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Rheingau Musik Festival: Aus der Gaumenstadt

Lyon kann delikat sein, aber manchmal eben auch nur ein Ring Wurst: Der extraelegante Pianist Jean-Yves Thibaudet zu Gast beim Rheingau Musik Festival mit dem Orchestre National de Lyon. Von Stefan Schickhaus

Der französische Pianist Jean-Yves Thibaudet spielte mit dem Orchestre National de Lyon beim Rheingau Musik Festival.
Der französische Pianist Jean-Yves Thibaudet spielte mit dem Orchestre National de Lyon beim Rheingau Musik Festival.
Foto: Decca

Lyon gilt den Franzosen als Sitz des Geschmackssinns. Die "Gaumenstadt" wird sie genannt. Es ist die Stadt des Paul Bocuse und die Heimatstadt nicht nur des tastensensiblen Pianisten Pierre-Laurent Aimard, sondern auch seines extraeleganten Kollegen Jean-Yves Thibaudet. Der war jetzt mit dem Orchestre National de Lyon unter dessen Chefdirigenten Jun Märkl zu Gast beim Rheingau Musik Festival im Wiesbadener Kurhaus, und man bekam von ihnen sensorisch vorgeführt: Lyon kann delikat sein, aber manchmal eben auch nur ein Ring Wurst.

Ein Gershwin wie von Ravel

Was bei Thibaudet, den man gerne und nie respektlos einen Tasten-Dandy nennt, auffällt: Der 1961 in Lyon geborene Pianist spielt selten ein Klavierkonzert aus dem populärsten Standard, dafür Werke aus Nebenlinien. In Wiesbaden war George Gershwin an der Reihe und dessen "Concerto in F", kultivierter Jazz-Einfluss in klassischem Ambiente. Thibaudet hat sich in seiner Karriere auch an den reinen Jazz gewagt. Doch das Gershwin-Konzert nahm er formvollendet, ja kühl abgezirkelt, schmutzige Noten wird es bei diesem Pianisten ohnehin nicht geben. Der Adagio-Satz kam klassisch dramatisiert, pointiert, aber streng. Thibaudet spielt Gershwin, als wäre es Ravel - also delikat und mit Esprit.

Nach dem Kopfsatz des F-Dur-Klavierkonzerts war Jun Märkl, seit 2008 Chef der Lyoner, kurz von seinem Dirigentenpodest gestiegen und hatte es näher zu seinem Solisten geschoben. Doch wirklich nah an den klanglichen Feinsinn Thibaudets kam er nicht. Gegen die doch recht plump instrumentierte Gershwin-Partitur konnte Märkls Orchester wenig Transparentes stellen.

Das Orchestre National hatte es aber auch deswegen besonders schwer, weil erst gut eine Woche zuvor am gleichen Ort die Staatskapelle Dresden die nämlichen sinfonischen Programmpunkte in enormer Qualität präsentiert hatte: Von Felix Mendelssohn erst eine Ouvertüre (hier: "Die Hebriden") und anschließend die dritte Sinfonie, die "Schottische". Märkl wollte viel von seinem Orchester, vielleicht zu viel. Sein Mendelssohn war mit Tempowechseln und Binnen-Ritardandi durchgearbeitet und strukturiert, was aber auf Kosten von Fluss und dem typisch Mendelssohn-schen Mühelosen ging. Zerdehnt wirkte die langsame Einleitung der "Schottischen", obwohl mit "con moto" bezeichnet; ganz anders, wesentlich gelungener, weil leicht atemlos und fiebrig dagegen der zweite Satz. Recht topfig und blass klang der Lyoner Mendelssohn, zu viel Erde und zu wenig Luft. Nicht jedermanns Geschmack.

Autor:  Stefan Schickhaus
Datum:  23 | 7 | 2009
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