Wer einmal den Haager Gerichtshof für Menschenrechte besucht hat, erlebt den idealen Schauplatz für ein großes amerikanisches Justizdrama: Denn auch wenn die USA die Urteile dort gar nicht anerkennen, füllen sie doch die Flure mit allem akademischen Ehrgeiz: So viel hochbegabten Nachwuchs aus den Ivy-League-Universitäten habe ich jedenfalls selten auf engstem Raum gesehen.
Hans-Christian Schmid mag einen anderen Eindruck gewonnen haben. Sein Gerichtsfilm "Storm", am Samstagabend im Berlinale-Wettbewerb uraufgeführt als erster großer Spielfilm über das in der Rechtsgeschichte einmalige Tribunal, zeigt eine junge Institution, die von gestandenen Juristen und EU-Politikern gelähmt wird - bis seine lähmend langsamen Mühlen nahezu stillstehen. Es ist die quälende Dramaturgie der Verhinderung, die Schmids emotionalem Drama seine Spannung gibt - und beim Berlinale-Publikum wie ein Triumph gefeiert wurde.
Nachdem sich Schmid ein Jahrzehnt lang wie kein anderer deutscher Regisseur dem jugendlichen Aufbruch widmete und dabei Stars wie Franka Potente, August Diehl und Robert Stadelober entdeckte, interessiert ihn diesmal der späte Ehrgeiz. Eine alternde britische Staatsanwältin (Kerry Fox) steht im Zentrum der Geschichte über die Anklageerhebung gegen einen serbischen General im Bosnienkrieg. Nachdem sich die Aussage eines Belastungszeugen als falsch erweist, scheint sie ihre letzte Karte verspielt zu haben. Nicht nur im zähen Prozess gegen den nationalistischen Militär, der aus der Haft bereits seine politische Zukunft vorbereitet, sondern auch in ihrer juristischen Karriere.
Überraschend aber lernt sie nach dem Selbstmord des Zeugen in dessen Schwester die Überlebende eines vom Angeklagten befohlenen Massakers kennen. Verkörpert vom rumänischen Star Anamaria Marinca ("Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage"), ist diese Figur in all ihrer verstümmelten Emotionalität das Gefühlszentrum des Films: Wieder einmal fördert Schmids einfühlsame Personenregie ganz außergewöhnliche Resultate zu Tage. Und schonungsloser noch als in seinem vorausgegangenen Exorzismus-Drama "Requiem" tilgt er jede Illusion darüber, dass sich die Teufel diesmal austreiben ließen.
Die Zeichnung der psychischen Verletzungen ist unaufdringlich aber schonungslos - und das von der Staatsanwaltschaft versprochene Hollywood-Ending wird es auch dann nicht geben, wenn der Schuldige verurteilt würde.
Wenn das filmische Potential dennoch nicht ganz ausgeschöpft ist, liegt das wie leider so oft bei Schmid an einer unschlüssigen Bildsprache. Die nervöse Handkamera schwankt in ersten Szenen, als tagte das Seegericht der königlich-niederländischen Marine. Das pessimistische Bild vom Leben im heutigen Sarajewo, das sein Film zeigt, bedürfte zumindest einer Erklärung. Und dass die Verquickung von Justiz und EU-Politik sich auch noch in einer privaten Beziehungskrise spiegeln muss, ist dann doch ein Quäntchen Human touch zu viel. Dennoch könnte man hier bereits einen veritablen Bären-Gewinner vor sich sehen. Und der einzige Buhrufer im Saal war vermutlich ein Serbe.
Ein Buhkonzert aus vollen Kehlen ist ohnehin - anders als in Cannes - auf der Berlinale eine Seltenheit. Wenn es am Sonntag Nachmittag dennoch zu hören war, dann weil der Schwede Lucas Moodysson ganz einfach den Boden überspannte im Genre der Stunde, dem so genannten Globalisierungsdrama.
Moodyssons Ensemblefilm "Mammoth" erzählt von einer idealen New Yorker Kleinfamilie, die es durch das Talent eines jungen Game-Designers und den beruflichen Erfolg einer Chirurgin zu erstaunlichem Wohlstand gebracht hat. Die enge Bindung der Tochter zur thailändischen Hausangestellten aber zaubert einen Schatten der Eifersucht ins Gesicht der Mutter. Die Kinderfrau indes unterdrückt ihren wahren Schmerz wie ihr großes Vorbild in Douglas Sirks Rassendrama "Imitation of Life". Nur der Zuschauer ist immer ganz genau im Bilde, wenn er mitverfolgen muss, wie ihr unglücklicher Sohn, den sie in der fernen Heimat einer überforderten Oma überließ, unweigerlich in die Hände eines Kinderschänders fällt.
Die zur Milchmädchenrechnung verkürzte Deutung der globalisierten Welt spart nicht mit aufdringlicher Symbolik. Aus dem titelgebenden Mammut und seinem Elfenbein werden, wie man erfährt, heutzutage teure Füller hergestellt. Als der Familienvater, zufällig auf Geschäftsreise im Südpazifik, mit dem nutzlosen 3000-Dollar-Präsent eine liebenswerte Prostituierte belohnt, zahlt ihr der Trödler dafür nur eine Handvoll Klimpergeld.
Das Schlussbild, man darf es ausnahmsweise der Warnung halber schon verraten, gehört folglich ihrem eigenen weit entfernten Kind, das sie mit ihren bescheidenen Einkünften am Leben hält.
Wieder einmal hat man in Berlin einen Film allein wegen seines vermeintlich wichtigen Themas ins Programm gehoben. Dabei ist die platte Kausalität derartiger Filme auch ein Rückschritt gegenüber den Rassendramen des alten Hollywood. Anders als diese stolzen Mammuts des politischen Kinos ist die Sozialschmonzette eine Spezies, die wohl niemals ausstirbt. Den Haags Justitia mag eine Augenbinde tragen. Festivalkuratoren steht sie weniger.