Sommerzeit, Reisezeit, ich war schon überall und was soll ich da, ich bin Wahlschlesier, ich fühle mich überall vertrieben, aber es hilft nichts, als Deutscher, ich will nicht bleiben, wo ich bin, Du musst - weg. Wir Deutschen sind ein Volk auf der Flucht, vor sich selbst. Aber wohin? Ostern war ich in Tibet, da tönt es aus der hintersten Ecke eines Geheimtippklosters: "Was machst Du hier, ich dachte, Du wolltest weg." Ich habe es versucht, aber überall wo Du hinkommst, wir sind schon da. Wenn Du Glück hast, triffst Du mal einen Holländer.
Die Holländer, ein Phänomen, selbst in Holland wimmelt es von Holländern. Oder haben wir Deutsche uns soweit assimiliert, dass wir in Holland alle Holländisch sprechen? Nein, aber wären wir sprachlich nicht so unflexibel, es wäre uns zuzutrauen, denn wir sind uns peinlich. Während Angehörige anderer Schurkenstaaten, denken Sie nur an Österreicher oder Schweizer, sich im Feindesland verzückt in die Arme fallen, neigt der Deutsche zu einer trübseligeren Reaktion: Vorsicht, schwätz Englisch, da drüben sind Deutsche. Die Holländer, ein tolles Völkchen, ich mag sie, obwohl ich aus einem ihrer bevorzugten Zielgebiete stamme, dem Schwarzwald, ich bin in einer Panoramatapete aufgewachsen, Dreisamtal, Kirchzarten, Luftkurort, im Sommer 20.000 Holländer auf dem Campingplatz. Wenn Du da pinkeln willst, kannst Du Dir für den ganzen Tag nichts anderes vornehmen. Doch es gibt einen Unterschied zwischen einem brasilianischen Slum und dem Kirchzartener Campingplatz: Die Holländer machen das freiwillig.
Ich bin auch nicht frei vom Reisevirus, ich liebe diese Welt und möchte sie kennen lernen, ganz. Krise hin oder her, was muss, das muss und Reisen muss unbedingt. Einfach zu Hause bleiben, was sollen die Nachbarn von einem denken. Blässe, kein Urlaubsphoto, der Prestigeverlust am Arbeitsplatz - das kann sich kein Mensch mehr leisten. Reisefieber ist eine ernstzunehmende Erkrankung und Fernweh kann heftige Schmerzen verursachen, etwa wenn Sie versuchen nach Malle zu gelangen. Mallorca, es wundert mich, dass diese Insel überhaupt noch schwimmt. Sind Sie schon mal Charter geflogen? Mit der TUI oder früher mit Condor, die Lufthansa hat nach 50 Jahren festgestellt, dass der Name ungute Assoziationen hervorruft. Das schöne Städtchen Guernica ist nicht nur von Picasso, sondern auch von uns Deutschen ziemlich verunstaltet worden, die Legion Condor, ursprünglich Hitlers Fliegerstaffel für Franco, war später der bewaffnete Flügel der Lufthansa, voll munitioniert mit scharfen Last-Minute-Men-Raketen in Strassadiletten und plüschfarbenen Trainingsanzügen. Der Ferienflieger ist die Fortsetzung des Krieges mit Wolfgang Petri und Sangria aus dem Napf. Darum versteh ich nicht, weshalb uns der Erreger so erregt. Wer volltrunken im Sand suhlt und aus Futtertrögen Restalkoholika schlürft, wer rosa verfärbt in der eigenen Scheiße matscht und hemmungslos die Sau rauslässt, darf sich nicht wundern, wenn er mit Schweinegrippe zurückkommt in jenes von uns Deutschen so ungeliebte Land, das wir bei nächster Gelegenheit wieder verlassen, um Andenken zu sammeln: argentinische Bolas, neuseeländische Sackpfeifen, ghanaische Nashörnchen, antarktische Eiswürfel, kirgisische Knirpse, kambodschanische Babys, Nicaragua-Kaffee oder einen tamilischen Tripper.
Wir Deutschen mögen Deutschland nicht, wir arbeiten hier nur, demnächst bis 69, aber sobald wir fertig sind, sind wir weg. Wohin? Egal. Weg ist das Ziel. In diesem Ansinnen unterscheidet sich der deutsche Urlauber kaum von der Anlagestrategie abenteuerlustiger Topmanager. Porsche selbst muss noch entscheiden, in welchem Golf-Staat er Asyl beantragt, Katar oder Wolfsburg. Gut, Asyl wird nur bei politischer Verfolgung gewährt, schnöde Wirtschaftsflüchtlinge lassen wir lieber verhungern. Porsche hat da wohl keine Chance. Westfalenwendelin Schwabenking schon, der wurde nach eigener Einschätzung von allen verfolgt, das waren regelrechte Wiedeking-Pogrome von Seiten der Presse, die er dafür jetzt abstrafte, indem er sie abfand. Vorsicht, kein Witz. Je 500 000 Euro aus seiner Ablöse spendete er dem Fond zur Unterstützung Not leidender Journalisten im Alter, der Landespresse Ba-Wü, der Stiftung Hamburger Presse und der Kollegenhilfe niedersächsischer Journalisten. So rächt sich ein Wirtschaftsboss. War das eine noble Geste sanfter Überheblichkeit, ernste Sorge um das Niveau erlesener Berichterstattung oder ein Akt tiefster Verachtung? Jene hochwohlgeborene Verachtung gegenüber dem streunenden Pöbel, wie wir sie auf Lanzerotereisen gegenüber Tölen empfinden, die sich unserem Tischlein nähern und wir bemüht sind, die Kreaturen mit Hühnerbeinchen in die Flucht zu schlagen? Egal, denn Wiedeking bewies Humor, freilich eine dünne Pointe, aber die musst Du Dir erstmal leisten können.
Wendelin wirkt nicht unglücklich, warum auch, jetzt kann er Urlaub machen. Wo mag es ihn hin verschlagen? Zur Pulliernte nach Kaschmir, zum Dampfgaren nach Island oder zum Nacktbacken nach Goa? Düst er in Porsches Wohnmobil, dem Panamera, die Pan-Amerikana runter? 8000 Meilen Klaustrophobie im Selbstversuch, der Härtetest für jede Familie. Dann lieber zur Ethnosafari nach Südafrika oder ein Jubiläumsflug zum Mond, inklusive Moonwalkworkshop zu Ehren des musikalischsten Sommerlochstopfers aller Zeiten. Wem das zu teuer ist, der muss auf Thriller nicht verzichten. Wie wäre es mit einer FKK-Reise nach Riad, barfuß durch China für Langzeittouristen oder eine knackige Kaffeefahrt durch das Kolumbianische Hochland? Lateinamerika ist faszinierend, auf dem Orinoko traf ich mal einen Indio im Penisköcher. Sein Einbaum hatte GPS und Internet: "Hola. What Your job, me job Headhunter." Er wollte mich buchen für sechs Auftritte in Worpswede, hat sich dann aber für Dieter Bohlen entschieden, Indios arbeiten traditionell lieber mit Schrumpfköpfen.