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Polanskis "Der Ghostwriter": Der Tod des Autors

Polanksis gepflegter Thriller "Der Ghostwriter": Ein Thriller wie aus den 70er Jahren, als das Kino seinen Vorsprung gegenüber dem Fernsehen zur Schau stellte. Von Daniel Kothenschulte

Alte Leidenschaft entflammt aufs neue.
Alte Leidenschaft entflammt aufs neue.

Es ist ein Thriller wie aus den siebziger Jahren, als das Kino seinen Vorsprung gegenüber dem Fernsehen in weiten Bildern und den satten Farben der Tiefdruckmagazine zur Schau stellte. Sachlich und dennoch stimmungsvoll beobachtet Roman Polanski in der Anfangsszene von "Der Ghostwriter" das Entladen einer Autofähre an einer stürmischen Küste. Nur die insistierenden Synkopen der Filmmusik von Alexandre Desplat finden etwas Bedrohliches an diesem Vorgang. Bis dann die Szene auf das menschliche Strandgut schwenkt: Es ist die Leiche eines Autors, den ein Großverlag angheuert hat, um die Memoiren des britischen Premiers zu schreiben.

Unersetzlich sei der Mann gewesen, ist sich sein Verlagschef sicher. Und natürlich werde er sofort ersetzt. Ewan McGregor spielt den willigen Nachfolger auf dem gefährlichen Posten. Statt Ruhm und Ehre winken ihm lebenslanges Schweigen und ein Sack voll Geld. Was für eine schöne Ergänzung zum Hollywood-Klischee des gefallenen Poeten ist dieser Ghostwriter, den im Film tatsächlich niemand mit seinem Namen anreden möchte. Er ist der anonyme Held des PR-Zeitalters und ist uns gleich sympathisch: Eben weil er nichts ist als ein Profi, der beste auf dem Job, ein Mann ohne Familie und Eigenschaften. Immerhin ist er nicht gleich Auftragskiller geworden.

Meisterlich platziert Polanski Augenblicke des Unbehagens in die folgenden Szenen. Der Spielort, eine Luxusvilla auf der Atlantikinsel Martha´s Vineyard, wirkt wie ein moderner Führerbunker mit Meerblick. "Ich fühle mich, als lebte ich mit Napoleon auf Sankt Helena", klagt seine schöne Frau (Olivia Williams). Dem ehemaligen Staatsmann selbst - Robert Harris, der die Romanvorlage schrieb, dachte an Tony Blair - steht sein Waterloo erst unmittelbar bevor: Eine Anklage vor dem Haager Kriegsverbrecher-Tribunal. Auch er ist - in Pierce Brosnans oscarwürdiger Verkörperung - ein Mann ohne Eigenschaften. Außer der einen, einem jüngeren George W. Bush noch etwas ähnlicher zu sehen als der zerbrochenen Gallionsfigur von New Labour.

Polanski hat den Film von wo auch immer mit scharfer Präzision vollendet: Wenn auch kein innovatives Meisterwerk wie "Rosemarys Baby", so ist sein Film als Hitchcockiade zumindest dem Thriller "Frantic" ebenbürtig. Leider folgt er dem zweifelhaften Ehrenkodex seines Antihelden ein kleines Stück zu weit: Der sonst so formbewusste Film ist geradezu überschwemmt von Schleichwerbung. Vielleicht sollte auch die Bundesregierung, die diesen Film aus dem Filmförderfond kräftig unterstützte, darauf bestehen, das ein paar deutsche Fähnchen in den Szenen aufgestellt werden.

Ganz auf ihren Hauptsponsor, Kulturstaatsminister Bernd Neumann, war die Eröffnungs-Show abgestimmt: Mit 6,5 Millionen bezuschusst die Bundesregierung das Festival. Das ist eine schöne Sache, doch Neumanns teuerstes Kind ist das juryfreie Fördersystem, der Filmförderfond, der die Filmbranche in einen Selbstbedienungsladen verwandelt hat. Während die Regierungsparteien in beschämenden Zahlenspielen erklären, warum Hartz-IV-Kinder nicht arm sind, fließen Steuermillionen aus dem Filmförderfond in dilettantischen Trash wie "Bushido - Zeiten ändern dich". Wenn die Bundesregierung reine Kommerzfilme koproduziert, sollte sie sich wenigstens am Gewinn beteiligen lassen.

Zwischen der Eröffnungsgala und dem obligatorischen Buffet deutscher Spitzenköche mochte der bescheidene Eröffnungsfilm aus China beinahe untergehen. "Apart Together" von Wang Quan An war kein ergreifender Liebesfilm: Ein nach Taiwan geflohener Mann besucht nach fünf Jahrzehnten seine frühere Frau in Shanghai und entflammt die alte Leidenschaft aufs neue. Stattdessen wurden auf zurückhaltende Art die sich daraus ergebenden Möglichkeiten debattiert: Die alte Dame ist versucht, ihren zweiten Ehemann, einen liebenswerten Rentner, zu verlassen. Der ist nobel genug, sie freizugeben. Als sie sich bei der Behörde ihre Scheidungspapiere abholen wollen, müssen sie erst einmal formell heiraten. Schon klar, dass aus der inzwischen legalen Republikflucht nichts mehr werden wird. Wüsste man nicht um die Zensurauflagen, denen chinesische Filme unterliegen, man könnte diesen unspektakulären Film auf das Private reduzieren. Hochkarätig besetzt mit Chinas Altstar Lisa Lu und einem bekannten taiwanesischen Show-Star, Ling Feng, wirkt die Harmlosigkeit freilich politisch höchst gewollt.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  12 | 2 | 2010
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