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RAF: Der Herbst des Aufpassers

Wie der Vollzugsbeamte Horst Bubeck die RAF-Gefangenen erlebte und was er zur Todesnacht im Stammheimer Gefängnis sagt.

Was hinter den Zellentüren geschah? Bubeck weiß es, er war dabei - damals.
Was hinter den Zellentüren geschah? Bubeck weiß es, er war dabei - damals.
Foto: ddp

Am 8. Mai 1991, gegen fünf Uhr nachmittags, erhob sich der Vollzugsdienstleiter Horst Bubeck von seinem Stuhl, brachte die Uniformen, die ihm noch tragbar schienen, in die Kleiderkammer, gab seine Schlüssel an der Pforte ab und verließ nach 19 Jahren die Justizvollzugsanstalt. Er kehrte nie wieder zurück. Er hatte mit Stammheim abgeschlossen. Aber Stammheim noch nicht mit ihm.

Horst Bubeck ist heute ein weißhaariger Mann von 74 Jahren, der über einem hellgrünen Shirt eine jagdgrüne Weste trägt, was noch immer vage an eine Uniform erinnert. Er hat nach einer merkwürdigen Krankheit im vergangenen Jahr erst langsam wieder sprechen gelernt, aber er gibt sich Mühe, er antwortet freundlich und ohne Zögern, er betont, er habe "keine Geheimnisse". Er wohnt heute im siebten Stock eines Hochhauses im Stuttgarter Norden und sagt gleich nach dem Eintreten: "Schießen Sie los."

Kein Wissen über Suizid-Pläne

Bubeck ist in diesen Tagen ein gefragter Mann. Er war dabei, vor 30 Jahren, als Deutschlands berüchtigtste Terroristen in Stammheimer Gefängnis ihre letzten Tage erlebten. Er kennt wie kein Zweiter den siebten Stock, wo Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe am 18. Oktober 1977 Selbstmord begingen. Er müsste vermutlich wissen, wenn an der offiziellen Version über die Todesnacht Entscheidendes nicht stimmt. Wenn zutrifft, was der Spiegel gerade erst berichtet hat: dass der Staat wahrscheinlich von den Suizid-Plänen der RAF-Köpfe wusste und nicht eingriff. Warum auch immer.

Horst Bubeck aber sagt: "Was für ein Unsinn." Er sagt es viermal in den ersten Minuten. "Völlig unmöglich", "völlig absurd". Er schüttelt den Kopf. Er hat das auch den Spiegel-Leuten gesagt. Aber in deren Dokumentation kommt er nicht vor. Bubeck ist auch heute, 30 Jahre danach, "fest davon überzeugt", dass man versucht hätte, die Selbstmorde zu verhindern. Hätte man davon gewusst. Er hat seinen persönlichen Deutschen Herbst als geschlossene Geschichte im Kopf. Er erlaubt keinen Zweifel daran.

Die Geschichte von Horst Bubeck und der RAF begann im Frühjahr 1974. Damals wurden Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin nach Stammheim verlegt. Ein halbes Jahr später folgten Baader und Raspe. Die vier sollten die Gelegenheit erhalten, sich gemeinsam auf ihren Prozess vorzubereiten, der am 21. Mai 1975 gleich nebenan, im eigens errichteten "Mehrzweckgebäude", beginnen sollte. Und sie nutzten diese Gelegenheit weidlich.

Bubeck, damals stellvertretender Vollzugsdienstleiter, hat oft darüber berichtet, wie es aussah, oben, im siebten Stock. Hat erzählt, dass die vier "unglaubliche Privilegien" genossen, über eine Privat-Bibliothek, eigenen Fernseher, mehrere Zellen gleichzeitig verfügten. Dass sie acht Stunden täglich zusammen sein durften, mehr Besuch empfingen als jeder andere. Dass er und seine 15 Kollegen eine Terrorgemeinschaft bewachten, der fast jeder Wunsch gewährt wurde. In der Tat ist es heute weitgehend unstrittig, dass die Berichte über Isolationshaft und staatliche Folter, wie so vieles, maßlos übertrieben waren. Damals jedoch hätten die wenigsten den Wärtern geglaubt. "Das", sagt Bubeck, "geht mir bis heute nach."

Der sanfte "Raschpe"

Er weiß noch, wie er einmal abends nach Hause kam, den Fernseher anschaltete und ihn der Mann anblickte, den er mittags leibhaftig in Stammheim begrüßt hatte. Jean-Paul Sartre war das, und als Bubeck hörte, wie dieser von kahlen Wänden, ewigem Licht und Schalldämmung in Baaders Zelle fabulierte, "da dachte ich, jetzt muss die Welt einfallen". Aber niemand widersprach. Nicht die Anstaltsleitung. Nicht die RAF-Anwälte. Nicht die Bundesregierung, die wohl froh war, dass sie gegenüber dem Terror als hartleibig galt. "Da war mir klar, dass wir da oben auf verlorenem Posten stehen", sagt Bubeck.

Vier-, fünfmal täglich ging er in diesen dreieinhalb Jahren hoch in den siebten Stock. Und dort war er vor allem Bubeck, das Arschloch, Bubeck, das Schwein. "Herr Bubeck" nur, wenn die Gefangenen etwas wollten. Und das wollten sie oft. Er sieht sie alle noch vor sich: "die Frau Meinhof", die so oft von Baader erniedrigt wurde, die immer häufiger Silben verschluckte, bis man sie irgendwann gar nicht mehr verstand und deren Freitod im Mai 76 er als "Akt der Verzweiflung" sah. Gudrun Ensslin, die zwar stets "hasserfüllt" wirkte, aber mit der man "noch am ehesten sprechen konnte". Raspe - Bubeck nennt ihn sanft schwäbelnd "Raschpe" -, mit dem er vielleicht sogar in der Eckkneipe ein Bier getrunken hätte, wenn er ihn denn unter anderen Umständen kennengelernt hätte. Raspe, von dem er überzeugt ist, dass ihm die rohe Art der anderen "gegen die Natur ging", er aber "kein Rückgrat mehr hatte". So sei das eben mit der Revolution, sagt Bubeck: "Einer hat das Sagen - und alle anderen gehorchen bedingungslos."

Und wer das Sagen hatte, in Stammheim, und auch außerhalb, das war ja keine Frage. Baader, das war der Einzige, bei dem Bubeck ein mulmiges Gefühl hatte, weil er nicht nur laut fluchend Drohungen ausstieß, sondern auch verblüffend viele Details über jeden Wärter wusste. Reden sei mit ihm nicht möglich gewesen. Einmal, ein einziges Mal nur, habe Baader so schnell keine Antwort gewusst. Das war, als ihm Bubeck zurief, er müsste nur mal an der Werkbank von Bosch oder Daimler Mäuschen spielen - dann werde er schon sehen, was der einfache Arbeiter von der RAF-Revolution halte. Da sei der Terrorist still gegangen. Diesem Baader, sagt sein Bewacher, hätte er Selbstmord niemals zugetraut. "Und zwar aus einem einfachen Grund: Baader war ein Feigling - und zu Selbstmord gehört eine gehörige Portion Mut."

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Autor:  JÖRG SCHINDLER
Datum:  14 | 9 | 2007
Seiten:  1 2
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