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Portrait Guido Westerwelle: Die Wendungen des Guido W.

Von der Spaßpartei zum schwarz-gelben Projekt: FDP-Chef Guido Westerwelle setzt alles auf die bürgerliche Karte. Der Lebensweg eines Mannes, der nun Außenminister sein wird. Von Thomas Kröter

Geschafft: Zum letzten Mal Fraktionsvorsitzender.
Geschafft: Zum letzten Mal Fraktionsvorsitzender.
Foto: ddp

War das eine Spiegelung in den entspiegelten Gläsern der randlosen Brille? Oder glänzte in den Augenwinkeln eine Spur salziger Körperflüssigkeit - Tränen genannt? Nichts wäre normaler als Rührung, wenn einer nach einem Jahrzehnt im Jammertal der Opposition endlich im gelobten Land der Regierung ankommt.

Aber der glückliche Kerl da vorn auf der Bühne ist kein hergelaufener Sentimentalo, sondern Mister Kalkulissimo persönlich. Guido Westerwelle, der Kühlste der Kühlen im Berliner Politikgeschäft - und Tränen?

Verhandlungsgruppe

Union und FDP wollen am Montag mit den Verhandlungen über die Bildung einer gemeinsamen Koalition beginnen. Die Runde soll aus mindestens 20 Politikern bestehen. CDU, CSU und FDP sollten gleich stark vertreten sein, hieß es.

Ein Modell mit jeweils sieben Vertretern pro Partei plus Kanzlerin ist im Gespräch. Die endgültige Entscheidung über Größe und Zusammensetzung sei aber noch nicht gefallen. Medienberichte, wonach die drei Parteien entsprechend ihres Wahlergebnisses im Verhältnis: acht CDU- plus vier FDP- plus zwei CSU-Vertreter, verhandeln sollten, entsprächen laut Parteikreisen nicht mehr den Planungen. CSU-Chef Horst Seehofer sagte, seine Partei werde mit derselben Anzahl von Teilnehmern wie die Schwesterpartei beteiligt sein.

Die CDU hat Christian Wulff, Jürgen Rüttgers, Roland Koch und Annette Schavan, Generalsekretär Ronald Pofalla, Fraktionschef Volker Kauder sowie Kanzleramtsminister Thomas de Maiziere nominiert. Bei der CSU werden Parteichef Horst Seehofer, der alte und neue Landesgruppenchef Peter Ramsauer, Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner, Generalsekretär Alexander Dobrindt und Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon genannt.

FDP-Chef Guido Westerwelle wollte sich am Dienstag zur Verhandlungsgruppe nicht äußern. Dies werde am Donnerstag besprochen, sagte er. (ddp/rtr)

Es zählt zu den zentralen Problemen des künftigen Außenministers, dass die Öffentlichkeit, zumal jener Teil, der ihn professionell beobachtet, ihm nicht zutraut, er könne am Wasser gebaut haben. Aber wann, wenn nicht jetzt, wäre für Guido W., 1961 geboren in Eitorf, aufgewachsen zu Bonn am Rhein, der rechte Moment, Gefühle zu zeigen?

Mag dieser Wahlabend den Deutschen ein Ereignis von mittlerer Güte gewesen sein, dem FDP-Vorsitzenden ermöglicht er einen Riesenschritt - aus der schnöden Welt der Politiker ins hehre Reich der Staatsmänner. Er steht jetzt auf der Schwelle. Dahinter thront auf Wolke neun Hans-Dietrich Genscher, dem er vor Jahrzehnten (so alt ist der junge Mann inzwischen) bei Kaffee und Kuchen am Rhein erstmals unter die Augen trat. Jetzt steht der liberale Gottvater neben dem Menschenenkel auf der Wahlparty der FDP 2009 - bewegt wie er.

Jubel bei Schwarz-gelb, Trauer bei der SPD

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"Villa Kunterbunt"

Salzwasser oder Spiegeleffekt, - sei es, wie es sei. Gefühl ist Guido W. weniger fremd, als er glauben machen möchte. Er hängt mit einer Leidenschaft an seiner Partei wie weiland ein sozialdemokratischer Veteran, der die rote Vereinsfahne im Traditionseckchen hegt. Oder wie Helmut Kohl an der CDU. Jenes Augenmaß, das (nach dem berühmten Wort Max Webers) den guten Politiker mindestens so auszeichnet, hat er sich erst im Lauf der Jahre mühsam drauf geschafft.

Westerwelle stammt aus einem bürgerlichen, gleichwohl kaum konventionellen Haus. "Villa Kunterbunt" hat er die Wohngemeinschaft mit seinem Vater, einem pferdenärrischen Rechtsanwalt, und seinen drei Brüdern einmal genannt. Zu Jurastudium und Doktor-Titel kam er über den Umweg der Realschule. Der Aufstieg war mühsam. Dieser Rheinländer ist im Innern ein Preuße.

Bis heute wirkt er selten locker. Kein Wunder, dass ihm die kiffenden 68er ein Gräuel waren. Man braucht nicht neben der Couch seines Therapeuten (so er einen hätte) gestanden zu haben, um zu ermessen, dass eine immer drängendere Erkenntnis sein junges Lebens nicht leichter gemacht hat. Lange hat er die Last für sich behalten. Erst nachdem er einen Lebenspartner gefunden hatte, sollte sich Westerwelle outen - auf dem Geburtstag der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel.

Nicht nur schwul

Der junge Guido W. war nicht nur schwul. Er war auch sonst anders als die Altersgenossen in den 80ern. Er war politisch. Als er Genscher kennen lernte, zählte er zum Gründerkreis der Jungen Liberalen. Als deren Chef und später als Bonner FDP-Vorsitzender fiel er auf, weil er sich an Wahlabenden in der FDP-Zentrale herumdrückte und wichtig(tuerisch)e Sätzen für die zitatehungrigen Journalisten parat hatte.

Aber es steckte mehr in ihm. Die neue liberale Jugendorganisation, Gegengründung zu den linksdriftigen Jungdemokraten, etablierte er erfolgreich. Klaus Kinkel, die Verlegenheitslösung an der Parteispitze nach dem Rückzug Genschers, machte ihn zum Generalsekretär. Der rheinische Preuße tat seine Pflicht, aber der Frust wuchs.

Denn auf der Bonner Politik lag der Mehltau des Kohlozäns. Guido W. ging das erste politische Wagnis ein und veröffentlichte zu politischen Lebzeiten Helmut Kohls sein Buch "Neuland". Allerweltsware in Politsprech. Wäre da nicht das Kapital gewesen, indem er über eine liberale, eine bürgerliche Zukunft jenseits des "ewigen Kanzlers" spekulierte. Der Anwalt der FDP als eigenständige politische Kraft war geboren.

Es folgte eine Phase ohne Augenmaß. Sie führte Westerwelle in die Arme Jürgen Möllemanns, der ihn faszinierte wie Pippi Langstrumpf die braven Kinder Tommy und Annika. Aber Pippi war lustig, Möllemann ein gefährlicher Populist. Sich von ihm zu lösen wurde Westerwelles politische Reifeprüfung. Der Traum von einer liberalen Volkspartei blieb bis heute verkapselt in Westerwelles Satz, die FDP sei eine "Partei für das ganze Volk". Bemerkenswert: Der junge Mann, stets auf der Suche nach Vaterfiguren, versicherte sich für seine Kurswendungen, auch die gefährlichen, stets der Veteranen Genscher und Co.

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Autor:  Thomas Kröter
Datum:  30 | 9 | 2009
Seiten:  1 2
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