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Dossier
Was bewegt die Menschen in Rhein-Main?

04. September 2007

Säkular in vitaler Religion

 Von ANITA STRECKER UND CANAN TOPçU

Moscheebau löst Grundsatzdebatte aus

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Zwei fast 55 Meter hohe Minarette, ein Gebetsraum für 1250 Gläubige unter einer 34,5 Meter hohen Kuppel: Maße und Daten der geplanten Ditib-Zentralmoschee im Kölner Stadtteil Ehrenfeld haben einen Aufruhr ausgelöst, der fast die Züge eines Kulturkampfes trägt. Orientalische Optik diesen Ausmaßes scheint sozial unverträglich.

Die Wogen des Widerstands schlagen aber auch gegen die geplante Moschee der Fatima-Gemeinde am Industriehof in Hausen hoch - trotz moderner mitteleuropäischer Architektur und bescheidener Gebäudegröße: Die beiden schlanken Minarette bleiben mit 16 Metern noch unter der Höhe des nahe gelegenen Studentenwohnheims, der Gebetsraum wird allenfalls 300 Menschen fassen und verschwindet in einem modernen Gemeindezentrum mit viel Glas, das Transparenz signalisieren soll, wie Ünal Kaymakçi, Sprecher der Fatima-Gemeinde, betont.

Architektur nicht entscheidend

Eine orientalische Anmutung bleibt im Bauprojekt ohnehin allenfalls Zitat: Stilisierte Arkaden mit fünf Säulen, die die fünf Stützen des Islam symbolisieren, oder persische Fliesen am Durchgang zwischen Gemeindezentrum und dem angebauten Mehrfamilienhaus, mit dessen Mieterlösen die Fatima-Gemeinde ihren Moscheebau finanzieren will.

Größe, Optik und Standort sind wichtig, entscheiden aber nicht allein, ob eine Moschee akzeptiert wird oder auf Widerstand stößt - davon ist Professor Claus Leggewie vom kulturwissenschaftlichen Institut in Essen überzeugt. Im Auftrag der Quandt-Stiftung hat er mit anderen 2002 eine Handreichung zum möglichst konfliktfreien Moschee-Bau verfasst. Nach seiner Beobachtung sei aber gerade im Bürgertum und bei gebildeteren Schichten eine wachsende Distanz zum Islam zu spüren. Er sieht darin "eine verzögerte Reaktion auf den 11. September und seine Folgen".

Als wesentlicher empfindet Leggewie aber die Schwierigkeit, als moderner Mensch in einer säkularen Gesellschaft plötzlich mit einer vitalen Religion konfrontiert zu werden. "Das irritiert, ist aber gleichzeitig wie ein Phantomschmerz": Das Vakuum, das die Religion als etwas Sinnstiftendes hinterlassen hat, trifft plötzlich auf die Konkurrenz des Islam, der bei den Gläubigen die Leere füllt.

Ängstliche Moderne

Ähnlich formuliert es Roland Löffler, evangelischer Theologe und Leiter des Trialogs der Kulturen bei der Quandt-Stiftung in Bad Homburg. "Früher glaubte man, Moderne funktioniert nur in säkularen Gesellschafen, dass sich Religion im Modernisierungsprozess auflöst oder zur Privatsache wird." In der multikulturellen, pluralistischen Gesellschaft zeige sich aber, dass die Moderne ein "ergebnisoffener Prozess ist, der Säkularisierung und die Revitalisierung von Religionen gleichermaßen möglich macht", sagt Löffler. "Viele Menschen haben keine Praxis mit Religion, wissen zu wenig über ihre kulturellen Wurzeln und empfinden deshalb eine konservative Religion als suspekt."

Für ihn ist eine Moschee nur Symbol für die Grundsatzfrage, der sich eine multikulturelle Gesellschaft zu stellen habe: "Man muss kapieren, dass der Islam hier bleibt und Teil der Gesellschaft ist." Umgekehrt, sagt Löffler, müssten aber auch islamische Gemeinden und Vereine lernen, sich zu öffnen und einzulassen. "Viele stellen sich ungeschickt an" - suchten entweder keinen Dialog oder pochten auf die gesetzlich verbürgte Religionsfreiheit.

Gerade deshalb halten Löffler wie auch Leggewie die Debatten um Moscheebauten wie in Hausen oder Köln für wichtig, "um endlich das grundsätzliche Problem" des Miteinanders anzugehen. Ein Prozess, von dem beide erwarten, dass er noch Jahre dauern wird.

Vorgeschobene Probleme

Dass es auch beim Hausener Moschee-Bau nicht nur um Verkehr, Parkplatznot und Gebäudegrößen geht, wurde bei der Informationsveranstaltung der Hazrat-Fatima-Gemeinde am Sonntag in Rödelheim deutlich. "Egal, was sie sagen, wir lehnen diesen Bau ab": Mit diesen Worten kommentierte Horst Weißbarth, Sprecher der Bürgerinitiative gegen die Moschee in Hausen, die Power-Point-Präsentation und ausführliche Vorstellung des Bauvorhabens.

Ünal Kaymakçi von der Hazrat Fatima Moschee bedauerte Weißbarths "nicht konstruktive" Vorgehensweise. Die Diskussion über den Islam als Bestandteil dieser Gesellschaft habe sehr spät angefangen, erklärte der BFF-Stadtverordnete Wolfgang Hübner. "Nicht Moscheen, der Islam ist unser Problem", betonte Hübner und brachte in einem Satz zum Ausdruck, dass die Diskussion um Parkplatzmangel und hohes Verkehraufkommen nur vorgeschoben seien.

Eine Hausenerin griff das am Sonntag immer wieder erwähnte Stichwort "Integrationsproblem" auf und stellte fest, dass viele der alteingesessenen Bürger die Veränderungen in der Gesellschaft nicht realisiert hätten.

Menschen mit "anderem Aussehen und einer anderen Religion" seien ein Teil dieser Gesellschaft, das müssten wir akzeptieren, "ob wir es wollen oder nicht", betonte Integrationsdezernent Jean-Claude Diallo. Gegen Widerstand helfe nur eines: "Aufklären, bis alle es verstehen." Für Claus Leggewie ist nun politische Führung gefragt. In Frankfurt müsse OB Roth Stellung im Sinne der multikulturellen Gesellschaft beziehen - gerade wenn Proteste hochkochen.

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