kalaydo.de Anzeigen

Reis´ Parteitag: Koch war ein Geschenk

Eisberg voraus und von unten kommt Öl. Dem Wahnsinn wollte der Hesse sich nicht länger aussetzen. Deutschland ohne hessische Verhältnisse - geht auch nicht ... weshalb NRW das politische Vakuum füllt.

Was wir an jemandem haben, merken wir oft erst, wenn er weg ist. Nie sollten wir für selbstverständlich erachten, was einzigartig ist. Roland Koch war ein Geschenk an die Kabarettisten dieser Welt. Was bleibt uns jetzt noch? Westerwelle? Mit Witzen über Westerwelle verhält es sich wie mit Blondinen-, Manta- oder Häschenwitzen, irgendwann hat es sich ausgewitzt, und eine humoristische Auseinandersetzung mit der FDP jenseits des Häschenwitzes ist derzeit mangels intellektueller Substanz leider nicht möglich. Westerwelle ist noch im Amt, aber wen juckt´s? Die FDP regiert mit, na und? Das ist durch.

Koch war nie durch, ein wahrlich Kreativer der Provokation, stets gut für eine satirische Breitseite. Was habe ich ihn niedergespöttelt als hessische Tretmine zum Gesicht, als Morakel von Eschborn, als Mischung aus Zweck und Mittel (Zwittel); als gynandromorphes Fabelwesen, das sich wie der Fadenwurm selbst befruchtete und so im Amt blieb, durch Zellteilung, als sein körpereigener Wurmfortsatz, als selbst nachwachsender Rohstoff.

Der Satiriker

Thomas Reis, 46, ist eigentlich Historiker und uneigentlich Kabarettist ("Ich bin gerne Kabarettist, aber Henker beneide ich doch. Die verändern Menschen wirklich.").

Große Erfolge erzielte er zuletzt mit seinen Programmen "Gibt´s ein Leben über 40?" und "Machen Frauen wirklich glücklich?". Reis (www.thomasreis.de) blickt regelmäßig in der FR auf die Ereignisse des Monats zurück.

Nun ist er weg, der geschäftsführende Hessenzombie auf Lebenszeit, der gefühlte Kanzler, der sich weder durch ein Ministeramt wegmobben noch nach Brüssel entsorgen ließ wie Oettinger. Brüssel ist das sicherste Endlager für politische Restrisiken, aber Koch wäre selbst aus diesem Reich der Toten wieder zurückgekehrt, strahlend und noch gefährlicher als der untote Vollblutpolitiker, den wir zu hassen geliebt haben. Zu Koch fiel mir stets was ein. Koch war ein Feindbild auf Augenhöhe, kein Dodo wie Pofalla oder Niebel, kein putziges Kerlchen wie Seehofer oder Köhler, wo mich nach jeder Pointe das schlechte Gewissen des Pädagogen übermannt, der seine Kinder schlägt, weil sie sich weigern, einen schlichten Sachverhalt zu begreifen.

Selbst Angela Merkel, die lange in liebenswerter Ahnungslosigkeit vor sich hin schwieg, um dann in ratlosen Aktivismus zu verfallen, nachdem ihr jemand erklärt hatte, dass es sich bei einer Rating-Agentur nicht um die Stiftung Finanztest, sondern um eine Flugschule für Aasgeier handelt, um Ernährungsberatung für Heuschrecken, selbst Angela, der speiseeisernen Kanzlerin, kann keiner wirklich böse sein, weil sie es gar nicht böse meint.

Ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, wie sich Spekulanten und Finanzzockern im Rahmen einer kapitalistischen Marktordnung das Handwerk legen oder wie sich die suizidale Verschuldung Südeuropas umkehren ließe. Ich hege allerdings Zweifel daran, dass es Sinn macht, jemandem, der Dir bereits seit 10 Jahren 100 Euro schuldet, noch einmal 100 zu leihen, damit er einen Teil seiner Schulden bezahlen kann und dann immer noch nix hat außer noch mehr Schulden, die sich schlecht in die Zukunft investieren lassen, weshalb bei Oddset oder einer anderen Bank 1000 Euro auf den Tod Deines Schuldners gewettet werden, dessen verpfändete Lebensversicherung im Derivatenhandel bereits Preise erzielt, die weit über der zu erwartenden Ausschüttung liegen.

Nun kriegen die Griechen Geld, aber nur wenn sie versprechen, ganz toll zu sparen, das ist sadistisch: "Ja, mein Kind, Du kriegst den Drops, aber nicht lutschen." Sparen? Dafür ist es zu spät. In Frankreich, da wurde schon vor Jahren an den entscheidenden Stellen gekürzt, 89, 1789, einmal Spitzen schneiden, das war ein schlüssiges Sanierungskonzept für einen maroden Haushalt. Heute politisch leider schwer zu vermitteln, vielleicht kommt das wieder. Noch sparen wir lieber am kleinen Mann, da kommt man besser dran.

Was uns da überrollt, all die sich eklatant widersprechenden, finanzwirtschaftlichen Wahrheitsvermutungen, die, jede für sich genommen, tatsächlich wahr sein könnten, können in ihrer Gesamtheit nur als abstrakter Hypersurrealismusdada bezeichnet werden. Dieser mag künstlerisch seinen Reiz haben, ist aber als Richtlinie jedweden Handelns unbrauchbar, weil selbst jene das System nicht durchschauen, die seine Systematiker sind. Vom Ausguck ertönt der verzweifelte Ruf: Scylla in Lee, Charybdis in Luv, aber Eisberg voraus und von unten kommt Öl. Dem Wahnsinn wollte Koch sich nicht länger aussetzen, auf Probleme, die sich weder durchschauen noch verstehen und schon gar nicht lösen lassen, hatte er keinen Bock mehr.

Abgesehen davon ist den Finanzmärkten völlig wurscht, wer unter ihnen regiert, das hat Koch begriffen, ein Astronom kann der Sonne nicht befehlen, stehen zu bleiben. Die Kirche kann das. Wenn Du die Wirklichkeit ausblendest und die Macht dazu hast, geht alles, eine Weile. Deswegen können die Chinesen auch ohne Weltwirtschaft boomen, ein Weilchen. Wirklichkeitsfern wollte Koch nicht bleiben und wenn schon nicht Kanzler, dann zumindest Aufsichtsrat. Wenn Du Probleme nicht lösen kannst, werde selbst zum Problemverursacher, das ist zumindest lukrativer. Atomstrom zu verkaufen ist gewissenlos, aber einträglicher als ihn zu bekämpfen.

Kochs letzte, beklemmend lustlose Regierungserklärung im Landtag war weniger eine Brandrede als vielmehr eine Vorlesung über die Ursachen des Feuers, aber sie war brillant, brillant analytisch und brillant resignativ. Als ich Koch zuhörte, habe ich gemutmaßt, Roland, wenn Du das selbst verstehst, was Du uns da erklärst, dann ist politisches Handeln obsolet. Doch nun ist er weg.

1 von 2
Nächste Seite »
Datum:  28 | 5 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Video
Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Frankfurter Rundschau im Abo