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Räumung in Kelsterbach: Die letzte Bastion ist gefallen

Fraport lässt das Lager der Ausbaugegner im Kelsterbacher Wald räumen. Die Polizei holt festgekettete Protestierer mit Teleskop-Ladern aus den Bäumen. Von Meike Kolodziejczyk

Eine Aktivistin von Robin Wood verlässt das Camp.
Eine Aktivistin von Robin Wood verlässt das Camp.
Foto: Arnold

Schlafsäcke über den Schultern, Stoffbeutel unter den Armen, je zwei Polizisten zur Seite - drei Aktivisten werden aus dem Camp geführt, Sicherheitsmänner in neon-gelben Westen schieben das Sperrgatter auf. Das Wohnen im Wald ist zu Ende, das im Mai 2008 zum Protest gegen die Nordwestlandebahn errichtete Hüttendorf wird geräumt.

"Ich muss erst mal richtig realisieren, was da gerade passiert ist. Das ging alles so furchtbar schnell", sagt Besetzerin Sonja und holt tief Luft. "Aber ich bin unglaublich wütend." Aus dem Schlaf seien sie gerissen worden, früh an diesem klirrend kalten Morgen, als die Polizei mit der Räumung begann. Für viele völlig überraschend, auch wenn die Flughafenausbaugegner eigentlich jederzeit darauf gefasst waren.

Nachdem aber die vorangegangenen Tage ohne weitere Vorkommnisse verliefen, hatten die Waldbesetzer schon gehofft, "doch noch den Sommer hier verbringen können", wie Sascha Friebe von der Interessengemeinschaft Ökoflughafen sagt. Aber es war nur die Ruhe vor dem Sturm. Peter Illert, den die Polizei mit vollbepacktem Fahrrad aus dem Camp eskortiert, kam die Stille schon verdächtig und "gespenstisch" vor. Außerdem: "Hätten sie heute nicht geräumt, wäre es wohl tatsächlich nicht mehr passiert."

Am Dienstag erging auf Betreiben von Fraport der Räumungsbeschluss vom Landgericht Darmstadt. Die Umsetzung ließ nicht lange auf sich warten, Gerichtsvollzieher und Polizei polterten gegen acht Uhr am Mittwoch ins Camp. Einige der 35 Bewohner gingen ohne Widerstand, andere ließen sich heraustragen. Wieder andere schafften es, auf Bäume zu klettern und sich dort zu verschanzen.

Ende des Kelsterbacher Camps (Februar 2009)

Bildergalerie ( 27 Bilder )

Gut vier Stunden braucht das SEK, um die Aktivisten aus dem Robin-Wood-Häuschen zu holen, das inmitten des etwa 8000 Quadratmeter großen, seit Mitte Januar umzäunten Camps an eine Kiefer gezimmert ist. Das sei keine "Fünf-Minuten-Aktion", sagt Polizeisprecher André Sturmeit. "Schließlich läuft sie in schwindelnder Höhe ab." In zwei Teleskopladern mit Hebebühne rückt das Sondereinsatzkommando den Robin-Wood-Demonstranten zu Leibe. Fünf harren in der Hütte aus, vier davon mit Handschellen angekettet. Eine Säge kreischt, bald darauf ein Aufschrei. Um kurz vor eins befördert das SEK die Umweltschützer nach unten. Gegen 16.30 Uhr sind die zwei letzten Besetzer,die sich auf einer anderen Baumhütte festgebunden hatten, am Boden. Alles verläuft friedlich, auch wenn die Polizei nicht immer zimperlich mit den Besetzern umspringt, wie diese beklagen.

Vor dem Camp an der Gelbegrund-Schneise sammeln sich derweil die bereits verwiesenen Ex-Bewohner. Ein paar haben Gitarren und Trommeln ausgepackt und singen selbst getextete Protestsongs, teils sogar mehrstimmig. "O Tannenbaum, wie zittern deine Blätter." Oder: "Das war die Monsterräumung." Es sind etliche Mitglieder der Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau da, die die Besetzer in den vergangenen zehn Monaten mit Lebensmitteln unterstützten, ebenso Vertreter der Linken. Menschen schleppen Körbe mit Brot an, verteilen heißen Tee und Schokolade.

"Fraport spielt sich hier auf, als gehöre der Wald schon ihr", ruft Roger Treuting von der BI Rüsselsheim ins Megaphon. Dabei sei immer noch die Stadt Kelsterbach Eigentümerin der ingesamt etwa 250 Hektar umfassendem Grundstücke. Und die sind mittlerweile fast komplett abgeholzt - bis auf das Campgelände und den umliegenden Streifen. Bis zum 28. Februar, wenn aus naturschutzrechtlichen Gründen keine Bäume mehr gefällt werden dürfen, wird Fraport die Fläche nicht mehr roden. "Wir schlagen lediglich eine Schneise durch, die als Baustraße dienen soll", sagt Horst Amann, Fraport-Projektleiter für den Flughafenausbau. Außerdem müsse die Kampfmittelsondierung den Wald durchkämmen und "ökologisch vorlaufende Maßnahmen" abgehakt werden, "auch wenn es hier praktisch keine Ökologie mehr gibt", wie Amann bemerkt.

Den Kampf wollen die Ausbaugegner trotzdem nicht aufgeben. "Wir begleiten den Bau der Landebahn weiter mit Protest", sagt Sascha Friebe. Die BI-Hütte im Camp sollte "als Mahnmal des bürgerlichen Widerstandes" eigentlich an Ort und Stelle bleiben, wie Ingrid Kopp vom BI-Bündnis mit Polizei und Fraport besprochen hatte. Doch noch am Abend wurde sie wie die übrigen Gebäude zerstört. Für Samstag, 21. Februar, rufen die Ausbaugegner zur Demonstration auf. Treffpunkt: 14 Uhr, Parkplatz Okrifteler Straße.

Autor:  MEIKE KOLODZIEJCZYK
Datum:  18 | 2 | 2009
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