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Portrait Sigmar Gabriel: Die Rampensau

Sigmar Gabriel ist in seiner Partei bisher unterschätzt, aber er hat das Zeug zum Vorsitzenden. Und: Er ist die einzige Rampensau, die die Sozialdemokratie nach Gerhard Schröder noch hat. Von Vera Gaserow

Gabriels Ambitionen enden nicht beim Biosphärenreservat . Er will nach oben.
Gabriels Ambitionen enden nicht beim Biosphärenreservat . Er will nach oben.
Foto: Getty

Es war in einem der zahllosen Wahlkämpfe, die sie miteinander bestritten haben. Der Niedersachse Gerhard Schröder stand auf der Bühne und spottete über die Leibesfülle seines schwergewichtigen Genossen. Sigmar Gabriel kann einiges ab. Nur keine Witze über seine Pfunde. Darauf reagiert er wie ein gereizter Dickhäuter. Der keilt zum Angriff aus.

"Lieber dick als doof" blafft Gabriel Schröder an. Der Saal tobt. Gut gebrüllt Löwe! Es war der Beginn einer wunderbaren Feindschaft. Mittlerweile ist das Kriegsbeil begraben, zwischen diesen beiden sozialdemokratischen Alphatieren, die sich im rhetorischen Austeilen nichts nehmen. Nun könnte der Jüngere womöglich den Älteren beerben im Amt des Parteivorsitzenden.

Ein bisschen hat er ja schon im Wahlkampf den Schröder gemacht. Als einer der wenigen Sozialdemokraten hat Sigmar Gabriel Marktplätze und Säle gefüllt. Er hat polarisiert. Er hat attackiert: die Schwarz-Gelben, die Atomlobby, die Klimakiller, die Sozialabbauer - Gabriel, meinten hinterher einige, war überhaupt der einzige SPD-Mann, der gekämpft hat.

Dieses Lob hat er sogar von berufener Warte. Gabriel erzählt nicht ohne Genugtuung von diesem Anruf mitten im Wahlkampf. "Hör ma" röhrte da ein Ex-Kanzler und Ex-SPD-Chef aus Hannover am anderen Ende der Leitung "Du machst das genau richtig!"

Für Gabriel muss Politik "Nordkurventauglich" sein

Er ist die einzige Rampensau, die die Sozialdemokratie nach Gerhard Schröder noch hat. Rampensau - das ist als Kompliment für den Mann gemeint, der so spricht, dass ihn jeder verstehen kann. Wenn er über Klimawandel redet, dann sind das keine CO2-Mengen sondern Millionen Arme in den Entwicklungsländern, die absaufen, weil wir unsere Energie zum Fenster rausheizen. Wenn er über die absaufende Asse redet, dann sind das rostige Fässer mit Atommüll, die die "Union zur Biotonne" umdeklariert.

"Nordkurventauglich" muss Politik sein, nennt Sigmar Gabriel das. Er selbst hat diese Fanblock-Qualität. Das hat ihn in den letzten Wochen zum gefragtesten Politik-Talker gemacht. In seinem Wahlkreis Salzgitter, unweit der Asse, hat er mit 44,9 Prozent das Direktmandat eingefahren.

Da können andere in der SPD nur staunen oder neidisch werden. Sigmar Gabriel, das Schwergewicht, könnte sozialdemokratisches Pfund sein. Aber bisher haben sie ihn verschmäht wie ein aufgedrängtes Tortenstück, dessen Zutaten man misstraut. Sie haben ihn mehrfach krachend durchfallen lassen, wenn es um Parteiämter und -anträge ging. Bei der Listenaufstellung zur Bundestagswahl hatten sie ihn zuletzt sogar in seinem eigenen Landesverband abgestraft. Und egal, wie populär er draußen war, in der immer kleiner werdenden Welt der Sozialdemokratischen wurde er den Ruf als sprunghafter Sigi Dampf in allen Gassen nicht los.

Das änderte sich auch nicht, als die SPD ihn vom Musik-Beauftragten - Spottname Siggi Pop - über Nacht zum Bundesumweltminister machte. Dort machte er auch international eine gute Figur. Engagiert, fachkundig und - bis kurz vor der Wahl - loyaler Weggenosse einer CDU-Klimakanzlerin. Er hat ins Bewusstsein aufgesaugt, welche globale, sicherheits-strategische Herausforderung der Klimawandel bedeutet.

"Links neu denken. Politik für die Mehrheit"

Gabriel hat einen guten Job gemacht als Umweltweltminister. Das Amt sollte auch für seine eigene Partei so etwas wie das persönliche Gesellenstück in Sachen Zuverlässigkeit sein. Denn dass seine politischen Ambitionen beim Schutz des Dreipunktmarienkäfers und dem Erhalt vom Biosphärenreservaten nicht enden, war ein offenes Geheimnis.

Sigmar Gabriel selbst war in letzter Zeit klug genug, es in demonstrativer Bescheidenheit nicht in die Welt zu posaunen. Er hielt die Füße still, ließ andere spekulieren und verhielt sich strikt loyal zum Spitzenkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Doch im kleinen Kreis hat er schon im Sommer gewarnt. Sein Alarmruf ging sinngemäß so.

Die SPD weiß überhaupt nicht mehr, was in der Gesellschaft los ist. Sie droht zum Geronto-Verein von alten, strukturkonservativen Funktionären und einer wegsterbenden Arbeiterklientel zu werden. Sie hat keine Tuchfühlung mehr zur jungen Generation. Ihr fehlt das intellektuelle Fundament und die programmatische Erneuerung, die eine Partei zukunftstauglich macht.

Er hat vorher schon geahnt, was jetzt gekommen ist. Und er hat beizeiten vorgearbeitet für die Stunde, die jetzt kommen könnte: Im Oktober 2008 hat Sigmar Gabriel ein Buch vorgelegt, das jetzt als Blaupause dienen könnte für die strategische Neuorientierung der SPD: "Links neu denken. Politik für die Mehrheit". Man kann das als Bewerbungsschreiben lesen.

Autor:  Vera Gaserow
Datum:  30 | 9 | 2009
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Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

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