kalaydo.de Anzeigen

Reis' Parteitag im April: April, April

Thomas Reis nimmt den April samt Aprilscherz beim Londoner Gipfel und seinem "historischen Kompromiss" zur Abschaffung der Krise unter die Lupe.

Der April begann, wie es sich gehört, mit einem Aprilscherz, dem Londoner Gipfel und seinem "historischen Kompromiss" zur Abschaffung der Krise. Das war schon sehr lustig und ging dann noch lustiger weiter.

Baden-Baden badete sich in Obama, die Nato feierte Geburtstag und Jesu' Auferstehung, weshalb der Osterhase unsere Fauna bereicherte und die Flora verunreinigte. Warum aber soll ein hoch entwickeltes Säugetier anlässlich eines christlichen Feiertages Vogeleier legen, anmalen und dann noch verstecken? Aus Dankbarkeit?

Thomas Reis
Monatsrückblick

Nächste Auftritte: 30.4., 15.5., 23.5. Frankfurt, Käs; 8.-10.5. Köln, Senftöpfchen; 14.5. Bonn, Springmaus; 16.5. Wuppertal, Rex; 20.+ 22.5. Köln, TAS.

Thomas Reis blickt für die FR regelmäßig auf die Ereignisse des Monats zurück: Reis' Parteitag

Vielleicht, denn Gott liebt die Hasen, sie säen nicht, sie ernten nicht und er lässt sie trotzdem rammeln. Schon immer gab es viel Geschrei, was zuerst gewesen sei, ob nun Henne oder Ei? Bei Mörike könnt Ihr lesen, zuerst da wurd' das Ei erdacht, doch weil noch kein Huhn gewesen, hat's der Hase uns gebracht.

Der April ist ein Humor- Monat. Am ersten seiner 30 Tage führt er uns aufs Glatteis und dann macht er, was er will. Aber macht das nicht jeder Monat? Die Zeit macht immer, was sie will, sie ist grausam, sie macht uns alle platt. Darum ist es gut, dass Sie Ihre Zeit damit verschwenden, meine Glosse zu lesen, denn besser Sie schlagen die Zeit tot, als umgekehrt.

Zeit ist zwar stets relativ, aber Zeit sparen ist nicht relativ, sondern sinnlos, Zeit ist immer weg, ob Du sie gespart, verschlafen, gut eingeteilt oder verdaddelt hast. Andererseits lässt sich die Zeit sehr wohl unterschiedlich füllen. Parteien geben sich in den Monaten vor der Wahl viel Mühe damit, ihre Zeit möglichst sinnvoll zu verschwenden, wobei mir bei der SPD nicht ersichtlich ist, warum sie unsere und ihre Zeit noch mit sich verplempert.

Die SPD hat sich tatsächlich noch einmal dazu entschlossen, an der Bundestagswahl teilzunehmen. Das ist kein Aprilscherz, sondern mutig. Dabei gibt sich die SPD den Touch einer Barack Obama Cover Big Band. Ihr charismatischer Vorschnippser, Frank Steinmeier als James Last, hat mit seiner zündelnden Obama-kann-ich-auch-Rede den Willen der Partei bekräftigt, sich freiwillig dem Wählervotum zu stellen. Respekt.

Die SPD hat sogar ein Programm: Sozial und demokratisch, anpacken für unser Land. Ersteres liegt eingedenk des Parteinamens nahe und wurde von der SPD schon häufig vergeblich vorgeschoben. Zweiteres (anpacken) klingt nicht nur nach Ludwig Erhard, sondern auch etwas schlüpfrig, in der Wendung für unser Land swingt aber ein wenig Geiersturzflug mit: Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt, ja, ja, ja, das lässt konzeptionell einiges erwarten, vor allem das ja, ja, ja.

Nur die Linkspartei soll auf keinen Fall angepackt werden, nein, nein, nein. Verlinkung ja, aber nicht mit den Linken. Wahlziel bleibt der Wahlsieg, im Fall der SPD heißt das: Ü 25. Das ist einigermaßen realistisch und ein schönes Ergebnis für eine Splitterpartei. 25 Prozent, ein pralles Viertele, das könnte noch mal reichen zur Regierungsmissbildung. Die SPD will es also noch mal wissen, aber was? Es wäre gut, wenn sie wüsste, was sie will, weil sie nicht weiß, was sie will, ist das nicht so gut. Das würde an den Hit von Ganz schön Feist erinnern, wüsste die SPD nicht genau, dass sie nichts will, außer mitfummeln (anpacken) an der Zukunft unseres Landes, aber mit welcher Berechtigung? Es gibt so viele schöne Ideen, man muss sie nur haben.

Das letzte überlieferte, programmatische Konstrukt der SPD war die Angela 2010, nein, Agenda 2010, so hieß das visionäre Projekt zur sozialen Destabilisierung unseres Landes und zur Entfesselung des geknechteten Kapitalismus. Wortführer war damals ein gewisser Schröder. Schröder war einmal unser Kanzler und dann beleidigt. Er verlor nicht nur die Kontenance, sondern auch die Lust an sich selbst und seiner "Ich-komm-von-ganz-unten-und-ich-will-da-rein-Persönlichkeit", die sich seit seiner Abwahl in der Paralyse befindet, um nicht zu sagen, der Schröder hat sie nicht mehr alle. Da haben sich einige Wesenszüge stark verselbstständigt, überall flitzt ein kleiner Gerd rum, einer ist Gasarbeiter in Putinistan, rein ehrenamtlich. Schröder ist quasi der Unicef-Botschafter der Russenmafia. Von Wohltätigkeit allein kann keiner leben, deshalb hat Schröder noch einen Minijob, den Eine-Million-Euro-Job am Zürichsee. Was für eine Karriere, vom Fulltime-Schwätzer zum Teilzeitschweizer.

Gerd, der klassische 68er, er kann sich selbst nicht mehr folgen, das Grunddilemma der SPD, die kann sich auch nicht mehr folgen, weil es die streng genommen gar nicht mehr gibt. Warum holt sich die SPD nicht Joschka Fischer, der ist ablösefrei zu haben, der wollte immer schon mal Kanzler werden, und er ist der ideale Sozialdemokrat, eine politisch flexible Mischung aus Frieden und Krieg, ein Freak. Wer weiß, mit Joschka könnte die SPD die 25- Prozent-Hürde vielleicht doch noch einmal überspringen. Sonst sehe ich schwarz für die SPD, die Partei der Dichter und Denker. Das ist erstaunlich, in der SPD schreibt inzwischen jeder ein Buch, offenbar aus Mangel an sonstigen Tätigkeitsbereichen.

Frank Walter Obamas, Verzeihung, Steinmeiers neues Werk ist ein Klopper, da erfahren wir alles über ihn, nämlich nichts Wesentliches. Kurt Beck hat auch ein Buch geschrieben: Ein Sozialdemokrat. Wer hat es gelesen? Kleiner Scherz, das war eine rhetorische Frage. Auflage null, das ist Waldschändung. Wer in Dreiteufelsnamen hat Interesse an Kurt Beck? Dieser freundliche Bartträger ist weder Arsch noch Gesicht. Wenn Du ihn umdrehst, hat er eine Denkerfurche, die hat Helmut Schmidt am ganzen Körper. Sein Frühwerk: Endlich Kettenraucher, war mir stets ein glimmendes Vorbild, jetzt reüssiert er mit seinen postprofessionellen Reflexionen: Außer Dienst. Helmut Schmidt will offenbar nie mehr kandidieren, das ist bedauerlich, er ist der letzte Hoffnungsträger der SPD, für Menschen wie mich, für Raucher. Ein gesunder Geist ruht in einem gesunden Körper, in einem kranken ist er wach. Aber es will keiner mehr wach sein. Alle dümpeln vor sich hin in der großen Agonie. Schade, dass die Sozis Willy Brandt nicht noch mal ins Rennen schicken können, andererseits, Willy ist auch nicht viel toter als der Münte.

1 von 2
Nächste Seite »
Datum:  30 | 4 | 2009
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Video
Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Frankfurter Rundschau im Abo