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Roehlers "Jud Süss": Noch nie waren fünfe so gerade

Die Pressevorführung wurde durch Buh- und Pfui-Rufe unterbrochen: Nein, eine Parodie wollten die Filmemacher gar nicht machen, aber das ist schwer zu glauben. Von Daniel Kothenschulte

Oskar Roehler und Moritz Bleibtreu (im Hintergrund) auf der Berlinale.
Oskar Roehler und Moritz Bleibtreu (im Hintergrund) auf der Berlinale.
Foto: ddp

Werner Krauß findet es "nicht ganz kosher", gleich fünf Juden zu spielen in Veit Harlans Propagandafilm, aber er zögert nicht. Schließlich droht Goebbels, allen Unwilligen "die Leviten zu lesen". Mit etwas kokettem Jiddisch in den Dialogen von Promimenten des NS-Staats beginnt Oskar Roehlers Film "Jud Süss - Film ohne Gewissen". Die jüdischen Figuren, die später tatsächlich etwas Leinwandzeit bekommen, haben weniger zu lachen. Sie sind frei erfunden, wie die "Vierteljüdin", mit der "Jud Süss"-Darsteller Ferdinand Marian angeblich verheiratet war, damit er im Film leichter erpressbar erscheinen kann.

Oder der von Heribert Sasse gespielte Komiker Adolf Deutscher, der nur in der Geschichte vorkommt, damit Marian auch einen jüdischen Freund hat. Oder die Arbeitssklavin, die jüdische Lieder singt, während sie in der Pose eines sozialistischen Pin-ups das Fundanment des Lagers Auschwitz schaufelt. Wer hätte gedacht, dass man heute noch einmal in Deutschland einen antisemitischen Film mit "Jud Süss" im Titel machen würde?

Nach einer in Buhs und Pfui-Rufen unterbrochenen Pressevorführung äußerten sich die Filmemacher, und man war überrascht zu hören, dass Roehler keine poppige Farce im Sinn hatte, sondern darauf bedacht war, historisch alles korrekt zu machen. Tatsächlich waren Fünfe noch nie so gerade wie in diesem Melodram über die "Tragik des Ferdinand Marian" (Roehler), jenes NS-Stars, der im Film erst gegen seinen Willen als Propaganda-Ikone missbraucht wird, um danach von Goebbels (ähnlich nur im rheinischen Zungenschlag: Moritz Bleibtreu) verstoßen zu werden.

Das indes ist schon gelogen. Tatsächlich drehte Marian noch zehn weitere Filme, darunter einen der anerkannten Kunstfilme der NS-Zeit, "Romanze im Moll" von Helmut Käutner. Kein Blödsinn bleibt erspart, kein Klischee des Nazi-Camp wird ausgelassen.

Nein, eine Parodie wollten die Filmemacher gar nicht machen, aber das ist schwer zu glauben. Alle Veränderungen, die darauf abzielen, Marian, den Täter, zum Opfer zu stilisieren, seien "einer höheren künstlerischen Wahrheit" geschuldet, so sieht es Drehbuchautor Richter. Roehler verstieg sich zu der nicht ganz aus der Luft gegriffenen Feststellung, auch die heutige deutsche Filmszene habe ihn an die Goebbels-Zeit erinnert in ihrem Buhlen um Geld, umgeben von Industriellen, "die genau so sind wie damals".

Einen Unterschied immerhin gibt es: Der Filmförderfond von Staatsminister Bernd Neumann bestimmt nicht, welche Filme gemacht werden sollen. Das Geld kommt automatisch.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  19 | 2 | 2010
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