Michael Jackson, die opake Lichtgestalt des Beatpops, zweifelsfrei eine unerträgliche Chimäre seiner selbst, aber ebenso zweifelsfrei ein motorisch-musikalisches Genie, ist tot. Dresden verdaddelt wegen einer Brücke, die definitiv nix miteinander verbindet außer ökonomischen Interessen, sein Welterbe und wundert sich. Irren ist menschlich, aber Iran? Wohnsitz des atomaren Antichristen? Das endokrinologische Zentralorgan bösen Achselschweißes und ätzender Schwefeldämpfe? Ja, der Iran ist menschlich, da staunt sogar Netanjahu, als ob es eine neue Erkenntnis sei, dass die Quote der Arschlöcher weltweit recht homogen verteilt ist.
Selbst die Amis sind nicht allesamt Schwachmaten, sie hatten sich lediglich zweimal für einen entschieden. Ob Irans Schwachmatineschad je vom Volk berufen wurde, ist fraglich, wenngleich nicht unwahrscheinlich. Auch Hitler wurde gewählt, nie mit absoluter, aber mit relativer Mehrheit (32,6 %). Doch wie sagte bereits einer der größten Menschenverächter und -kenner aller Zeiten, Iwan W. Dschugaschwili, besser bekannt als Josef Stalin: Die Hitlers kommen und gehen, das deutsche Volk bleibt. Auf ersten Blick ein bedrohlicher Satz, wenn das deutsche Volk bleibt, bleibt auch die Wahrscheinlichkeit Hitlers. Was uns Stalin, der Brachialphilosoph und pathologische Massenmörder, damit sagen wollte, gerad im Hinblick auf sein eigenes Völkchen, ist, dass jedes Volk irgendwann die Schnauze voll davon hat, verarscht zu werden und bereit dazu ist, seine Beherrschung zu verlieren. Das nennt sich Freiheitskampf. Im Iran scheint dieser Punkt erreicht, dort ist die Hölle los. Diese Hölle mitsamt ihren Anheizern und Prügelpersern will ein Großteil der Iraner nun stilllegen, während sich ein anderer Großteil in dieser Hölle offenbar wohl fühlt. Das Böse ist eine Frage der Perspektive, besonders dann, wenn Du keine hast.
Beherrscht wird der Iran von zwei paranormalen Phänomenen, den Hellsangels Haschemi Rafsandschani und Ali Chamenei, wovon der zweite Engel der gefallenere ist. Chamenei ist der mit dem schwarzen Turban, der ihn fälschungssicher als direkten Nachkommen Mohameds ausweist, als Stellvertreter Gottes auf Erden, als iranischen Ratzinger Sepp. Chamenei ist oberster Revolutionsnachtwächter, er steht über der Verfassung und ist so unfehlbar wie der deutsche Lehrer bis zum Spick-Mich-Urteil. Schon deshalb ist er ein Feind des Internets und der informativen Information.
Ali Chamenei ist im Iran fast so mächtig wie Ajatollah Bohlen bei DSDS. Bevor gevotet werden darf, siebt er bei den Previews des Kandidatencastings schon kräftig aus und überlässt, was den Ausgang des Präsidentenposings angeht, nix dem Zufall, weshalb Irans Superstar bis auf weiteres der Giletteverächter Ahmadinedschad bleibt, Chameneis Surensohn. Gerät der unter Druck pfeift Chamenei seine Hunde herbei, die religiös erweckten Pitbulls der Pasdaran oder die frommen Hooligans von Basidsch (Persisch für Basisdemokratie), Allahs Unterschichtarbeiter, eine Heerschar himmlischer Blockwarte, deren pluralistischer Instinkt sich in Führerbefehlen erschöpft und deren feministisches Feingefühl sich darauf beschränkt, die Frau als Ehrensache zu betrachten. Allesamt verführte Opportunisten, sediert vom völkischen Opium aus den Koranschulen.
Ob diese göttliche Ordnung dem Willen des iranischen Volkes entspricht, ist unklar, dem Willen Mussawis entspricht sie nicht. Mussawi, ein Islamist der ersten Stunde, sein spiritueller Mentor ist Rafsandschani. Dieser ist kein Ajatollah, nicht jeder Iraner ist ein Ajatollah, es ist auch nicht jeder Deutsche Papst, aber er ist Vorsitzender des Expertenrats für außerirdische Lebensformen. Dieses Gremium ist dazu legitimiert, den amtierenden Ajatollah abzusetzen. In den USA nennt sich das impeachment, bei uns Misstrauensvotum und im Vatikan gibt's als Mittel der Amtsenthebung nur die Vergiftung. Iran ist in Sachen Gewaltenteilung weiter als das Exekutivkomitee der Katholiken, bleibt aber ein Gottesstaat. Heißt das: Alles Mullah oder was? Ja. Natürlich hat Mussawi, der Mann, der die iranische Atomspalterei implementierte, als Innenminister das Dogmenbeil der Scharia schwang und als Allahs Schafrichter reüssierte, auch meine Sympathie, denn selbst Venezuelas Hugo Schafscheiß und Nordkoreas Klimbimkim Jong sind nicht so abstoßend wie Irans Dreikäsehochwürden mit dem Aggressionspotenzial eines vierjährigen Playmobilschänders.
Mir ist es wurscht, wer die Wahl gewonnen hat, aber es spielt leider eine Rolle. Demokratie ist bitter, zumindest für die Vernunftbegabten. Wenn die Demonstranten skandieren: Wo ist meine Stimme? - so verstehe ich das. Kaum eine Wahl, nach der ich mich das nicht auch frage. Wie oft drängt sich der Verdacht auf, die Wahlurne sei eine Antimateriefalle des freien Willens. Wie beurteilte ein Juso den Ausgang der Europawahlen: Der Wähler hat versagt. Wenn Volksentscheide immer so einfach wären wie bei Zimmer frei, da schwenken sie am Ende alle ihre grüne Pappe und gut ist, aber so läuft es nicht.
Wenn ich an meine Jugend denke, wo wir gegen das Unrecht andemonstrierten, Lichterketten schmiedeten und moralisch inspirierte Steine warfen, gegen Aufrüster, Wohnräumkommandos, Atomapologeten und Nicaraguakaffeeverweigerer, da waren wir eine Massenbewegung, aber auch wenn Millionen auf die Straße gehen, sind sie selten in der Mehrheit. Wir waren eine Minderheit, eine solche wird stets mit großer Selbstverständlichkeit niedergeknüppelt, der Staat ist eilfertig bemüht, die Stimme der Straße zu ersticken, so ging's auch der Stimme des Iran.