Zwei Wochen, sagt Hendrik Eckert, habe die Rückenschmerz-Patientin im Marburger Universitätsklinikum gelegen. Entlassen worden sei mit Korsett, aber ohne Diagnose. Fast jeden Freitagnachmittag kämen Patienten in die Notdienstzentrale, weil sie ohne Rezept oder Medikamente die Klinik verließen - "zum Teil sogar ohne Arztbrief".
Und noch etwas sei mittlerweile nahezu die Regel: "Die Befundberichte sind ungenau und nicht überdacht. Jeder Patient hat einen Kaliummangel." Das könne nicht sein. "Aber jede Diagnose bringt der Klinik eine Fallpauschale, also Vergütung."
Der börsennotierte Konzern erwirtschaftete 2007 einen Umsatz von zwei Millarden Euro. Morgen präsentiert er seine Bilanz für 2008.
Er betreibt 48 Kliniken an 37 Standorten in neun Bundesländern: Das Spektrum reicht von Häusern der Grundversorgung bis zur Suchtklinik.
Die Übernahme der bundesweit ersten privatisierten Universitätsklinik in Gießen und Marburg erfolgte im Jahr 2006.
Den Aufsichtsrat führt Eugen Münch an. Prominente Mitglieder sind der SPD-Politiker Karl Lauterbach und Brigitte Mohn, Vorstandmitglied der Bertelsmannstiftung.
Von 1996 bis 2002 gehörte auch der jetzige Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) dem Aufsichtsrat an.
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Für den Landarzt aus dem mittelhessischen Ebsdorfergrund ist die Lage eindeutig: Seit der Privatisierung fehle den Ärzten im Universitätsklinkum die Zeit, genaue Befundberichte zu schreiben. Die Fallzahlen stiegen, obgleich die Zahl der behandelnden Ärzte - wie die Dauer der stationären Aufenthalte - gesunken sei. "Diese drei Faktoren zusammen führen notwendigerweise zu einer Verschlechterung der ärztlichen Versorgung."
Der "Notruf 113" wagt sich an die Öffentlichkeit
Eckert ist einer von 16 Unterzeichnern eines Briefs an die Frankfurter Rundschau, der dem Rhön-Konzern abspricht, sich "dem Gemeinwohl" verpflichtet zu fühlen. "Die Qualität der Versorgung im ambulanten und stationären Bereich der Unikliniken hat sich verschlechtert", schreiben sie. "Es hat sich eine Drehtürmedizin etabliert, die insbesondere die komplizierten, nicht standardisierbaren Patienten nicht mehr so behandelt, wie wir dies an Universitäten gewohnt waren."
Das Gros der Gruppe, die sich Notruf 113 nennt, besteht aus in der Region niedergelassenen Ärzten. Mit dem Schreiben wagen sie sich erstmals als Kritiker des privatisierten Uniklinikums aus der Anonymität. Ihr Ziel ist Aufklärung der Öffentlichkeit über die Strategie des Klinikbetreibers, seine Verflechtungen mit der Politik und die Folgen für die Patienten.
Politiker schalten sich ein
Seit Monaten berichtet die FR über Klagen aus der Bevölkerung, Ärzteschaft und von Beschäftigten. Die Landespolitiker der SPD und Grünen fordern Aufklärung, die FDP kündigte an, mit der Rhön-Konzernleitung zu sprechen. Georg Schulze-Ziehaus von der Gewerkschaft Verdi fordert jetzt als Minimum, die Intensivstationen mit denen der Uniklinik Frankfurt zu vergleichen.
Vize-Vorstandsvorsitzender Gerald Meder ist skeptisch. Er teilte gestern der FR auf Anfrage schriftlich mit: "Wegen unterschiedlicher Strukturen in der Organisation, der Betreuung der Patienten, der Stationen und der Größe ist ein solcher Benchmark schwierig."
Seinen Angaben zufolge hat die Uniklinik in den vergangenen Monaten "die Stellen kontinuierlich zugunsten des ärztlichen und pflegerischen Personals ausgebaut".
Zu einer Entspannung auf den unterbesetzten Stationen hat dies nicht geführt, sagt eine Krankenschwester, die auf Furcht vor Repressionen anonym bleiben will: "Die Neuen sind in den neuen Intensivstationen eingesetzt, wo man am meisten Geld verdient."
Auch der Verdi-Mann ist nicht zufrieden: "Die Neubesetzungen reichen nichts aus." In der Vergangenheit habe der Rhön-Konzern zu viele Stellen reduziert. "Der Personalabbau liegt über dem vergleichbarer Häuser."

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