Hinter Ana Cristina Gomes da Silva türmen sich Zementsäcke und Farbdosen, über ihr hängen Wasserhähne und Klospülungen. Sie führt den Baumarkt MIU Construções, und der hat erstmal 40 Prozent Umsatz verloren, nachdem vergangenen November in Cidade de Deus neue Zeiten anbrachen. "Ich wusste nicht mehr, wie ich die Lieferanten bezahlen sollte, nachdem sie raus waren", sagt Ana Cristina; mit "sie" sind die Drogenhändler gemeint.
Die riesigen Summen, die die Drogenbosse mit dem Verkauf von Kokain und Marihuana verdienen, zirkulieren praktisch nur in der Favela. Die Chefs, die dort schwer bewaffnet durch die Straßen spazieren, verlassen ihren Herrschaftsbereich nie. Sie und ihre Familien kaufen alles in der Favela. Sie sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, nicht nur für die Baumaterial-Branche.
Dennoch ist Ana Cristina heilfroh, dass "sie" verschwunden sind. "Meine Tochter geht auf die Uni, die hat mich jeden Abend angerufen und gefragt, ob sie nach Hause kommen kann, und so und so oft habe ich gesagt, bleib´ draußen, hier wird geschossen, schlaf´ bei deinem Freund. Das war unsere Routine."
Und jetzt? "Ein radikaler Wandel in unserem Leben. Ich hoffe bloß, dass es so bleibt." Im übrigen ist der Umsatz wieder gestiegen. "Hier bei uns ist es jetzt friedlich. Die Leute bauen aus und bauen an, es ziehen sogar neue Bewohner nach Cidade de Deus", der Stadt Gottes, die durch den Film "City of God" bekannt geworden ist, der 2004 für vier Oscars nominiert wurde.
Der Umschwung kam mit der Polizei. In ein halbes Dutzend Favelas von Rio rückten die Beamten ein, und das Allerwichtigste: Sie blieben. In Cidade de Deus, wo die Drogenbanden am heftigsten Widerstand leisteten, ist das Kontingent an Militärpolizisten im August noch mal auf jetzt 275 Mann aufgestockt worden. An vielen Ecken stehen sie neben ihren blau-weißen Streifenwagen, zu zweit, zu dritt, in kugelsicheren Westen; ein bemerkenswerter, weil seltener Anblick in Rios Favelas.
"Reingegangen sind wir früher auch", sagt Hauptmann Diego Senna, "aber da gab es praktisch jedes Mal einen bewaffneten Konflikt". Die Formel für die neue Friedlichkeit heißt UPP, das Kürzel für Polizeiliche Befriedungs-Einheit.
Das Konzept beschreibt die Dauer-Präsenz einer bürgernahen Polizei, die "den Bewohnern mit Respekt und Rücksichtnahme gegenübertritt, sie mit Würde behandelt und niemanden misshandelt", erläutert Senna, 27, und indem er dieses Verhalten herausstreicht, umreißt er zugleich, wie die als brutal verschrienen Ordnungshüter Rios normalerweise mit den kleinen Leuten in den Favelas umspringen.
In einem der Polizeiwagen, bei denen der Lack dort, wo die heruntergelassene Scheibe in der Tür verschwindet, von herausgestreckten Gewehrläufen abgekratzt ist, fährt Senna durch Gottes Stadt.
Vor manchen Häusern - viele erbärmlich ärmlich, andere ganz ordentlich - hängen Vogelkäfige auf der Straße. Kinder spielen in Haufen aus Bauschutt und Müll, ein Schwein grunzt, Geier beobachten die Szene. Früher spielten Kinder hier nicht auf offener Straße.
Der Rio Grande, der durch die Favela fließt, glänzt schwarz vor Dreck, was womöglich weniger am Viertel als an Industrieanlagen und Chemiefabriken in der Nachbarschaft liegt.
Wo der Fluss sich dem Horizont nähert, ragt das bürgerliche Rio in den blauen Himmel, die Apartment-Blocks des Reichen-Viertels Barra.
Der Ingenieur Gilson Carvalho ist der für Barra zuständige Chef von RioLuz, der städtischen Straßenbeleuchtungsfirma, und eigentlich gehört Cidade de Deus auch zu seinem Amtsbereich.
Aber "wir kamen früher nicht rein", sagt er. Und wenn eine Straßenlampe kaputtging? "Dann blieb sie kaputt." Jetzt werde die Beleuchtung erneuert und verstärkt.
"Hier brauchen die Leute nicht nur die Polizei, die brauchen alles", sagt Senna. Nachdem das staatliche Gewaltmonopol wieder hergestellt ist, rücken nun also auch die zivilen Institutionen des Staates nach.
Müllmänner beseitigen die zahllosen Haufen aus Abfalltüten, Häuser werden an die Wasserleitung angeschlossen. Neben dem Hauptquartier der Polizei steht ein zwanzig Meter hoher Mast, es ist die drahtlose Internet-Verbindung für die ganze Cidade de Deus.
In die "Escola de amanhã", eine Art Volkshochschule, wird wieder Geld gesteckt, und außer der alten, einfachen Kinderkrippe entsteht gerade eine neue, ein ansprechender Bau mit einem kühn gekrümmten Dach, keine Arme-Leute-Architektur.
Der von den Drogenbossen eingesetzte Monopolist für den Verkauf von Kochgas ist verschwunden, jetzt herrscht Konkurrenz bei gesunkenen Preisen. Das schwarze Kabel-TV-Geschäft ist den legalen Anbietern gewichen; ein Vertreter der Firma Sky schließt monatlich 70 neue Verträge ab, obwohl das legale Fernsehen dreimal so teuer ist wie das illegale.
Cidade de Deus entstand vor bald 50 Jahren als Mustersiedlung für Leute mit kleinem Einkommen. Aber 1966 wurde das halbfertige Viertel hektisch besetzt von den Opfern einer Überschwemmungskatastrophe, und nach und nach verloren die Behörden die Kontrolle.
Durchschnitten von einer Stadtautobahn, ist es angeblich nur 120 Hektar groß. Die Angaben über die Bewohnerzahlen schwanken zwischen 38.000 und 130.000.