kalaydo.de Anzeigen

Pro und contra: Gorleben als Endlager?

Weltweit fehlen schlüssige Konzepte zur endgültigen Einlagerung. Sind Salzstöcke wie Gorleben dafür geeignet? Castor-Transport-Manager Brammer und Umweltgeologe Scheider streiten auf FR-online.de.

Salzbrocken werden mit einem Spezialfahrzeug auf einer 840 Meter tiefen Strecke im Erkundungsbergwerk in Gorleben von der Wand geschlagen. Der Salzstock ist als Entlagerungsort umstritten.
Salzbrocken werden mit einem Spezialfahrzeug auf einer 840 Meter tiefen Strecke im Erkundungsbergwerk in Gorleben von der Wand geschlagen. Der Salzstock ist als Entlagerungsort umstritten.
Foto: dpa

PRO

Von Klaus-Jürgen Brammer

Die Fragen
Die Fragen

(1) Die neue CDU/CSU-FDP-Koalition wird den Salzstock Gorleben voraussichtlich weiter daraufhin erkunden lassen, ob er sich für ein nukleares Endlager eignet. Ist das sinnvoll?

(2) Gorleben gilt offiziell als "eignungshöffig". Das heißt: Es sind bisher keine geologischen Probleme bekannt, die gegen den Endlagerbau sprechen. Zutreffend?

(3) Das Ton-Deckgebirge über dem Salzstock ist nicht dicht, wie es ursprünglich gefordert worden war, sondern zerklüftet. Ist das ein Ausschluss-Kriterium?

(4) Die in den 80er Jahren mit der Gorleben-Untersuchung betrauten Wissenschaftler befürchten, dass Radioaktivität aus dem Salzstock nach außen dringen könnte. Besteht die Gefahr nach heutigem Wissen?

(5) Wäre es besser, eine neue, bundesweit offene Endlagersuche zu starten?

(6) In Gorleben sind schon rund 1,5 Milliarden Euro verbaut worden. Darf das als Argument dafür genommen werden, dass allein dieser Salzstock weiter untersucht werden sollte?

Die Fragen stellte Joachim Wille

(1) Die neue CDU/CSU-FDP-Koalition wird den Salzstock Gorleben voraussichtlich weiter daraufhin erkunden lassen, ob er sich für ein nukleares Endlager eignet. Ist das sinnvoll?

(2) Gorleben gilt offiziell als "eignungshöffig". Das heißt: Es sind bisher keine geologischen Probleme bekannt, die gegen den Endlagerbau sprechen. Zutreffend?

(3) Das Ton-Deckgebirge über dem Salzstock ist nicht dicht, wie es ursprünglich gefordert worden war, sondern zerklüftet. Ist das ein Ausschluss-Kriterium?

(4) Die in den 80er Jahren mit der Gorleben-Untersuchung betrauten Wissenschaftler befürchten, dass Radioaktivität aus dem Salzstock nach außen dringen könnte. Besteht die Gefahr nach heutigem Wissen?

(5) Wäre es besser, eine neue, bundesweit offene Endlagersuche zu starten?

(6) In Gorleben sind schon rund 1,5 Milliarden Euro verbaut worden. Darf das als Argument dafür genommen werden, dass allein dieser Salzstock weiter untersucht werden sollte?

Die Fragen stellte Joachim Wille

Klaus-Jürgen Brammer. Der Geologe arbeitet für die Gesellschaft für
Nuklearservice in Essen.
Klaus-Jürgen Brammer. Der Geologe arbeitet für die Gesellschaft für Nuklearservice in Essen.
Foto: privat

(1) Das ist nicht nur sinnvoll, sondern auch geboten. Sowohl die bereits 1983 abgeschlossenen Erkundungen von über Tage wie auch die nachfolgenden Untersuchungen von unter Tage, haben keine Erkenntnisse erbracht, die gegen eine Eignung sprechen. Eine abschließende Bewertung kann aber erst nach Abschluss der Erkundung durch eine umfassende Langzeitsicherheitsanalyse erfolgen, die alle Erkundungsdaten und das Endlagerkonzept einbezieht.

(2) Bisher spricht nichts gegen Gorleben. Selbst die damalige rot-grüne Bundesregierung hat im Jahr 2000 im Kernenergie-Konsens bestätigt, dass die bisherigen Ergebnisse der Erkundung einer Eignung des Salzstocks Gorleben nicht entgegenstehen. Seither ist die Erkundung unterbrochen. Weitere Erkenntnisse konnten nicht gewonnen werden.

Ulrich Schneider. Der Diplom-Geologe hat eine kritische Studie zu Gorleben
verfasst.
Ulrich Schneider. Der Diplom-Geologe hat eine kritische Studie zu Gorleben verfasst.
Foto: privat

(3) Die geologischen Verhältnisse im Deckgebirge können alleine kein Ausschlusskriterium sein, da dessen Barrierefunktion im Endlagerkonzept keine maßgebliche Rolle spielt. Der Salzstock selbst wurde während der Eiszeiten, die auf das Deckgebirge einwirkten, praktisch nicht beeinträchtigt - ein Indiz für sein gutes Isolationspotential. Ob und ggf. welche Auswirkungen diese eiszeitlichen Einwirkungen auf die Sicherheit eines Endlagers in etwa 900 Metern Tiefe haben, kann nur die Langzeitsicherheitsanalyse zeigen.

(4) Das hohe Isolationspotential von Steinsalz bietet eine hervorragende Grundlage für ein Endlagerkonzept, bei dem Freisetzungen von Schadstoffen sehr unwahrscheinlich sind. Im Rahmen einer Langzeitsicherheitsanalyse muss jedoch auch für den Fall einer Freisetzung gezeigt werden, dass dies nicht zu inakzeptablen Umweltbelastungen führt. Nur wenn dieser Nachweis gelingt, ist das Endlager genehmigungsfähigAufgrundnd der bisherigen Erkundungsergebnisse ist zu erwarten, dass der Standort diesen Anforderungen gerecht wird.

(5) Die abschließende Erkundung des Salzstockes Gorleben wäre in etwa fünf bis sechs Jahren möglich. Weitere Standorte in dem Umfang zu untersuchen wie dies für Gorleben geschehen ist, würde ein Vielfaches dieser Zeit beanspruchen. Die geologischen Verhältnisse an jedem Standort variieren erheblich und sind nicht unmittelbar miteinander vergleichbar. Da für jeden Endlagerstandort grundsätzlich eine Gefährdung von Mensch und Umwelt nach dem Stand von Wissenschaft und Technik ausgeschlossen werden muss, wäre durch eine neue Standortsuche kein Sicherheitsgewinn zu erzielen. Die Durchführung eines neuen Auswahlverfahrens ist daher nicht sinnvoll und die Erkundung in Gorleben sollte zügig wieder aufgenommen werden.

(6) Die Frage stellt sich überhaupt nicht, da weder wissenschaftliche noch technische Gründe einer Wiederaufnahme der Erkundung in Gorleben entgegenstehen. Die Kosten der bisherigen Erkundung werden als notwendiger Aufwand von den Verursachern des Abfalls getragen. Würde Gorleben aus politischen Gründen aufgegeben, hätten diese nach den gesetzlichen Regelungen einen Anspruch auf die Erstattung der Vorausleistungen.

Klaus-Jürgen Brammer ist promovierter Geologe und Endlagerexperte der Gesellschaft für Nuklearservice in Essen, die die Entsorgung von Atomkraftwerken und unter anderem Castor-Transporte durchführt. Er ist auch Mitglied in einem Ausschuss der Entlagerkommission des Bundes. (www.gns.de)

1 von 2
Nächste Seite »
Datum:  20 | 10 | 2009
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Video
Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Frankfurter Rundschau im Abo