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24. März 2010

Prozess vor dem Landgericht Darmstadt: Letzter Akt im Fall Wolski

 Von Pitt von Bebenburg
Der Fall Wolski füllt Aktenordner. Foto: Arnold

Im Steuerhinterziehungs-Prozess gegen den Frankfurter Anwalt Michael Wolski fällt am Freitag das Urteil. Im Laufe von 20 turbulenten Verhandlungstagen wurde zuweilen eine Seifenoper um Millionenbeträge, Liebe und Hass ausgebreitet. Die FR blickt zurück auf die Höhepunkte. Von Pitt von Bebenburg

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Wer ist bloß dieser "Fossie Bär", der interessante Dokumente auf dem Computer des Frankfurter Rechtsanwalts Michael Wolski verfasst hat? Fünf Jahre danach beschäftigt diese Frage im Steuerhinterziehungs-Prozess gegen Wolski das Landgericht Darmstadt.

Ein Dokument wird an die Leinwände im Gerichtssaal projiziert. Es ist ein Vertrag, in dem die Immobilien-Unternehmer Ignaz und Margit C. ihrem Juristen Wolski angeblich vier Millionen Mark als Darlehen gewähren, die er unter bestimmten Voraussetzungen sogar ganz behalten dürfe. Angeblich stammt das Schreiben aus dem Jahr 2001 - so ist es jedenfalls datiert.

Als der Computer-Experte der Steuerfahndung die so genannten "Metadaten" für dieses Dokument vor Gericht darstellt, kommt Heiterkeit auf den Besucherbänken auf. Die Aufstellung gibt nicht nur das tatsächliche Datum der Erstellung an: "17.8.2004". Sie nennt auch den Urheber des Dokuments, das auf Michael Wolskis Büro-Computer gesichert wurde. Die Firma trägt dort den Namen "Muppet Show". Abgespeichert wurden sie von "Fossi Bär". Das ist eine tapsige, gutmütige, aber etwas beschränkte Figur in der Fernsehserie "Muppet Show".

Hat Michael Wolski in den Wochen nach einer polizeilichen Durchsuchung bei ihm im Juli 2004 eine "Muppet Show" inszeniert, um Vorwürfe gegen ihn mit fabrizierten Dokumenten zu entkräften? Staatsanwalt Gerhard Pfeil macht deutlich, dass er diesen Eindruck gewonnen hat. Den Darlehensvertrag hält er kurz und bündig für "fingiert".

Vorher kam bereits das Hessische Finanzgericht zu dem Schluss, das Dokument sei von Wolski als Reaktion auf die polizeilichen Ermittlungen "in die Welt gesetzt" worden. Dann hätten die großzügigen Zuwendungen von Margit C. nämlich einen rechtlichen Grund und wären keine Untreue gegenüber ihrem Mann und ihrem Unternehmen.

Am Freitag fällt voraussichtlich das Urteil im Verfahren gegen Michael Wolski. Es geht um Häuser, Anteile an Gesellschaften, Autos und Geld, das er von Margit C. erhalten haben und nicht versteuert haben soll. Nach Berechnung von Staatsanwalt Gerhard Pfeil hat Wolski mehr als 1,6 Millionen Euro an Schenkungs-, Umsatz- und Einkommensteuer hinterzogen. Der Ankläger fordert drei Jahre und neun Monate Haft. Wolski hat Fehler eingeräumt. Seine Verteidigung bittet um eine "milde Strafe".

Wenn der Vorsitzende Richter Rainer Buss sein Urteil spricht, werden die Zuhörer aber auch darauf hören, welche Rolle er Wolskis Ehefrau zuschreibt. Karin Wolski, die Richterin am hessischen Staatsgerichtshof ist, hat offenbar von den nicht korrekt versteuerten Zuwendungen der Immobilien-Unternehmerin Margit C. profitiert, soll jahrelang keine Steuererklärung abgegeben und falsche Angaben gegenüber den Steuerbehörden gemacht haben. Gegen sie wird nicht ermittelt.

Michael Wolski wirkt wie ein gebrochener, aber uneinsichtiger Mann. Als Prozessbeobachter kann man sich vorstellen, wie er mit seinem breiten Schwimmerkreuz einst im edlen Anzug seriös aufgetreten ist und als Verhandlungspartner Millionen bewegt hat.

Doch der Mann wirkt angeschlagen, bewegt sich langsam, antwortet verzögert - und hat jüngst sein Vorsitzenden-Amt im Schwimm-Club abgegeben.

An einem der ersten Prozesstage im November nimmt das Verfahren eine dramatische Wendung. Wolski erscheint nicht. Der Angeklagte hat sich in dieser Nacht im Gäste-WC seines Hauses die Pulsadern aufgeschnitten. Die Psychiater, die das Gericht heranzieht, äußern sich gegensätzlich. Einer kommt zu dem Schluss, es handele sich um eine "rationale" Tat, von der sich Wolski Vorteile versprochen habe - sprich: eine Diagnose, die ihn vor Strafe verschont.

Wolskis Haus-Psychiater widerspricht vehement und greift seinerseits den Gutachter an. Ein vom Gericht eingesetzter dritter Fachmann urteilt schließlich, Wolskis Suizidversuch sei "absolut ernst zu nehmen". Er sieht allerdings weder die Schuld- noch die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten eingeschränkt.

Als diese Diagnose gestellt wird, nimmt Wolski längst wieder an der Verhandlung teil. Immer häufiger fängt er an, Zeugen selbst ins Gebet zu nehmen. Oft äußert er dabei Vorwürfe statt Fragen. Als es einmal zu heftig wird, rät Richter Buss dem Angeklagten, sich seines Verteidigers zu bedienen, "der das Sinnvolle vom weniger Sinnvollen trennt". Patzig antwortet Wolski: "Nein". Stattdessen klagt er: "Die anderen dürfen immer Subventionsbetrug und so was machen. Nur bei mir fragt man immer nach." Er sei nicht der "Schwerverbrecher", als der er hingestellt werde.

Der Angeklagte beharrt auch darauf, dass der auf 2001 datierte Darlehensvertrag zu diesem Zeitpunkt entstanden sei. Bei der Durchsuchung 2004 war er jedoch weder in den Privat- noch in den Büroräumen von Wolski oder der C.-Gruppe gefunden worden. Bei seiner Selbstauskunft für eine Bank 2003 hatte Wolski angegeben, dass er durch kein Darlehen belastet sei. Wolski reagiert zunehmend unwirsch, wenn das Gericht auf solche Widersprüche hinweist.

Kurz vor Ende des Verfahrens will Richter Rainer Buss noch wissen, wer eigentlich dieser "Fossi Bär" sei. Wolski will auch damit nichts zu tun haben. "Ich weiß es nicht", antwortet er. "Das kann alles nur Frau T. sei." Frau T. ist Wolskis langjährige Sekretärin.

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