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Regisseur Rafi Pitts im Interview: "Im Iran habe ich die größeren Freiheiten"

Der Iraner Rafi Pitts, Regisseur des Berlinale-Films "The Hunter", spricht darüber, warum er trotz Zensur immer wieder in seiner Heimat dreht - und welchen er Schwierigkeiten er dabei ausgesetzt ist.

Rafi Pitts, 1967 im Iran geboren, lebt in Paris und Teheran; seit 1991 arbeitet er als Regisseur.
Rafi Pitts, 1967 im Iran geboren, lebt in Paris und Teheran; seit 1991 arbeitet er als Regisseur.
Foto: Berlinale

Mr. Pitts, Ihr Film "The Hunter" handelt von einem Iraner, dessen Frau und Tochter bei Demonstrationen gegen das Regime erschossen werden. Sie haben Ihren Film vor den iranischen Wahlen und den folgenden Unruhen gedreht. Verfügen Sie über seherische Fähigkeiten?

Ich glaube nicht. Es hat mich auch sehr überrascht, als die Demonstrationen im Iran begannen. Andererseits war mir immer schon klar, dass irgendwann etwas passieren würde. Ich wusste nur nicht, wie schnell. Es ist schon seltsam, wenn man plötzlich realisiert, dass man mit einem Film zu einem Teil des Ganzen wird.

Zur Person

Rafi Pitts, 1967 im Iran geboren, lebt in Paris und Teheran; seit 1991 arbeitet er als Regisseur.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Würde ich nicht sagen. Ich glaube an Menschlichkeit, wenn das politisch ist - gut, dann bin ich ein politischer Mensch. Aber an politische Parteien glaube ich nicht. Ich denke auch nicht, dass ich in erster Linie einen politischen Film gemacht habe.

Mir scheint "The Hunter", Ihr Beitrag zum Berlinale-Wettbewerb, sehr politisch.

Natürlich wollte ich einen Film darüber drehen, wie leicht Dinge aus den Fugen geraten können, wenn Menschen unterdrückt werden und nicht atmen können.

Ihr Filmheld Ali fährt ein grünes Auto und lebt in einem grün gestrichenen Apartment. Es ist dasselbe Grün, das Irans Oppositionsbewegung seit Monaten durch die Straßen trägt. Zufall?

Ja.

Das glaube ich Ihnen nicht.

Doch, wirklich. Ich habe dieses Grün zwar absichtlich gewählt. Mein Film spielt ja zu einem großen Teil im Wald, aber dort gibt es keine grünen Blätter, weil Winter ist. Deswegen habe ich Ali mit Grün umgeben. Ich wollte zeigen, dass er am Leben, aber die Landschaft um ihn herum tot ist. Dass dieses Grün dann genau dem Grün von Mussawis Bewegung entsprechen würde - ich weiß nicht, vielleicht hatte ich irgendeine unbewusste Vorahnung.

Hatten Sie keine Probleme mit der Zensurbehörde im Iran?

Nun, ich musste ihnen vorher natürlich das Drehbuch zeigen.

Inklusive der Passage über die korrupte Polizei?

Ah, der korrupte Polizist. Ja, der war da auch schon drin. Sie müssen wissen, der ganze Film ist inspiriert durch eine Kurzgeschichte, die der großartige Schriftsteller Bozorg Alavi 1952 schrieb. Sie heißt "Der Mann von Gilan". Er hat damals schon über Zustände im Iran geschrieben.

Wie haben die Zensoren reagiert, als sie Ihr Script sahen?

Sie hatten einige Schwierigkeiten damit.

Was keine Überraschung ist.

Es hat mich mehrere Monate gekostet, sie zu überzeugen. Ehrlich gesagt, finde ich es heute immer noch unglaublich, dass wir tatsächlich eine Drehgenehmigung bekommen haben. So weit ich weiß, arbeiten die Leute, die mir die Genehmigung erteilt haben, heute nicht mehr in der Zensurbehörde.

Wegen Ihres Films?

Nein, ich glaube nicht. Aber sie sind nicht mehr da. Man sieht daran, dass es selbst in diesem System Leute gibt, die wollen, dass solche Filme gemacht werden.

Mussten Sie auch den fertigen Film vor Prüfern vorführen?

Normalerweise muss man das. Aber "The Hunter" haben sie bis heute nicht gesehen.

Wie das? Haben Sie den Film außer Landes geschmuggelt?

Schmuggeln ist ein großes Wort. Sagen wir so: Vielleicht ist der Film einfach aufgrund des allgemeinen Chaos´ nach der Wahl übersehen worden.

Gab es irgendeine Reaktion der iranischen Autoritäten?

Bisher nicht. Warten wir ab, was passiert, wenn der Film auf der Berlinale gezeigt worden ist.

Mr. Pitts, wie betrachten Sie die aktuelle Situation in Iran?

Sie macht mich traurig. Iran ist ja ein sehr junges Land. 70 Prozent aller Iraner sind jünger als 30 Jahre. Und junge Leute sehnen sich nach Wandel, das ist eine Tatsache, und zwar unabhängig von ihrer politischen Einstellung. Junge Leute wollen leben, sie wollen Redefreiheit, sie wollen sagen, was sie zu sagen haben. Niemand kann sie stoppen. Zu den anderen 30 Prozent gehören die herrschenden Kräfte im Iran.

In "The Hunter" ist öfter von Wandel die Rede. Glauben Sie an eine Art Wandel, wie er auch von Obama versprochen wurde?

Ich denke, Wandel ist etwas Großartiges. Und er liegt ja in der Luft. Das ist weniger eine Frage der Politik - es ist der natürliche Gang der Dinge. Es wäre ein gewaltiger Fehler, den aufhalten zu wollen. Das wäre, wie einen Holzwall zu zimmern, wenn eine riesige Flut anrollt. Aber die einzige Art, wie dieser Wandel vonstatten gehen kann, ist durch einen Austausch, durch Gespräche zwischen den Generationen. Dass die Situation im Iran immer gewalttätiger wird, halte ich für fatal.

Warum drehen Sie Ihre Filme im Iran, trotz der Gefahren, trotz der Zensur, trotz des Ärgers?

Ich bin in der iranischen Filmindustrie aufgewachsen. Sie gehört gewissermaßen zu meiner Familie. Und, wissen Sie, im Iran habe ich zwar ideologische Zensur, dafür erlebe ich im Westen oft finanzielle Zensur. Wenn man hier einen Film nicht machen will, weil er möglicherweise zu einem kommerziellen Flop werden könnte, bezahlt man ihn einfach nicht. Im Iran, so merkwürdig es vielleicht klingt, habe ich größere künstlerische Freiheiten.

In Ihrem Film nimmt Ali sein Schicksal in die eigenen Hände und erschießt Polizisten. Ist Selbstjustiz ein Ausweg?

Was heißt Ausweg? Es ist eine Reaktion. Aber wirklich verändern können wir die Dinge nur, wenn wir reden und andere Meinungen akzeptieren. Selbst wenn das derzeitige iranische Regime davon überzeugt ist, dass es die Wahlen gewonnen hat - da draußen sind nun mal Millionen Leute anderer Ansicht. Ich finde, sie sollten das Recht haben, das zu sagen, ohne dafür umgebracht zu werden.

Interview: Jörg Schindler

Datum:  16 | 2 | 2010
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