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Reis' Parteitag im März: Amok

Computerspiele? Sicher, Kokain ist die weichere Droge, da bist Du nur kurz online, aber nicht 24 Stunden am Tag. Den Computerkonsum baut kein Körper ab, da wird der Bildschirm zum Seelensauger, da ist Flatline im Brainpool. Aber davon werden die Kids nicht aggressiv, sondern vegetativ und damit ein Fall für die Bio-Tonne. Ich kenne Kids, die könnten von Photosynthese leben, wenn sie mal rausgingen, aber das machen sie nicht, die kompostieren vor sich hin an ihrem PC. Jetzt könnte man sagen, Biblis ist Hysterie, das Kind muss vom Netz, die ganze Generation sofort abschalten, sonst fliegt sie uns um die Ohren, aber das halte ich für überinterpretiert.

Für einen Amoklauf muss man Initiativkraft entwickeln, andererseits ist Amok die Kehrseite von Koma, aus diesem sind die Medien schlagartig erwacht, um ihrerseits Amok zu laufen. Wie sich die Heerschar der Blutkleckser und Aasapologeten über den Tatort hermachte, ekelhaft. Schade, dass der jugendliche Held keine Lidlkamera im Brillengestell mitlaufen ließ, das wären Bilder, voll krass aus der Täterperspektive und so wichtig für die kritische Berichterstattung. Blieb nur die emsige Suche nach Motiven. Motive? Was erwarten die? Einen reflektierten Feingeist, der nach eingehender Abwägung des Für und Wider und reiflicher Prüfung der Sachlage seine Schussfolgerungen, ergo die Knarre, zieht. Wahn braucht keinen Sinn, aber wie die Blutjournaille da versuchte, uns von der Notwendigkeit ihres abscheulichen Tuns zu überzeugen und den nächsten Täter von der medialen Megageilheit eines solchen Events, das war zum Amoklaufen. Wer hat sich die Rechte gesichert? Tarantino oder Sat 1? In den Werbeblöcken läuft: Dieses Massaker sehen mit freundlicher Unterstützung von Heckler und Koch, wir brauchen Euch doch. Auch ich hoffe nicht auf Psychopädagogen und sonstige Flachpfeifen, sondern auf die Knarrenlobby. Wenn die Waffen so intelligent sind, dass sie den töten, der sie abfeuert, dann ist Frieden, selbst an deutschen Schulen. Dann wird es sein wie in der guten alten Zeit, wo sich Goethes Werther, der Liebeskümmerling, vollgepackt mit empfindsamen Hormonen und juveniler Lebensangst, sozialverträglich selbst entleibte.

Es könnte alles so schön sein, Sebastian Bayer springt über sich selbst hinaus, Helg Sgarbi, alias Sim Salabim, lässt mit Schweizer Käsecharme und mit Hilfe seines Zauberstabes die unverdienten Millionen liebeslustiger Dumpfhühner verschwinden, der Abwracklauf mit seinen Panikverschrottungen geht weiter, nur Peter Kraus pfeift auf die Abwrackprämie, der Junge mit dem Goldkehlchen ist 70 geworden, sieht aber immer noch so aus, als könnte man ihm seine Gage in Lollis auszahlen. Ein Leben ohne Gebrauchsspuren, das macht ein wenig Mut.

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Datum:  31 | 3 | 2009
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Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

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