlichen Blick versucht auch Aladag in uns zu wecken, wenn sie das Kino zum Fenster zur Welt stilisiert - in diesem Fall das Fenster zur geschlossenen Gemeinschaft einer deutsch-türkischen Familie. Sie führt uns durch die Stationen einer zum Scheitern verurteilten Emanzipationsgeschichte und besetzt ihr Melodram dabei mit Figuren, die ebensogut aus einer soziologischen Studie stammen könnten.

Im Panorama der Berlinale hatte "Die Fremde" ein Heimspiel und provozierte die erwarteten gemischten Reaktionen. Schließlich bestätigt Aladags Film sämtliche Mutmaßungen über das Thema des so genannten Ehrenmords und versorgt damit beide Seiten der derzeit besonders heiß umkämpften Integrations-Debatte mit Argumenten.

In der Geschichte um eine junge Mutter, die ihren Ehemann verlässt und deswegen von ihrer eigenen Familie verstoßen wird, fehlt weder der prügelnde Gatte noch die in archaischen Traditionen gefangenen Eltern noch die tuschelnde türkische Gemeinde. Aladag inszeniert das alles als Berg- und Talfahrt der Gefühle mit der auf Kommando Rotz und Wasser heulenden Sibel Kekilli als melodramatischer Galionsfigur.

Im Kinofoyer wurde "Die Fremde" dann wahlweise als realistischer Einblick gefeiert oder als Ansammlung von Klischees verdammt. Beide Positionen haben etwas für sich, zumal sich Aladags Fenster zur Welt in der Tat einige Male zur Schlüssellochperspektive verengt. Bei solchen Problemfilmen weiß man nie, ob die Regisseurin nicht eigentlich eine moderne Effi-Briest-Geschichte erzählen wollte, bevor ihr die politische Aktualität dazwischen kam.

Ein ganz anderes Hindernis als eine gesellschaftliche Debatte muss Jake Scott in "Welcome to the Rileys" überwinden: Seine Hauptfigur wird von James Gandolfini gespielt, den alle Welt nur als Kopf der TV-Mafiafamilie "Sopranos" kennt. Hier geht er als Inhaber eines Sanitärmarkts auf Geschäftsreise, stolpert in New Orleans in ein Striptease-Lokal und adoptiert im Séparée eine Tänzerin, die ihn an seine verstorbene Tochter erinnert. Zunächst wirkt sein rührendes Bemühen um die 16-jährige Ausreißerin wie Tony Sopranos späte Wiedergutmachung für seinen als "Bad-abingness" berühmt gewordenen Lebensstil. Doch ganz allmählich entwickelt sich zwischen Gandolfini und der "Twilight"-Heldin Kristen Stewart eine scheue Vertrautheit, die einen nicht nur Mafiosi und Vampire vergessen lässt, sondern auch sämtliche Klischees, die einem in Filmen über Ersatzfamilien sonst begegnen.

Mit dem guten, aber nicht überragenden Drama "Welcome to the Rileys" ist im diesjährigen Panorama der Höhepunkt des klassischen Erzählkinos schon erreicht. Die Sektion entwickelt sich immer mehr zum Festival im Festival, mit dem schwul-lesbischen Kino als Kern und einer eher lieblos zusammengestellten "General Interest"-Auswahl drumherum.

In diesem "Rahmenprogramm" finden sich dann Filme wie Trent Coopers "Father of Invention", dessen läppische "From Riches to Rags and back"-Geschichte aus der untersten Schublade des amerikanischen Independentfilms gezogen wurde. Kevin Spacey spielt einen Self-Made-Man, der sein Imperium auf überflüssige Erfindungen gründete, bis ihn ein gemeingefährliches Produkt ins Gefängnis und um seinen Reichtum brachte. Nach seiner Entlassung zieht er in die Junggesellinnen-WG seiner Tochter und sucht mit dem übrigen Ensemble (u.a. Heather Graham, Johnny Knoxville, Virginia Madsen) derart verzweifelt nach Pointen, dass der Ausdruck "Satire" bald zum Schimpfwort wird.

Nach derartigen Reinfällen flüchtet man am besten in die Dokumente-Reihe, weil sich die Vernachlässigung der Form zu Gunsten des Inhalts hier am ehesten rechtfertigen lässt. Interessante Themen gibt es auch dieses Jahr genug: David Sieveking schaut in "David Wants To Fly" hinter die Kulissen der von David Lynch gepriesenen Transzendentalen Meditation, Yael Hersonski geht in "Shtikat Haarchion" den Spuren eines unvollendet gebliebenen Nazi-Propagandafilms über das Leben im Warschauer Ghetto nach, und Julia Bacha erzählt in "Budrus" die Geschichte eines palästinensischen Dorfes, dessen Bewohner sich 2003 erfolgreich gegen den israelischen Mauerbau über ihr Gebiet wehrten. Beinahe ein Jahr lang leisteten die Menschen gewaltlosen Widerstand und formten dabei eine weltweit beachtete Koalition aus Fatah, Hamas und israelischen Friedensaktivisten. An journalistischen Standards gemessen lässt Bacha zu viele Fragen unbeantwortet, dafür fügt ihr um nachträgliche Interviews ergänzter Augenzeugenbericht die üblichen Nachrichten-Schnipsel des Nahost-Konflikts zu einem Ganzen zusammen, das die alltägliche Dramatik des Geschehens überhaupt erst erfahrbar macht. Auf beiden Seiten geht es um die Existenz, was die Fronten einerseits verhärtet, zugleich aber auch ein seltsames Gemeinschaftsgefühl erzeugt. Bacha trägt ihren Teil zu diesem Eindruck bei, indem sie nicht Partei ergreift und die Bilder für sich sprechen lässt. Spätestens wenn die Kamerafrau eine plötzliche Eskalation mit fassungslosem Entsetzen kommentiert, ist klar, dass Bacha ein gelungener Gegenentwurf zu jenem abgebrühten Journalismus gelungen ist, den sie am Rande mit dokumentiert.

Autor:  Michael Kohler
Datum:  18 | 2 | 2010
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