Winzig klein steht der Pinguin vor einer Bergkette, eine Figur wie von Caspar David Friedrich gemalt. Ein Einzelgänger, abgespalten von seiner Gruppe, irgendwo in der Antarktis. Zielstrebig macht er sich auf zu seinem einsamen, langen Marsch ins Gebirge, ins Innere des Kontinents, in den sicheren Tod. Die Kamera folgt ihm noch ein wenig mit dem Zoom. Auf der Tonspur begleitet ihn ein Requiem - in Werner Herzogs 2007 fertiggestelltem Film "Begegnungen am Ende der Welt", 2009 für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert. Der Pinguin ist ein Held nach Herzogs Geschmack. Ein Marathonläufer, eine Figur von unbezwingbarem Eigensinn, eine extreme Erscheinung. Wie Herzog selbst.
Auch der 68-jährige Filmemacher ist kaum beirrbar. "Ich kenne die großen Linien, die mich geleitet haben", sagt er, "ich weiß, wo ich stehe, und in welche Richtung ich mich bewege." Ob er allerdings vorausgesehen hat, dass er einmal Präsident der siebenköpfigen Jury der Berlinale wird? Ab heute muss er sich mehr als zwei Dutzend Filme im Wettbewerb anschauen und am Ende sechs Silberne und einen Goldenen Bären vergeben. Dabei sieht Herzog für gewöhnlich nicht viele Filme, acht oder zehn im Jahr, behauptet er, im letzten sogar nur zwei. Und er hat eine klare Vorstellung vom Autorenfilm. Den konfektionierten Filmbetrieb hasst er. Das wird noch lustig in der Jury.
Es ist wohl diese Außenseiter-Rolle, die Herzog an der Aufgabe besonders gereizt haben mag; Berlinale-Chef Dieter Kosslick hatte den Regisseur dafür lange umworben. Von einer Rückkehr nach Deutschland zu sprechen, ist vielleicht übertrieben. Auf jeden Fall aber ist er in seiner Wahlheimat USA und in Frankreich weit anerkannter als hier. Etliche seiner woanders gefeierten Filme sind in Deutschland nicht ins Kino gekommen. "Grizzly Man", ein 2005 gedrehter Film über den selbst ernannten Bärenschützer Timothy Treadwell, der zum Tier werden wollte und dreizehn Sommer mit Bären in Alaska zusammenlebte, bis er von einem Grizzly aufgefressen wurde, gilt in Amerika als eine der besten Dokus aller Zeiten und lief in vielen Ländern in den Kinos - bei uns nur im Fernsehen.
Was den Deutschen an Werner Herzog nicht behagen will, ist das Deutsche an ihm. Fast alle seine Helden wollen über sich hinaus. "Auch Zwerge haben klein angefangen" heißt ein früher Film von ihm über einen grausamen Aufstand von Liliputanern. Seine Helden wollen Grenzen sprengen, ins Übermenschliche vordringen, sich dem Ausnahmezustand opfern. Das heroisch Absonderliche und das absonderlich Heroische haben wir nach dem Nationalsozialismus gründlich aus dem Kanon deutscher Eigenschaften verbannt. Herzog hat dieser Traditionslinie die Treue gehalten.
Er versuchte, sie dem faschistischen Kontext zu entwinden und sie mit neuer Kraft zu beleben. Sogar den Bergfilm à la Louis Trenker oder Leni Riefenstahl hat er neu definiert: "Schrei aus Stein" von 1990 mit Donald Sutherland zeigt atemberaubende Bilder vom Cerro Torre zwischen Chile und Argentinien: Menschen an senkrechten Eiswänden, auf Gipfeln wie Domspitzen, schon mehr im Himmel angekommen als noch auf der Erde, Wahnsinnige wie jener Pinguin auf seiner Wanderung ans Ende von allem. "Warum macht er das?", fragt sich Werner Herzogs angesichts des Pinguins. Diese Frage stellt sich in seinen Werken eigentlich immer.
Werner Herzog war immer ein echter Bergfex, aufgewachsen als Bub auf dem Einödhof in Bayern. Erst mit 17 hat er zum ersten Mal telefoniert. Er glaubt, bis heute einen bayrischen Blick auf die Dinge zu haben - egal ob er am Amazonas, in Ghana oder in New Orleans dreht. Auch in Los Angeles, wo er lebt, pflegt Herzog sein Bayerntum mit Hingabe, trägt gern Jacken mit Hirschhornknöpfen und bekennt seit Jahrzehnten seine geistige Verwandtschaft mit Ludwig dem Zweiten.
"Bilder unserer inneren Chronik" will Herzog zeigen, mächtige, archaische Visionen, die zum Fundus der Träume gehören und uns - auch wenn sie aus fernsten Regionen stammen - seltsam bekannt vorkommen. Zu diesen gewaltigen Bildern gehört das Schiff, das darauf wartet, über einen Berg gezogen zu werden. Es machte Herzog 1982 berühmt.
Klaus Kinski spielt den Kautschukbaron Fitzcarraldo, einen fanatischen Opernliebhaber, der sich in den Kopf gesetzt hat, am Ursprung des Amazonas ein Opernhaus zu errichten. Zu diesem Zweck muss erst einmal der gewaltige Dampfer mit Hilfe von elfhundert Indios über den Berg gebracht werden, von einem Quellfluss des Amazonas zum anderen. Jeder andere Regisseur hätte die Angelegenheit mittels Tricktechnik einigermaßen problemlos und effizient angegangen. Nicht so Werner Herzog.
Er ließ ein wirkliches Schiff von wirklichen peruanischen Aguaranas über einen wirklichen Berg ziehen - ein Verfahren, bei dem der Spielfilm ins Dokumentarische umschlägt. Der Zuschauer wird Zeuge einer unvorstellbaren Schinderei, angeordnet durch den verrückten Herrenmenschen Fitzcarraldo, der mit aufgerissenen Augen und wirren Haaren herumschreit Die schlimmste Plage ist in der Tat der Hauptdarsteller, von Herzog mal als "Weltwunder", mal als "Gottes größte Pestilenz auf Erden" bezeichnet. Auch mit ihm geht der Regisseur eher dokumentarisch um. Kinski spielt nicht, sondern wird von Herzog kunstvoll in einen Aggregatzustand gebracht, in dem die permanent vorhandene Wut eine für die Spielhandlung günstige Dosierung annimmt.
Aus Kinskis Wüten macht Herzog gleich noch einen Film: "Mein liebster Feind". Er begreift den Schauspieler als kindliches Gemüt und zugleich als Naturereignis, als einen Vulkan, der immer dann explodiert, wenn er nicht im Mittelpunkt steht. Herzog war als Kind selbst nicht frei von großem Jähzorn. Auf seinen geliebten Bruder ging er im Streit mit einem Messer los. Mühsam hat er sich zu beherrschen gelernt. Bei Dreharbeiten brüllt er nie; bei seinen Drehs gehe es zu wie im Operationssaal, sagt er. Umso lieber kehrt er bei den Menschen, die ihm vor die Kamera kommen, das Innere nach außen. Als er mit Reinhold Messner für den Film "Das Leuchten der Berge" an den Nanga Parbat fährt, beginnt der medienerfahrene Bergsteiger "wie ein Fernsehconférencier" über den Tod seines Bruders zu reden. Herzog will das nicht, er will, "dass es den Messner reißt".
Wie er das schaffte, verriet er der Zeitschrift Revolver: "Auf einmal frage ich aber ganz biblisch: Wie war das, als du heimkamst und deiner Mutter vor das Angesicht treten musstest? Eine alttestamentarische Heimsuchung, in der die Berge in Wut und Zorn geraten sind und die Menschen nicht haben wollten und sie einfach weggetötet haben. Und sein jüngerer Bruder bleibt tot am Berg. Auf einmal - dadurch, dass es ganz biblisch war - hat es ihn gerissen. Und ich habe der Kamera nur zugenickt: weiter drehen, weiter drehen, egal was passiert." Messner heult minutenlang.