Bigger than Life: Ein Filmtitel ist zum geflügelten Wort geworden. Immer wieder liest man ihn als Metapher für jene Mischung aus Kühnheit und Maßlosigkeit, mit der vor allem das Kino Hollywoods zur emotionalen Übergröße aufläuft. Und immer schwingt in diesem Ausdruck auch die Verbindung zwischen Kunst und Technik mit, eine unwidersprochene Allianz zwischen den so unterschiedlichen Vergrößerungsgläsern der Dramaturgie und der Physik.
Dass die Größe der Bildwiedergabe von elementarer Bedeutung ist, lässt sich heute sogar zu Hause nacherleben: Videobeamer und Großbildschirme sind zu erschwinglichen Massenartikeln geworden. Wer sie kauft, für den ist auch noch ein zweiter Wahlspruch Hollywoods gültig, der vor Jahren den Godzillafilm von Roland Emmerich bewarb: "Size does matter".
Natürlich ist das Aufnahmeformat eine entscheidende Voraussetzung für große, klare Bilder. Die Retrospektive der diesjährigen Berlinale rekonstruiert in diesem Jahr ein aus dem Alltag lange weitgehend verschwundenes, heute aber von vielen Filmenthusiasten weltweit wiederbelebtes Kinoerlebnis: Die Projektion von doppelbreitem 70mm-Film.
In Karlsruhe gibt es ein eigenes Festival, in Hamburg wurde im vergangenen Jahr das älteste europäische "Todd-AO-Theater", das Savoy wieder eröffnet. Todd-AO: Auch das ist so ein Zauberwort für Filmliebhaber, benannt nach Liz Taylors früh verstorbenem Gatten Michael Todd, der den breiten Filmstreifen sogar mit der erhöhten Filmfrequenz von 30 Bildern pro Sekunde durch die Maschine jagte.
Auf der Berlinale kann man das Format in zwei Kinos erleben, im gewaltigen Kinopalast einer ebenfalls untergangenen Republik und im modernen Multiplex, dem Cinestar im Sonycenter. Lange hatten Filmfreunds die Berlinale zu einer 70mm-Retrospektive gedrängt, die auf der größten erhaltenen Todd-AO-Leinwand im Berliner Royal-Palast hätte stattfinden sollen. Schließlich wurde die größte Filmleinwand auf dem Kontinent mitsamt seiner 32 Meter breiten, gewölbten Leinwand abgerissen und wird seither von Anhängern des Breitwandfilms betrauert.
"Wer die damals noch intakten - anstatt neu restaurierten - Kopien dort sehen konnte", erinnert sich der Berliner Filmsammler Jean-Pierre Gutzeit, "dem ist die Erinnerung wie ein Impfstoff inhärent." Für Gutzeit, der bedauert, dass sich die Kuratoren fast ausschließlich für neugezogene Kopien entschieden, ist der ideale Zeitpunkt dieser Retrospektive längst verpasst.
Es ist eine Glaubensfrage unter Cinephilen: Will man lieber die letzten erhaltenen Originalkopien bewundern, solange ihr fortschreitender Verfall das zulässt, oder sogenannte Restaurierungen, die auf modernem Material gezogen werden und nicht immer auf das ursprüngliche Kameranegativ zurück greifen können? Eine über weite Strecken unscharfe und kontrastarme Restaurierung des Musicals "The Sound of Music" gab Gutzeit recht. Eine hinreißende Neukopie des Kriegsfilms "Patton" mit George C. Scott als Panzergeneral mit Cäsarenattitüde dafür der Gegenseite: Regisseur Franklin J. Schaffner treibt ein manchmal fast ironisches Spiel mit dem superscharfen Focus: Wenn der Protagonist zum Vorspann als Miniaturfigur vor einem riesigen Sternenbanner eine Rede hält, wird nicht nur der Bildträger bis zum letzten (unsichtbaren) Körnchen ausgereizt: Auch der obligatorische Sechskanal-Stereoton bildet seine Bewegung punktgenau ab.
Niemand, der vorab über diese Retrospektive berichtete, konnte den tatsächlichen Eindruck der Filme vorhersehen. So sind viele 70mm-Filme offensichtlich gar nicht so sehr mit Blick auf die Bildwirkungen produziert, sondern wegen des magnetischen Stereo-Tons.
Die größte Entdeckung ist ein sowjetischer Film der 1969 entstand: "Die Sterne des Tages" ("Dnewnyje Swjosdy") ist ein avantgardistischer Propagandafilm, stilistisch nicht weit vom frühen Tarkowskij. Regisseur Igor Tarankin nutzt den Stereoton vorrangig, um den Gedichten der Leningrader Lyrikerin Olga Bergholz angemessenen Raum zu verschaffen. Während auf fünf Tonspuren schon mal ein präpariertes Klavier spielt wie bei John Cage, herrscht auf dem Bildstreifen ein verwegener poetischer Realismus, der wie im Delirium durch die Zeiten springt. "Eine aufwendige Gefühlsoper" urteilte Wolfram Schütte damals in unserer Zeitung über das nicht immer geschmackssichere, aber fraglos einzigartige Filmpoem.
Bigger than Life, tatsächlich: Mit 70mm ließ sich einfach alles überhöhen. Nicht nur die Südseereise der "Bounty", das ertanzte New York der "West Side Story" oder die unendlichen Weiten von Kubricks Weltraumodysse "2001". Auch für das Pathos einer patriotischen Lyrikerin der Stalinzeit war das teure Material 1969 offensichtlich leicht zu bekommen. Man wünschte sich mehr solcher Entdeckungen. Auch wenn selbst bei den bekanntesten Filmen ein Wiedersehen immer ein Neusehen bedeutet.