kalaydo.de Anzeigen

Rhön-Klinikum Marburg-Gießen: Ärzte haften für Überstunden

Der Chefarzt der Neuro-Radiologie des privatisierten Universitätsklinikums Marburg hat in zwei Monaten 240 Überstunden angeordnet, ohne den Betriebsrat zu fragen. Der Prozess endet mit einem Vergleich. Von Jutta Rippegather

Der drohende Stellenabbau an den Unikliniken Marburg und Gießen beschäftigt Mitarbeiter und Öffentlichkeit.
Der drohende Stellenabbau an den Unikliniken Marburg und Gießen beschäftigt Mitarbeiter und Öffentlichkeit.
Foto: dpa

Der Chefarzt der Neuro-Radiologie des privatisierten Universitätsklinikums Marburg sah keine andere Möglichkeit. Ohne Überstunden sei die Patientenversorgung gefährdet, sagte Siegfried Bien in der Verhandlung vor dem Arbeitsgericht Marburg. Von den 10,5 Ärzte-Stellen in seiner Abteilung seien gerade einmal 4,5 besetzt. Keiner bewerbe sich, stattdessen habe ein weiterer Arzt gekündigt. Das war Anfang September. Inzwischen, sagte Bien auf Anfrage der FR, gebe es ausreichend Interessenten für die vakanten Posten.

240 Überstunden hatte er alleine in seiner Abteilung in den Monaten Januar/Februar angeordnet, ohne den Betriebsrat zu fragen. Der Prozess vor dem Arbeitsgericht endete mit einem Vergleich: Ordnet Bien nochmals eigenmächtig Überstunden an, muss das Klinikum pro Tag und Person 100 Euro an den Eltern-Kind-Verein zahlen. Der Arzt geht davon aus, dass er die Strafe aus eigener Tasche bezahlen müsste. Und nicht nur er. Nach Informationen der FR hat die Geschäftsleitung in Marburg allen Chefärzten angedroht, für möglicherweise anfallende Strafen persönlich haften zu müssen. "Wir sollen den Ablauf halt besser organisieren", berichtet ein Chefarzt, der aus Furcht vor Repressionen anonym bleiben will, von dem Gespräch, .

Es brodele nicht nur unter seinen Kollegen. "Es kocht." Sie fühlten sich massiv unter Druck gesetzt. Der Rhön-Konzern bringe sie in eine Zwickmühle: "Wir fürchten um die Versorgung unserer Patienten, dass Mitarbeiter, Wissenschaft und Forschung noch mehr als bisher leiden. "

In Marburg lag der Stand der Überstunden des ärztlichen Dienstes Ende Juni bei rund 30.000, in Gießen sogar bei 63.000. In erster Linie soll Mehrarbeit abgefeiert werden. "Dies reduziert aber nochmals die ohnehin schon viel zu dünne ärztliche Personaldecke", sagt der Chefarzt. Der Rhön-Konzern hatte Anfang 2006 die bundesweit erste privatisierte Universitätsklinik übernommen.

250.000 Überstunden hatte die gesamte Belegschaft der beiden Standorte bis Ende Juni angesammelt. Ein Zustand, den die Mitarbeitervertretung zum Einschreiten zwang. "Die Geschäftsleitung soll mehr Personal einstellen oder die Leistungen herunterfahren", fordert die Marburger Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher. Ein Fortschritt sei die Betriebsvereinbarung, die für Gießen noch verhandelt wird, für Marburg aber bereits in Kraft getreten ist. Demnach muss der Betriebsrat über alle planbaren Überstunden zwei Wochen im Voraus informiert werden, über die anderen zumindest im nachhinein.

"Allein in der Pflege in Marburg haben die Angestellten 47000 Überstunden aufgebaut", sagt Böttcher. Wie diese bei der wachsenden Zahl an Schwerkranken, alten und dementen Patienten in Freizeit abgegolten werden sollen, sei ihr angesichts der wachsenden Arbeitsverdichtung schleierhaft. Zudem habe der Konzern bei der Übernahme die meisten Zeitverträge nicht verlängert. Die Folge: Es fehle an erfahrenem Personal, die frisch examinierten Kräfte seien in Notfällen überfordert. Jetzt suche Rhön händeringend Personal, habe bundesweit Stellen ausgeschrieben. "Doch der Arbeitsmarkt ist leer." Viele Pfleger und Ärzte seien wegen der besseren Bezahlung ins Ausland abgewandert.

Die Geschäftsführung hingegen ist guter Hoffnung, das Problem Überstunden bald gelöst zu haben. "Wir haben den Kurs des Personalaufbaus kontinuierlich weitergeführt", versichert Sprecherin Doris Benz.

Autor:  Jutta Rippegather
Datum:  18 | 9 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Regionale Startseite
Ressort

Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick


Nachrichten aus Frankfurt und Rhein-Main

Spezial
Beschäftigte des Druckmaschinen-Herstellers Manroland demonstrieren vor der Allianz-Niederlassung in Frankfurt. Allianz und MAN haben dem angeschlagenen Konzern den Geldhahn zugedreht.

Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.

Anzeige

Top Stellenangebote

Anzeige

 
Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!
Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

 

Eintracht Frankfurt
Im März 2010 war Bastian Oczipka von Bayer zum FC St. Pauli ausgeliehen.
Linksverteidiger 
Turkish Airlines ist als Sponsor im Gespräch.
Eintracht Frankfurt 
        

In seinen Hochzeiten auch Eintracht-Kapitän: Chris.
Eintracht Frankfurt 
Eintracht Frankfurt zieht Bilanz 

Frankfurter Rundschau im Abo