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Dossier

11. Februar 2010

Premiere von Metropolis: Zurück in die Zukunft

 Von Daniel Kothenschulte
Blick in die Metropolis-Werkstatt: Expressionistische Großstadt-Architektur als handgefertigte Kulisse.  Foto: Murnau-Stiftung

Der erste Film, der zum Weltkulturerbe wurde: Metropolis, in der rekonstruierten Fassung, feiert auf der Berlinale Premiere - trotz aller Wunden nun fast aus einem Guss. Von Daniel Kothenschulte

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Metropolis

Die 60. Internationalen Filmfestspiele in Berlin bringen "Metropolis", jenen Film von Fritz Lang und der Drehbuchautorin Thea von Harbou, der zum Weltdokumentenerbe gehört und längst seinen prominenten Platz im Kanon bedeutender deutscher Kulturzeugnisse hat, auf die Kinoleinwand zurück, in einer Fassung, die jener, die am 10. Januar vor 83 Jahren für kurze zeit in Berlin zu sehen war, recht nahe kommt. Dazu gehört auch die Begleitung der Filmvorführung durch ein Live-Orchester, wie es heute ab 20 Uhr zeitgleich im Berliner Friedrichstadtpalast mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Frank Strobel und in der Alten Oper Frankfurt mit dem Staatsorchester Braunschweig unter Leitung von Helmut Imig geschehen wird.

Wer keine Karten für den Friedrichstadtpalast mehr bekommen hat, kann sich, wenn er in Berlin lebt, das Ereignis auch am Brandenburger Tor ansehen oder bei angenehmeren Temperaturen die Übertragung bei Arte anschauen. In absehbarer Zeit wird es auch eine DVD-Edition geben.

Metropolis dauert jetzt wieder zwei Stunden und fünfundzwanzig Minuten, und doch zählt jeder Augenblick. Nicht mehr als ein paar Sekunden Leinwandzeit räumte Fritz Lang einem Ausstattungsdetail ein, das er gemeinsam mit seinen wichtigsten Mitarbeitern - unsichtbar für die Kamera - unterschrieben hat - dem Papiergeld der "Bank von Metropolis". Nun, in der neuen Restaurierung von Metropolis, der vierten und wohl auch letzten Großunternehmung dieser Art, sieht man den "Schmalen" wieder mit zwei Packen dieser Scheine hantieren, den von Fritz Rasp gespielten Privatspion des scheinbar allmächtigen Unternehmers Fredersen.

Jede Wette: Wenn die ersten der 2008 im Filmmuseum von Buenos Aires gefundenen Szenen heute in Frankfurts Alter Oper und dem Berliner Friedrichstadtpalast über die Leinwand laufen, wird man sie mit Applaus begrüßen. Gerade weil sie - trotz aller digitalen Retuschen - in so beklagenswertem Zustand sind mit all ihren einkopierten Kratzern. Und doch berührt der Gedanke, dass die letzten davon wohl erst in den 1960er Jahren dazu gekommen sind.

Die Mutter aller modernen Mensch-Maschine-Mischwesen, von Fritz Lang erfunden.
Die Mutter aller modernen Mensch-Maschine-Mischwesen, von Fritz Lang erfunden.
 Foto: Murnau-Stiftung

Als die inzwischen leider vernichtete Original-Kopie durch argentinische Filmclubs zirkulierte - und von der übrigen Welt vergessen ein Publikum erfreuten. Tatsächlich erweitern die wieder gefundenen Szenen weniger die architektonisch-synthetische Ebene der Filmwirkung als die physische Seite dieses Dramas. Sie erzählen in einem auffallend körperbetonten Spiel von der sich schnell entwickelnden Freundschaft zwischen dem Unternehmersohn Freder und dem von seinem Vater brutal entlassenen Angestellten Josaphat.

Sie beleuchten den Rollentausch Freders mit dem Arbeiter Georgy, dem Mann mit den Händen an der ikonischen Schaltuhr der Maschinenhalle. Und sie vertiefen die Darstellung der Eifersucht zwischen den alten autokratischen Visionären von Metropolis - der Patriarch Fredersen und der Frankenstein-Nachfahr Rotwang - um eine verstorbene Frau. Sie verzahnen schließlich die schier endlosen Verfolgungs- und Katastrophenszenen im fast halbstündigen Finale miteinander, verorten sie im Gefüge von Zeit und Filmraum.

Drehpause: Brigitte Helm als trinkender Mensch in geföhnter Rüstung.
Drehpause: Brigitte Helm als trinkender Mensch in geföhnter Rüstung.
 Foto: ddp

Ambivalenz des späteren Blockbusterkinos

Die deutsche Filmkritik konnte 1927 nicht aufhören, finanziellen Aufwand und künstlerische Ernte gegeneinander auszuspielen. Aber es gab auch andere Stimmen. Für Luis Buñuel, damals ein junger Filmkritiker in Madrid, war Geld kein Thema: "Metropolis ist nicht ein Film. Metropolis sind zwei Filme, am Bauch aneinander geklebt, aber mit unterschiedlichen, extrem antagonistischen geistigen Ansprüchen. Wer den Film als diskreten Geschichtenerzähler betrachtet, erlebt bei Metropolis eine herbe Enttäuschung. Aber wenn man sich nicht auf die Anekdote, sondern den plastischen photogenen Hintergrund konzentriert, dann übertrifft Metropolis alle Erwartungen, erstaunt einen wie das wunderbarste Bilderbuch, das je geschaffen wurde."

Der Spanier hatte nicht weniger begriffen als die Ambivalenz des späteren Blockbusterkinos in seiner ersten Keimzelle. Die sich fortpflanzen sollte bis hin zu "Avatar".

Auch die imposante Filmmusik von Gottfried Huppertz - in den zwanziger Jahren, der Zeit der großen Kino-Sinfonie-Orchester, gehobener Standard - klingt vertraut: Denn noch immer arbeiten Hollywoodkomponisten in ähnlicher spätromantischen Klangsprache. Arte überträgt die Berliner Aufführung unter der Leitung von Frank Strobel live.

Das Erstaunliche an Metropolis 2010 ist, wie organisch sich dieses übel zugerichtete Filmmaterial, auf das man durch die digitale Retusche wie durch beschlagene Brillengläser blickt, in das narrative Kontinuum einfügt. Nach dem ersten Schrecken darüber, dass auch die neuesten Bildbearbeitungstechniken keine Wunder bewirken, geschieht mit den Bildern, was man von lädierten Schallplatten kennt, über deren Kratzer man bald hinweghört. Wen wundert´s in den Zeiten von Youtube und Handykino?

Bilder innerer Erregung

Tragisch allerdings wird es bei Sequenzen, die dazu anhalten, das Auge schweifen zu lassen, wie die Autofahrt durch den Vergnügungsdistrikt in den Club Yoshiwara. Sie ist die schönste Entdeckung und auch die größte Enttäuschung im wiedererstandenen Metropolis. Freder, der von Gustav Fröhlich gespielte Unternehmersohn, hat mit Georgy, dem Arbeiter 11011, wie in Mark Twains Geschichte vom Prinzen und Bettler, die Rollen und Kleider getauscht. Während er sich also einen quälenden Zehnstundentag lang an die Zeiger des Schaltpults fesselt, sieht Georgy zum ersten Mal die Stadt. Befördert in einer bequemen Limousine weicht er von seinem Auftrag ab, zu Josaphats Wohnung zu fahren. Und schnappt ein Flugblatt auf, das den Weg zum Nachtclub weist.

Fritz Lang hat diese Szene als rasante Montage von Eindrücken gestaltet. Auf einen Bewohner der finsteren Unterwelt von Metropolis muss der plötzliche Anblick dieser urbanen Verlockungen daher wirken, als würde ein Blinder sehend. Lichtquellen dringen wie Blitzlichter ins Autoinnere. Der Chauffeur löst die Bremse, was bildhaft auch einer sexuellen Befreiung vorgreift, die mit der Initiation in die Konsumwelt von Metropolis verbunden sein wird. Der Arbeiter blicktin einen anderen Wagen, in dem sich ein Partygirl schminkt.

Schon zur Entstehungszeit wurde bemerkt, dass sich weder das Automobildesign noch die Mode wesentlich über die Gegenwart der Entstehungszeit hinauswagten; immerhin scheinen die dargestellten Sitten den argentinischen Zensoren etwas zu weit gegangen zu sein. Jedenfalls fehlen, deutlich erkennbar, mehrere Einstellungen, die die erotische Aufladung dieser Szene erst vervollkommnet haben mögen. Geblieben sind die Bilder seiner inneren Erregung: aufsteigende Luftballons, sich küssende Paare, Musikinstrumente, Roulette.

Zeit des Rekonstruktions-Booms

Unter Archivaren war es nicht unumstritten, ob man die verkratzten Bilder überhaupt wieder einfügen sollte. Würde man nicht den Mythos zerstören, den der Torso Metropolis in Jahrzehnten geschaffen hatte? Nun weiß man: Die Wiesbadener Murnau-Stiftung tat das einzig Richtige, als sie den Film in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinemathek abermals restaurierte. Neben der bloßen Neugier gibt es offenbar ein starkes Bedürfnis danach, das Unrecht, das an einem Kunstwerk verübt wurde, wieder gut zu machen.

Der Wunsch nach einer Wiederbeschaffung von Metropolis scheint auf den ersten Blick in eine Zeit des Rekonstruktions-Booms zu passen. Doch hier geht es nicht um ein Luftschloss als künstliches Stadtschloss, sondern um eine seriöse Rekonstruktion mit Originalteilen unter strenger Beachtung der Gebrauchsanweisung. Nur in einem Punkt wich man bewusst davon ab: 1927 lief der Film zwei Bilder in der Sekunde schneller, ein verfremdender Effekt, der heutige Zuschauer irritiert.

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