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Reis' Parteitag im September: Der reine Wahlsinn

Merkel ist Physikerin und hat schon so manches Teilchen beschleunigt: Schäuble, Seehofer, Merz. Nun Roland Koch als Verteidigungsminister? Das wäre die Chance für Hessen. Denn abwählen hilft ja nichts. Von Thomas Reis

Sonntagabend 18.01 Uhr. Ich sitze am Hamburger Flughafen fest. Sushi mümmelnd und auf einen stummen Monitor starrend, warte ich auf mein ökologisch bedenkliches Transportmittel und die erste Hochrechnung. Mein Begehren, den Fernseher laut zu stellen, stößt auf Unverständnis. Die Gäste würden sich sonst gestört fühlen, ließ mich der koreanische Rohfischkoch wissen.

Nicht, dass ich was gegen geräuschloses Fernsehen hätte, es wäre mir sogar lieb, würde auch auf die Bilder verzichtet - aber an so einem Tag? Es sei doch nur alle vier Jahre Wahl, winselte ich demütig, aber der Koch blieb stur, ein Phänomen, wie es der Hesse kennt. Ich schob ihm schüchtern zehn Euro über den Tresen, für die er sich herzlich bedankte, was an der taubstummen Situation aber nichts änderte. Der Koch war unbestechlich. Verzweifelt griff ich zum äußersten Mittel demokratischer Wehrhaftigkeit, zum Plebiszit. Der Volksentscheid hat mich selbst verblüfft, keiner der sieben Gäste fühlte sich durch Wahlgesänge gestört. Da rede noch mal einer von Politikverdrossenheit.

Der Satiriker

Thomas Reis, 45, ist eigentlich Historiker und uneigentlich Kabarettist ("Ich bin gerne Kabarettist, aber Henker beneide ich doch. Die verändern Menschen wirklich.").

Große Erfolge erzielte er zuletzt mit seinen Programmen "Gibt´s ein Leben über 40?" und "Machen Frauen wirklich glücklich?". Reis (www.thomasreis.de) blickt regelmäßig in der FR auf die Ereignisse des Monats zurück.

Termine: 02. 10. Hattersheim, Stadthalle, 10./11. 10. Stuttgart, Renitenz, 15. 10. Bad Kissingen, Kurtheater, 23. 10. Frankfurt, Käs´.

Selbst zwei Japaner ermunterten den Fischwirt zur Tonalität und so war es mir doch noch vergönnt den sang- und klanglosen Untergang der SPD in voller Lautstärke und einer von Deppendorf synchronisierten Fassung mitzuerleben, was freilich nichts daran änderte, weder am Untergang der SPD noch am stummen Entsetzen, das mich angesichts des fetten FDP-Balkens erfasste. Nun sticht sie doch, die schwarz-gelbe Majafraktion, unsere kleine, freche, schlaue Biene Merkel mit ihrer neuen Drohne Wester-Willi.

Elf Jahre hat sich die SPD zielstrebig von sich selbst entfernt, nun wundern sich die Genossen über den langen Rückweg. Wer hat sich verraten? Sozialdemokraten. Darum haben sich Angela Merkel und ihr Volk für einen neuen Beiwagen entschieden, die Abwrackprämie hat die FDP eingesackt, die hat die SPD aus dem Verkehr gezogen und stillgelegt. Nun liegt die alte Dame auf Halde, soll aber noch nicht verschrottet werden, denn Angela braucht sie vielleicht noch mal, um ihre Laufzeit zu verlängern.

Das ist ein heikles Thema, die Laufzeitverlängerung, sicher, Angie kann gut mit Nicolas, Nicolas kann gut mit Silvio und Silvio ist wiederum gut befreundet mit echten Entsorgungsprofis, die schon häufig und günstig Atommüll für ihn entsorgten, indem sie ihn listig umchoreographierten, auf marode Schiffe verluden und vor Sizilien mit Hilfe von Dynamit endlagerten. Ein pfiffiges Entsorgungsprinzip. Die Franzosen versenken ihren Atommüll weiter ganz offiziell im Atlantischen Graben, das ist noch praktischer, wenn eine Regierung nicht den Umweg über das organisierte Verbrechen gehen muss, sondern das Verbrechen gleich selbst organisiert. Hat Angela dafür den Schneid? Wird sie Gutachten fälschen und Beweise verschwinden lassen? Nein, noch ist Angela nicht Helmut, außerdem will sie die Kanzlerin aller Deutschen sein.

Andererseits heißt Klug aus der Krise: Aus Schaden wird man klug. Braucht sie noch ihr persönliches Tschernobyl, um klug zu werden? Nein, sie ist bereits Physikerin und hat selbst schon so manches Teilchen beschleunigt, denken sie an Schäuble, Seehofer, Merz. Sie weiß um die Risiken, aber auch um die Faszination des nuklearen Freibiers. Atomkraft ist fast so geil wie Kommunismus, hat aber den gleichen Haken, sie funktioniert nicht ohne Lager, und Lager funktionieren nicht.

Ich vertraue auf Angelas energetische Ausgeglichenheit und ihr Lebensmotto: In der Ruhe liegt die Kraft. Steinmeier ist dabei eingeschlafen. Als er aufwachte, wirkte er fast wie ein richtiger Kanzlerkandidat, aber der Weckruf kam zu spät. Als Münte tönte: Merkel kann schon mal die Koffer packen, erinnerte er mich an jene mutige, aber nachhaltig wahnsinnige Maus, die sich kämpferisch vor dem Kammerjäger aufbaut und käsekrümelschwingend droht: Vorsicht! Ich kann Karate. Spätestens da war mir klar, dass sich die SPD schwertun wird, noch mal die 20 Prozentmarke zu knacken, aber sie hat es trotzdem gepackt, trotz Hartz IV, trotz Angela 2010 bleibt sie zweitstärkste Kraft im Bundestag, das ist keineswegs ein Debakel, sondern für sie ein beachtliches Ergebnis.

Der Union geht´s kaum besser, in Bayern unter Kindskopf Seehofer zur Splitterpartei zermalmt, feiert sie 19 Prozent in Brandenburg als gutes Ergebnis. Volksparteien im Klimawandel, manövrierunfähige Speiseeisberge, die planlos vor sich hin dümpeln und von Tag zu Tag weniger werden. Was nicht schmilzt, wird weggelutscht. Ich empfinde die farbliche Vielfalt als Zeichen politischer Reife und freue mich schon auf den ersten grünen Bundeskanzler, toleriert von den Piraten, der FDP und der Linken ohne Lafontaine, der dann wieder die SPD führt, die bis dahin mit der Rentnerpartei fusioniert hat.

Ich habe keinen Grund zu jammern, eine Regierung mit FDP-Beteiligung ist immer gut fürs Geschäft, für meins. Das wird lustig mit Westerwelle und Deutschland kann es besser. Was unser Land kann, ist geographisch klar umrissen, Wüstensafari kann es nicht, Wattwanderung schon.

Ich betrachte mich nicht als faul, verspüre aber nicht ansatzweise das Bedürfnis, mehr als bisher zu leisten, schon gar nicht für die FDP, auch wenn ich ihrem Wahlkampf solidarischen Respekt zolle. Arbeit für alle. Das kenn ich noch aus meiner radikalen Zeit: Arbeit für alle, sonst gibt´s Krawalle. Sprach die FDP da nicht die falsche Zielgruppe an?

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Autor:  Thomas Reis
Datum:  1 | 10 | 2009
Seiten:  1 2
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Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

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