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Roter Teppich: Gefangene des Kinos

Roman Polanski, aus strafrechtlichen Gründen nicht auf der Berlinale, ist Trendsetter: Die Filmfestspiele stehen im Zeichen des sympathischen Sträflings. Von Frank Junghänel

Spielt im Eröffnungsfilm Ghostwriter von Polanski: Monica Mo
Spielt im Eröffnungsfilm "Ghostwriter" von Polanski: Monica Mo
Foto: afp

Vor ein paar Tagen brachte die Post einen Umschlag, in dem ein schwarzes Notizbuch steckte. Es ist nur in Kunstleder gebunden, aber so ist das beim Film: Hauptsache, es sieht nach was aus.

Es trägt die Aufschrift "Der Ghostwriter" und wurde versandt von einer Werbeagentur, die auf jenen Film aufmerksam machen möchte, der im Wettbewerb läuft. Der ist aber ein Selbstläufer. Der abwesende Regisseur Roman Polanski sorgt im Moment für größere Aufregung als zehn anwesende Renée Zellwegers.

Polanski sitzt wegen einer Straftat, die er vor dreißig Jahren in den USA verübt hat, in seinem Schweizer Exil fest. Er trägt eine elektronische Fessel, die wie ein iPod aussieht, aber andere Features bietet. Beim Überschreiten einer Grenze würde das Gerät wahrscheinlich Alarm bei den US- amerikanischen Streitkräfte auslösen. Die aber sind, Berlinale hin, Berlinale her, mit Drohnen schnell bei der Hand. Dieses Risiko wollte Festivalchef Dieter Kosslick, der sonst für jeden Spezialeffekt zu begeistern ist, denn doch nicht eingehen. Polanski muss draußen bleiben.

Single-Dasein als Strafe

Sein Schicksal weist aber auf einen Trend hin. Das Berlinale-Geburtstagsfest steht ganz im Zeichen des sympathischen Sträflings. Beim Durchblättern des Programmheftes findet man in den Personalangaben der Wettbewerbsfilme Formulierungen wie "professioneller Bankräuber", "frisch entlassener Häftling", "Ex-Häftling". Wir begegnen Ali, "erst vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen", und als Subgenrefiguren gibt es die, die in ihrem eigenen Körper gefangen sind, eine "geisteskranke Mörderin" und den "psychopathischen Sadisten".

Wäre das nicht schon schlimm genug, spielt auch noch ein "Single um die vierzig" mit, der seinen Platz im Leben sucht. Das ist auch eine Strafe. Angesichts dieser Auswahl darf man weiteren Werbegeschenken erfreut entgegen sehen. In "Der Räuber" wird zum Beispiel die Geschichte von Pumpgun-Ronnie erzählt. Wenn demnächst eine längliche Schachtel beim Pförtner abgegeben wird, soll sich keiner wundern. Morgen läuft "Shutter Island" mit Leonardo DiCaprio. Er spielt in einer Irrenanstalt. Eine Zwangsjacke ist eigentlich schick.

Autor:  Frank Junghänel
Datum:  12 | 2 | 2010
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