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Reis' Parteitag im Dezember: Jahresendzeitstimmung

Nicht alle Banker sind kriminell - dazu fehlt ihnen die Energie, meint Thomas Reis.

Jahresendzeitstimmung stülpt sich wattig über uns. Das versiechende Jahr wurde zahllose Male in Bildersintfluten verwässert und verplätschert, es wurde an medialen Endlosschleifen aufgeknüpft und stranguliert, gemangelt und gewürgt von den Brechreizfiguren unserer monomanisch monochromen Fernsehwelt, einer Welt, die eher an einen inzestuösen Zillertaler Weiler erinnert, wo man sich kennt und duzt und pupst. Wo man gemeinsam gemeinelt über und mit den Gemeinen aus der Gemeinde der Mattscheibenweltler und Bildschirmschoner. Ach, ein jeder meint zu meinen, was das Meinung haben doch stark relativiert, ich habe trotzdem eine, nämlich meine - auch über das letzte Jahr, das auch nicht anders war. Oder doch?

Ich bin noch nicht dazu gekommen drüber nachzudenken, es geht ja dann doch alles so schnell. Jetzt habe ich endlich Zeit, nämlich die Zeit zwischen den Jahren, einer Zeit, die es gar nicht gibt, die wir aber trotzdem haben, ohne sie uns nehmen zu müssen. Sonst ist Zeit immer eine Frage des sich Nehmens, aber wer nimmt sie sich schon? Das ganze Jahr flitzen wir sinngläubig und bewusstlos vor Verantwortung unserem Jahresende entgegen, aber pünktlich nach Weihnachten geht uns für einen Moment die Puste aus. Eine herrliche, eine zeitlose Zeit.

Vor Weihnachten ist Vorweihnachtszeit, dann ist Weihnachtszeit, aber was ist jetzt? Nachweihnachtszeit? Die Schlacht ist geschlagen, der Gabenkrieg vorbei, die Gänse verdaut und die Verwandten vergrault. Ist es die Zeit der Trümmerfrauen, des Wiederaufbaus und der Wiedergutmachung?

Nein, für mich ist es in der Tat die Zeit, wo sich der Puls ebenso verlangsamt wie das Interesse. Ich schlafe meinen Konsumrausch aus, fühle mich wohlig sediert und der Gedanke, dass es gleich wieder losgehen soll mit Geböller und Geknall lässt mich erschaudern. Ich höre das nächste Jahr schon mit den Hufen scharren. Nur ein paar Tage noch, dann schlägt es uns voll auf die Neun, kurz darauf kommen die drei Morgenmänner noch vorbei und dann beginnt schon wieder die Vorweihnachtszeit mit all den mutmaßlich weltbewegenden, unwägbaren Dingen, die uns dort erwarten in der unendlichen Zukunft. Die Zukunft, was für ein uns Schaudern machender, unverblühbarer, ewiger Rohstoff, aus dem unsere endlichen Träume sind.

Ihr merkt, die Zeit zwischen den Jahren ist meine pathetische, aber dieses Pathos hält sich leider nie lange. Noch zwei, drei Tage, dann werde ich wieder Zeitungen fressen, an Sachzwänge glauben und pflichtschuldig Information verbrauchen wie das Auto Benzin, mit dem einzigen Unterschied, dass uns Benzinverbrauch weiterbringt, noch und wenn wir nicht gerade im Stau stehen, was trotz schleichender Frigidisierung der Ölfelder nicht unwahrscheinlicher wird, ein Paradoxon.

Wenn Sie mit all den Paradoxa des Daseins nicht mehr klar kommen sollten und sich dazu entscheiden, frühzeitig auf ihre Existenz zu verzichten, dafür wird es nächstes Jahr sicher zahllose gute Gründe geben, dann entscheiden sie sich bei ihrer letzten Fahrt nicht für die A1, auf der A1 stehen Sie auch als Geisterfahrer im Stau. Machen Sie's wie der Haider, geben Sie sich die Kante, steigen Sie in Ihren Phaeton, nehmen Sie ordentlich Anlauf und Bums.

Das Haiderl, es wird mir nicht wirklich fehlen, wiewohl es mich dauert mit seiner verdrängten Homosexualität. Erstaunlich, viele dieser martialischen Rechtspopulisten und homophoben Rassisten sind schwul, ohne es freilich sein zu wollen. Wieder so ein Paradoxon, das ich nicht verstehe. So ein schwuler Schwulenhasser hat doch ein Problem, er verachtet sich, um diese Selbstverachtung zu sublimieren wird er Nazi und verachtet die anderen, um schließlich alles zu hassen, aber vor allem sich selbst. Haiders letzte Dienstfahrt war nichts anderes als ein Akt der Autoaggression, schönes Wort in dem Zusammenhang, das Haiderl hat sich selbst zerlegt. Beton, es kommt drauf an, was man sich draus macht. Zu rechts in die Kurve und zu voll, es wundert mich, dass er dabei nicht noch ein paar illegale slowenische Stricher platt gefahren hat. Dann hätten wir sagen können: Das Haiderl, er ist so gestorben, wie er gelebt hat.

Andere Probleme werden sich auch nächstes Jahr nicht einfach in Wohlgefallen auflösen. Davon kündet das Wort des Jahres 2008, das da lautet: Finanzkrise. Kein schönes Wort und abgesehen davon ein doppelt gemoppeltes oder würden sie Ihre Finanzen jemals mit Glückseligkeit in Verbindung bringen?

Geld, da denken wir zuerst an Sorgen. Geldsorgen, die fangen mit 40 an, vorher hast Du ja keins. Wie scheiße Kapitalismus ist, merkst Du erst, wenn Du Geld hast, und dann ist es zu spät, um dagegen zu sein, da musste mitmachen im Schweinesystem, das sagt mein Bewährungshelfer, mein Steuerberater. Im Schweinesystem gibt es zwei Alternativen, entweder das System macht Dich zur Sau oder zur Sau: Hartz oder Peter, arme oder Drecksau? Das ist hier die Frage. Wie willst Du die beantworten?

Kein Geld ist blöd, aber zu viel Geld ist noch blöder. Was machst Du damit? Du legst es an, weißt aber nicht mit wem, das weiß übrigens keiner, das ist das eigentliche Bankgeheimnis, das ist so geheim, das weiß nicht mal die Bank. Das will die gar nicht wissen, weil sie es gar nicht wissen kann. Ackermann, das klingt so bäuerlich, aber 30 % Rendite bei 2 % Wachstum, ein eigenwilliges agrarisches Konstrukt, zwei Kartoffeln ernten aber 30 verkaufen, das ist das Erntekonzept Kettenbrief. Nichts gegen die Spielbank, das ist eine seriöse Bank, die bescheißt ehrlich und kennt keinen Ladenschluss, ganz im Gegensatz zur KFW, der Kreditanstalt freies Wochenende, oder der Hypo, die übrigens kein Hypochonder ist. Ein Hypochonder fragt sich besorgt: Wie stelle ich meinen eigenen Herzstillstand selber fest? Eine Bank ist tot, bevor einer Fragen stellt. Dies Ableben ist männlich.

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Autor:  Thomas Reis
Datum:  30 | 12 | 2008
Seiten:  1 2
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