Herr Schäfer, Sie haben zuletzt als Oberarzt in der Unfallchirurgie der Uniklinik Marburg gearbeitet. Was hat Sie dazu veranlasst, nach elf Jahren die Klinik zu verlassen
Ich bin nicht mehr damit klar gekommen, dass der Profit über den Patienten gestellt wird.
Woran macht sich das bemerkbar?
Für eine Krankheit kann man nur einen Diagnoseschlüssel anwenden, an dem sich der Gewinn berechnet. Danach richtet sich auch, wie der Patient weiter behandelt wird. Zum anderen sind lukrative Patienten, die als Wiederkommer Geld bringen, gerne gesehen, die anderen nicht.
Welche Krankheitsbilder sind denn nicht lukrativ?
Leichte Verletzungen mit Problemwunden, zum Beispiel, bedeuten einen hohen Aufwand an Zeit und Material, für das die Kosten nicht gedeckt sind.
Was passiert mit diesen Patienten?
Nach der Erstbehandlung schickt man sie in den niedergelassenen Bereich.
War das der Hauptgrund Ihrer Kündigung?
Nein. Doch der Hauptgrund war ein anderer. Ich kenne die Uni sehr lange, war vor dem Studium hier schon als Krankenpfleger tätig. Besonders auffällig war, dass nach der Privatisierung die Rund-um-die-Uhr-Versorgung der Patienten immer schlechter geworden ist. Schuld ist im wesentlichen der Mangel an Pflegepersonal. Die ganze ärztliche Kunst nutzt nichts, wenn es zu wenig Pfleger gibt, die die Anordnungen umsetzen. Da bleibt der Patient auf der Strecke. Können Sie den Mangel an Pflegkräften beziffern?
Bis zu meinem Weggang lagen die durchschnittlichen angelaufenen Überstunden im Pflegebereich bei zirka 40.000, rechnet man dies auf eine 40-Stunden-Woche pro Schwester/Pfleger und Jahr um, ist es leicht zu ermitteln wie viele Pflegekräfte in diesem Haus fehlen.
Das heißt, Ihre Kritik geht in Richtung Management?
Das ist mir ganz wichtig. Ich will keine Kollegenschelte betreibe. Ich habe eine Hochachtung vor allen, die dort arbeiten, weil ich weiß, wie viel sie arbeiten müssen. Das geht weit über das normale Maß hinaus. Das Benchmarking von Rhön ist schuld, das zwischen den Personalstärken einer Uniklinik und eines Kreiskrankenhauses keinen Unterschied macht.
Haben Sie als Betriebsratsmitglied auf das Problem hingewiesen?
Ich habe mehrfach gesagt, dass das Klinikum in der Außenwirkung zunehmend schlechter dasteht. Das ist von der Leitung negiert worden. Es hieß, man habe genug Dankschreiben, die das Gegenteil beweisen. Gegen solche Totschlag-Argumente lässt sich nichts setzen. Ganz krass waren meine Erfahrungen als leitender Notarzt für den Landkreis Marburg-Biedenkopf. Es tat mir richtig weh, dass richtig kranke Patienten einen Bogen um die Uniklinik machten. Das war früher anders.
Aber die Klinikleitung brüstet sich mit steigenden Patientenzahlen, großer Zufriedenheit. Wie passt das Ihrer Meinung nach zusammen?
Eigentlich gar nicht. Der Klinikbetreiber Rhön hat gegen die Mitarbeiter einen Maulkorb erlassen. Wenn etwas Kritisches nach außen dringt, sucht man so lange, bis man eine Person findet, die man öffentlich opfern kann. Damit ist das Problem nicht gelöst, aber vom Tisch.
Haben außer Ihnen auch andere Ärzte der Universitätsklinik gekündigt?
Wer die Möglichkeit hatte, ist gegangen. Das ist besorgniserregend. Ganz viele arbeiteten in Funktionsbereichen, die sie alleine ausgefüllt haben. Einige Abteilungen sind richtig ausgeblutet. Man hat versucht Klasse durch Masse zu ersetzen, viele junge Kollegen eingestellt. Das ist abträglich für die Qualität. Bis ein Arzt ein guter Arzt wird, braucht es lange Zeit und sehr viel Erfahrung.
Rhön hat die Zahl der Intensiv-Betten stark erhöht. Wie passt das ins Konzept?
Früher waren Intensiv-Stationen eher der Verlustbringer. Die Einführung der Fallpauschalen hat dazu geführt, dass man eine Abteilung rentabel oder gar gewinnbringend führen kann.
Es gib Stimmen wonach Notruf 113 gegründet wurde, weil Niedergelassene um ihre Pfründe fürchten. Denn Rhön drängt auch in die ambulante Versorgung. Was sagen sie dazu?
Das ist reines Ablenkungsmanöver. Letztlich kann es dem niedergelassenen Kollegen egal sein, ob er für Rhön arbeitet oder in einer selbstständigen Praxis. Er bekommt das gleiche Geld. Ärzte sind Mangelware und in unserer Initiative sind auch Bürger, die nicht in medizinischen Berufen arbeiten. Der Punkt ist die wachsende Patienten-Unzufriedenheit, die uns Niedergelassenen zugetragen wird.
Worüber klagen die Patienten?
Es gibt welche, die sagen: Da will ich nie wieder hin. Die Gründe sind meist nicht in der ärztlichen Behandlung zu suchen, sondern im Umfeld der Uniklinik. Die Patienten fühlen sich abgefertigt, alleine gelassen, viele haben mittlerweile Angst in der Klinik. Sagen: Bis einer kommt, bin ich schon tot. Die gehen lieber in ein kleineres Kreiskrankenhaus und nehmen die Nachteile in Kauf.
Was könnte passieren, wenn Rhön seine Ankündigung wahr macht, Medizinische Versorgungszentren (MVZ) gründet, und damit auch die ambulante Versorgung übernimmt?
Derzeit gibt es noch Patienten, für die die Klinik weniger Geld bekommt als die Niedergelassenen. Ein Teil von dem Verlust tragen die Hochschul-Ambulanzen, die vom Land finanziert werden. Reichen die Kapazitäten nicht aus, schickt man sie zu den Niedergelassenen. Wenn Rhön Medizinische Versorgungszentren betreibt, kommt es an die niedergelassenen Facharzt-Sitze ran.
Dann wäre die gesamte Gesundheitsversorgung also in einer Hand, die freie Arztwahl verloren?
Ja. Die gibt es dann nur noch auf dem Papier. Rhön hätte das Monopol für den gesamten Landkreis und der Patient geht zum Niedergelassen, der Büttel von Rhön ist.
In zwei Jahren fällt die Niederlassungsbegrenzung. Was wird die Folge sein?
Dann kann jeder Arzt eine Praxis eröffnen, wo er will. Wenn dann eine Monopolist auf die Bühne tritt, der seine Patienten von der Klinik in die MVZ und umgekehrt überweist, kommt der Patient aus dem Regelkreis nicht mehr raus, sofern er ortsgebunden ist - zum Teil ohne sich dessen bewusst zu sein.
(Interview: Jutta Rippegather)

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick
Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.
Facebook | Twitter überregional | Google+