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Reis' Parteitag im August: Frohes Neues

Stau ist in dieser rasanten Mitteilsamkeitsgesellschaft eine gute Umschreibung für unseren Seelenzustand im Betriebsmodus der urlaubsfreien Tage. Vor lauter Information kommen wir nicht mehr zur Wahrnehmung, geschweige denn zur Auswertung dessen, was uns an Mitgeteiltem durch die Hirnlappen gewischt wird.

Im Urlaub ist das anders, vorausgesetzt Du traust Dich, Handy und Pass-Wort zu vergessen. Von wegen Motorjacht und Fürstensuite, Kommunikationsaskese ist der wahre Urlaubsluxus. Am besten vor Reiseantritt alle Mail- und sonstigen Gitterboxen für ausgewilderte Syntaxderivate abschalten, sonst ist das Elend groß, wenn Du nach dem Urlaub wieder in Deine Umlaufbahn eintrittst, in Deinen Orbit ohne Zucker, den Alltag, wenn Sie mir dieses selten dämliche Wortspielchen gestatten.

So gesehen war früher immer Urlaub. Die Älteren werden sich noch erinnern, an das Neolithikum der Interaktion, den Jüngeren erkläre ich es gern.

Früher hast Du irgendwo angerufen, wenn keiner da war, dann war eben keiner da. Du hast es später noch mal probiert und wenn besetzt (Dauertüten in der Leitung) war, durftest Du auflegen und behaupten, Du hättest den Angerufenen nicht erreicht und gut war.

Heute verbringen wir unser Leben in Warteschleifen und warten drauf, dass etwas passiert. Sobald sich ein Schlitzlein öffnet, in das wir uns sprachlich entladen können, werden wir zu Beckets Protagonisten und reden uns unsere Existenz ein, respektive aufs Band.

Selbst wenn Du mal durchkommst, ist es nicht mehr möglich ein Gespräch zu beenden, weil es ständig anklopft: Warte einen Moment, ich werd´ eben angerufen. Ja, von mir! Du Arschloch. Ich kann jetzt nicht, hast Du meine Mail denn nicht gelesen. Wann? Das ist noch keine zwei Minuten her. Nein, ich telefoniere doch gerade. Mit wem? Mit Dir.

Wurde ich vor zehn Jahren gefragt, warum ich kein Handy hätte, pflegte ich zu antworten: Wozu, bin ich obdachlos? Das war eine Pointe, heute werden wir nervös, wenn wir im Basislager des Nanga Parbat nicht mal schnell auf dem Plumpsklo unsere Mails abfragen können oder zumindest die Mailbox: Hallo, ich bin´s, geh doch mal ran, ich wollte einfach mal anrufen, gut, ich ruf dann später noch mal an.

Hallo, ich bin´s noch mal, ich hab vorhin schon mal angerufen, ich probiere es jetzt auf dem Festnetz. Gewiss: Nichts wird je gesagt, was nicht schon gesagt worden wäre, dieser Satz ist richtig und außerdem 2000 Jahre alt, aber danach gab es noch Shakespeare, Kafka und Kerner. Es bleibt also noch viel zu plappern, darum bin ich nächsten Monat wieder für Euch da. Bis dann.

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Datum:  29 | 8 | 2009
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Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

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