Der Braumeister Max Sachs ist ein Mann wie ein Bier. Gerstenblonde Haare und ein schaumfarbener Stoppelbart ragen aus einem hopfengrünen Trenchcoat, und wenn Sachs zu reden beginnt, hallt der freundliche Dialekt des oberfränkischen Kulmbach durch sein blitzblankes Sudhaus. Der Braumeister Max Sachs ist ein besonnener Mann. Seit genau 22 Jahren verrichtet er mitten im Schwarzwald, 1000 Meter über Normalnull, sein Handwerk. Er findet nichts Besonderes dabei. Gelegentlich erhält er Fanpost von schlichter Poesie aus Freiburg oder Castrop-Rauxel, einmal schrieb einer an die Rothaus Brauerei, Max Sachsens Arbeitgeber: "Ihr Braumeister muss Gott persönlich sein." Sachs fand das peinlich. "Ich lauf\' ja hier nicht mit Mönchskutte rum und sing den ganzen Tag Hosianna." Das lässt er lieber andere tun.
Es ist ein Vormittag Anfang April. Unten im Flachland, in Freiburg, München und im nahen Grenzort Grenzach-Wyhlen, fläzen sie sich schon wieder mit Spaghettiträgern, Sandalen und Gerstenkaltschale in der Sonne. Hier oben aber, im Dickicht von Rottannen, hat der Winter das Land noch im Griff. Verharschte Schneefelder drücken auf die Wiesen, Hochnebel liegt über den Weilern Rothaus und Brünlisbach und verleiht der altrosa Trutzburg des Brauereigebäudes an der Weggabelung etwas Verruchtes.
Alle paar Minuten schlendert ein Handwerker durch das Tor und verschwindet zwischen dicken Mauern, irgendwo hinten grollt dumpf ein Bagger. Ansonsten ist alles so, wie es schon die Alten sungen: "Das schönste Land in Deutschlands Gau\'n, das ist mein Badner Land, es ist so herrlich anzuschauen und ruht in Gottes Hand." So geht sie los, die inoffizielle Hymne von Deutschlands erfolgreichstem Staatsbetrieb. Und das mit der Ruhe ist wörtlich zu verstehen.
Seit bald 217 Jahren brauen sie hier in der Abgeschiedenheit des Hochschwarzwaldes ihr herbes Nassgold. Im Grunde hat sich seit den Tagen, als Fürstabt Martin Gerbert Am Roten Haus die erste Maische vergären ließ, nicht viel an der Unternehmensphilosophie geändert. Dem Braumeister ward damals auferlegt, er dürfe "unter keinem derlei Vorwande ein schlechtes Bier" erzeugen und habe "den Debit und Ruhm der Anstalt zu erweitern". Das tun sie seither in Rothaus - heute mehr denn je. Das Bier der Badischen Staatsbrauerei, das noch vor wenigen Jahrzehnten selbst in Stuttgart als Exoten-Gebräu galt, wird heute selbstverständlich an unzähligen Tresen in Frankfurt, Hamburg und Berlin ausgeschenkt. Das "Tannenzäpfle", ein schlankes Pils mit Retro-Charme, ist Kult selbst unter den verhöhnten "Porno-Schwaben" der Hauptstadt. Und während die Branche seit Jahren unter dem mangelnden Bierdurst der Deutschen ächzt, baut Rothaus seinen Marktanteil von Bilanz zu Bilanz weiter aus.
Ein Erfolg, den die Schwarzwälder mit der ihnen eigenen Gelassenheit betrachten: "Man braucht Kraft zur Bescheidenheit", sagt Geschäftsführer Thomas Schäuble, als Weinliebhaber mit erstaunlicher Bierruhe gesegnet.
Nun ist es nicht so, dass sie in Rothaus von Staats wegen dem Schlendrian frönen und kein Geld verdienen wollen. Das Gegenteil ist der Fall. Dafür sorgt schon einer wie Schäuble, der in acht Jahren als CDU-Innenminister von Baden-Württemberg das Bohren dicker Bretter gelernt hat. Aber es ist eben auch nicht so, dass sie auf Teufel komm\' raus expandieren wollen. Deshalb findet es Schäuble zwar "ganz nett", dass nun auch gepiercte Berliner am "Tannenzäpfle" nuckeln. Mehr aber auch nicht. "Man sieht ja jetzt an der Finanzkrise dieses sinnlose Wachstum, als wollte man Weltreiche erobern." Im Schwarzwald gibt man sich schon mit Baden zufrieden.
Es anders zu machen als alle anderen, das war in der Badischen Staatsbrauerei schon so, bevor Thomas Schäuble 2004 das Kommando übernahm. Dabei befindet sich die Bierbranche in einem Umbruch ohne Beispiel. Seit mehr als 30 Jahren geht der Bierkonsum der Deutschen beständig zurück - zugegeben, von einem hohen Niveau aus. Trank der Durchschnittsbürger 1975 noch 148 Liter im Jahr, waren es 2006 noch ganze 116, Tendenz fallend.
Die Brauereien reagierten mit ungeheurem Aufwand. Schalteten sündhaft teure Fernsehwerbung. Köderten Kunden mit der beruhigenden Aussicht, Bier trinkend den Regenwald zu retten. Und erfanden ein neues, irgendwie gerstenhaltiges Mischgebräu nach dem anderen. Cola und Bier. Kaktusfeige und Bier. Cappuccino und Bier. Neue Etiketten, neue Slogans, neue Zielgruppen, je jünger, desto besser. Es half nichts. Branchenkenner sagen voraus, dass von den knapp 1300 Brauereien in Deutschland bald schon die Hälfte verschwunden sein könnte. Das hat die Panik noch verschlimmert. Nur in Rothaus, im Badner Land, herrscht Ruh'.
Wer an einem x-beliebigen Werktag vor dem alten Gemäuer im Nirgendwo stoppt, könnte argwöhnen, dass sie hier deswegen noch nie Fernsehwerbung geschaltet haben, weil es womöglich nicht mal einen Kabelanschluss gibt. Alles wirkt ein wenig vorgestrig hier, wo in vier Himmelsrichtungen mächtige Rottannen den Ausblick verbauen, der Geruch gemälzter Gerste durch die Wipfel wabert und der Bleisbach plätschert. Auch das Etikett des "Tannenzäpfle" ist ja nicht mehr verändert worden, seit Grafiker Roland Jenne aus Kirchzarten anno 1972 sein fast schon real-sozialistisch anmutendes Mädel entwarf. Von tapferen Trinkern wurde sie "Biergit Kraft" getauft, abgeleitet von "Bier git Kraft" - das ist Alemannisch und beinahe ausgestorben.