Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Dossier
Hintergründe zu aktuellen und historischen Politik-Themen

31. Oktober 2008

Reamonn und Obama: "Sehr easy"

Er gehört dazu: Reamonn-Sänger Rea Garvey (rechts neben Obama) übergibt seinen Bandring an Barack Obama.  Foto: B612

Wie Barack Obama zum Bandmitglied von Reamonn wurde und einen neues Schmuckstück erwarb.

Drucken per Mail

Mr. Garvey, im Sommer trat Barack Obama in Berlin vor der Siegessäule auf. Wie kam es dazu, dass Sie die Vorgruppe bei einem seiner Auftritte wurden?

Jemand in Amerika ist wohl darauf aufmerksam geworden, dass wir eine deutsche Band sind, die weltweit Erfolg hat. Die Obama-Kampagne ist ja wie eine riesige Maschine. "Obama" ist kein Mensch mehr, sondern wie ein Konzern, und der wollte dem Publikum ein gewisses Entertainment bieten. Auch wenn damals noch keiner ahnte, dass 200.000 Zuschauer kommen würden. Das Obama-Büro hat über unsere Plattenfirma gefragt, ob wir vor Obama spielen würden. Wir haben uns vorher nie neben einen Politiker gestellt, aber wir fanden, man kann sich heute den Luxus nicht mehr gönnen, dass einem alles egal ist. Und wenn man jemandem helfen kann, der der US-Politik eine neue Richtung geben will, muss man darüber nachdenken. Also haben wir zugesagt - unter der Bedingung, ihn kurz persönlich treffen zu dürfen. Als es soweit war, war das ein großer Moment für uns: Von den 200.000 Leuten, die da waren, haben ihn nur sechs getroffen - und das waren wir.

Welchen Eindruck hat Obama auf Sie gemacht, als er sich mit Ihnen unterhalten hat?

Er wirkt sehr offen, sehr easy. Gar nicht angestrengt. Er hat den Eindruck vermittelt, sich wirklich für uns zu interessieren. Nicht nur Händeschütteln und weiter. Natürlich kann man die politische Welt und die musikalische Welt nicht vergleichen - aber er hat uns Respekt entgegengebracht. Ich glaube, er ist der Typ, der sich deinen Namen merken würde. Als John McCain in der dritten TV-Debatte immer wieder auf Joe, den Klempner zu sprechen kam, hat man ihm doch kaum abgenommen, dass er sich für die kleinen Leute interessiert. Obama würde sich vermutlich wirklich an einen Klempner erinnern, den er bei einer Wahlkampfveranstaltung trifft.

Hat Obama etwas zu Ihrer Musik gesagt?

Sein Büro in Chicago hatte sich vorher ja schon CDs schicken lassen und sie gemocht. Sie haben gleich zurückgerufen und zugesagt, dass wir ihn treffen können. In Berlin hat Obama uns dann gesagt, dass er in die Live-Übertragung reingesehen hat und uns echt super fand. Er hat auch unsere neue Platte mitgenommen. Vom Musikgeschmack könnte es ihm tatsächlich gefallen, er ist ja zum Beispiel ein Fan von Bruce Springsteen - den finden wir auch genial.

Sie sollen Obama gleich zum Ehrenmitglied von Reamonn gemacht haben.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Ja. Jeder bei Reamonn hat einen Ring, auf dem der Bandname steht. Ich habe ihm meinen Ring angeboten, den hat er sich gleich aufgesetzt. "Gern, dann bin ich jetzt wohl ein Mitglied eurer Band", hat er gesagt. Er hat die Geste richtig verstanden: Der Ring sollte unsere Verbundenheit symbolisieren. Wenn er nun hoffentlich die Wahl gewinnt, besuchen wir ihn noch mal. Dann im Weißen Haus.

Sie haben es aus nächster Nähe gesehen: Was macht Obamas Magie aus, mit der er die Massen verzaubert?

Er strahlt eine Hoffnung aus, an die man gern glaubt. Jeder braucht etwas, an das er glauben kann und er will bei einem politischen Führer diese Hoffnung auch überzeugend spüren. Obama wirkt wie jemand, der an sich selbst glaubt und an das, was er sagt. Wenn man jemanden von Lügen überzeugen will, merkt man ihm das meist schnell an. Aber als wir zum Beispiel auf die Bühne gegangen sind, haben uns die 200000 Leute auch nicht eingeschüchtert, weil wir von unserer Musik überzeugt sind und wissen, sie wird anderen gefallen. So tritt auch Obama auf.

Sie finden also auch, Obamas Auftritte haben etwas von einem Rockstar im Stadion. Kann man ihn da noch ernst nehmen?

Ich glaube nicht, dass er bei Bono oder Mick Jagger gelernt hat - auch wenn er gern U2 und Rolling Stones hört. Er hat mehr von seinen politischen Vorbildern gelernt: von John F. Kennedy oder Martin Luther King. Fakt ist: Jeder Politiker hat irgendwann mal mit dem Gedanken angefangen, etwas Wichtiges machen zu wollen. Und das ist der Unterschied zwischen Musikern und Politikern, den man einfach nicht vergessen darf: Wir Musiker können es uns sehr leicht machen: Wir müssen ja die Verantwortung nicht übernehmen, wenn wir etwas gesagt oder gefordert haben.

Mr. Garvey, Sie haben bereits vor drei Jahren ein Album in den USA aufgenommen, als das Verhältnis zwischen einigen europäischen Staaten und Amerika auf dem Tiefpunkt war. Wie war die Stimmung diesmal?

Wir sind meist an der Ostküste in New York und an der Westküste in L.A., da ist die europäische Mentalität weit verbreitet. Die Leute, die sich in Europa oder gegenüber Europäern unwohl fühlen, sind ja eher die, die sich nicht für die Welt interessieren. Solche Menschen gibt es in Europa auch. Die Amerikaner, mit denen wir zu tun hatten, waren schon immer regierungskritisch und haben sich schon immer dafür interessiert, wie wir die USA sehen. Neu war, dass sich inzwischen viel mehr Leute für Politik und den Rest der Welt interessieren. Alle waren begeistert, dass wir Barack Obama getroffen haben und wollten von uns alles darüber wissen.

Sie haben zwei Jahre lang am neuen Album gearbeitet - wie groß war Ihre Angst, dass Sie gar keiner mehr hören will?

Oh, wir waren total nervös. Es gibt keine Garantie für den Erfolg, man kann sich nie zurücklehnen, nur weil man Top-10-Alben hatte. Jede Platte ist eine neue Bewährungsprobe. Selbst wenn Supergroups wie U2 oder Coldplay eine schlechte Platte liefern, kaufen die Leute sie nicht. Zu Recht.

Interview: Steven Geyer

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Videonachrichten Politik