Technobeats, Bratwurst- und Grasgeruch wabern über die Graffiti-gepflasterte Industriebrache neben der Warschauer Brücke. Die Piratenpartei hat sich das RAW-Gelände im Berliner Stadtteil Friedrichshain für ihre Wahlparty ausgesucht; ein linksalternatives Zentrum, das "hochwertige Kultur niedrigschwellig bereitstellen" will.
Das Credo könnte genauso gut im Parteiprogramm der Freibeuter stehen. Werden sie an diesem Wahlabend an ihrer einseitigen, netzbasierten Programmatik scheitern? Oder sollte sich just dieses Alleinstellungsmerkmal als Magnet für Protestwähler erweisen?
Alles war offen. Auch zu Florian Bischof, dem Berliner Spitzenkandidaten, waren am frühen Abend noch keine Zahlen durchgesickert. "Zwei Prozent wären ein Riesenerfolg − damit hätten wir das Ergebnis der Grünen bei ihrem ersten Bundestagswahlantritt übertrumpft", sagt er und holt sich erstmal ein Kaltgetränk.
Um seinen Gemütszustand würden ihnen die großen Parteien zu diesem Zeitpunkt sicher beneiden: Bischof ist entspannt. Erst vor drei Jahren gegründet, gibt es für seine Partei nichts zu verlieren. Einzig das Ergebnis der Europawahl dient als Vergleichswert. Und dass sie diese 0,9 Prozent übertrumpfen werden, glauben die meisten Piraten genauso fest, wie an die Unüberwindbarkeit der Fünf-Prozent-Hürde.
Schwarz-Gelb ist "der Horror"
Als um 18 Uhr etwa 300 Besucher, darunter Dutzende Journalisten, in die Halle des Astra-Konzerthauses strömen, geht es erstmal viel um die anderen. Die SPD hat ein Rekordtief erreicht, verkünden die ersten Hochrechnungen. Der Saal jubelt. Als Splitterpartei fallen die Piraten in den Umfragen unter "Sonstige"; nur langsam sickern die eigenen Ergebnisse durch.
Eine eigens gebastelte Software, die Twitter-Prognosen der ARD durchsucht und in Diagramme umwandelt, projiziert einen orangefarbenen Balken auf die Leinwand. Bischof hat richtig orakelt: Zwei Prozent. In einigen Städten sollen es sogar über acht sein, munkeln die Zuschauer.
Wie der 23-jährige Student Matthias sind viele zum Public Viewing hergekommen. Auch Matthias hat die Piraten gewählt, "wegen der Internetzensur". Mit dem Ergebnis ist er zufrieden, nur Schwarz-Gelb sei "der Horror": "Aber das wird unsere Proteste nur noch lauter machen."
Auf der Bühne spricht nun Parteivorstand Jens Seipenbusch. "Die Wahl hat gezeigt, dass unsere Themen wichtig sind und dass wir erfolgreich sein werden in der Zukunft", sagt der Münsteraner. Dass sie nun noch bekannter werden bei allen, die noch gar nicht wissen, wer sie sind. Immerhin sind nächstes Jahr schon wieder Wahlen, in Nordrhein-Westfalen.
Dann gibt Seipenbusch das Mikro seinem Kollegen Aaron Koenig. "Und alle so", ruft der hinein; eine Anspielung auf einen Flashmob, bei dem Demonstranten am Vortag die Rede der Kanzlerin mit lauten "Yeah"-Rufen gestört hatten. "Yeaaahhh" brüllt das Publikum zurück. Von der Leinwand lächelt Angela Merkel siegessicher auf sie hinab.
Nach schwedischem Vorbild hatte sich die Piratenpartei 2006 in Deutschland formiert. In den Wochen vor der Bundestagswahl stiegen die Mitgliederzahlen − manchmal kamen täglich bis zu 100 neue Anhänger hinzu. Zuletzt verzeichnete die Partei nach eigenen Angaben rund 9200 Mitglieder. (mit dpa)